Großenkneten. Die Hermann und Ursula Wüstefeld-Stiftung unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) stellt 25.000 Euro für die Fassadeninstandsetzung des Stellwerks Ahlhorn in Großenkneten im Landkreis Oldenburg zur Verfügung. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Erneuerung der Verfugung. Damit soll die historische Backsteinfassade dauerhaft gesichert und vor weiteren Schäden geschützt werden. Die Förderung kommt zu einem wichtigen Zeitpunkt: Das Gebäude hat bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich und konnte nach jahrelangem Leerstand vor dem Verfall bewahrt werden. Die nun vorgesehenen Arbeiten sind ein weiterer Schritt, um das seltene Technikdenkmal langfristig zu erhalten.
Stellwerk und Wasserturm in einem Gebäude
Das Stellwerk Ahlhorn wurde 1931 errichtet. Seine Entstehung hängt eng mit der Entwicklung des Bahnhofs zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt zusammen. Anfang des 20. Jahrhunderts kreuzten sich hier die Bahnstrecke Oldenburg–Osnabrück und die später stillgelegte Verbindung von Ahlhorn nach Vechta. Neben dem Personenverkehr gewann insbesondere der Güterverkehr an Bedeutung.
Auch der nahe gelegene Fliegerhorst und der Abtransport großer Mengen regional gewonnenen Sandes sorgten für ein wachsendes Verkehrsaufkommen. Mit der Erweiterung des Gleisfeldes stieg der Bedarf an technischen Einrichtungen, um Züge auf die richtigen Gleise zu lenken und Dampflokomotiven mit Wasser zu versorgen.
Die Lösung war ein ungewöhnlicher Zweckbau: Das Ahlhorner Stellwerk vereinte die Funktion eines klassischen Stellwerks mit der eines Wasserturms. Während im Gebäude die Weichen gestellt und die Zugbewegungen überwacht wurden, befand sich im darüberliegenden Turm ein großer Wassertank. Über ihn wurden Dampflokomotiven und Kesselwagen versorgt. Auch betriebseigene Dienstgebäude und Wohnungen waren an die Wasserversorgung angeschlossen.
Backsteinarchitektur der Neuen Sachlichkeit
Architektonisch handelt es sich um einen sachlichen Backsteinbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Das Erscheinungsbild wird von einem viergeschossigen Turm geprägt, der sich deutlich über die niedrigeren Gebäudeflügel erhebt. Das großzügig verglaste erste Obergeschoss lockert den massiven Baukörper auf.
Dort befand sich der Arbeitsplatz der Bahnbeamten. Von hier aus hatten sie einen guten Überblick über die Gleisanlagen und konnten zugleich die Anzeige für den Füllstand des Wassertanks kontrollieren. Die ungewöhnliche Kombination aus Stellwerk und Wasserversorgung machte das Gebäude zu einer technischen Besonderheit. Solche Anlagen waren vergleichsweise selten. Mit dem Ende des Dampflokomotivbetriebs verloren viele integrierte Wassertürme ihre Funktion und wurden später abgebrochen. Das Stellwerk Ahlhorn ist deshalb ein selten erhaltenes Zeugnis der regionalen Eisenbahn- und Technikgeschichte.
Leerstand, Vandalismus und Rettung des Technikdenkmals
Nach seiner Stilllegung im Jahr 1991 begann für das Gebäude eine lange Phase des Leerstands. Eingeworfene Fensterscheiben, Graffiti und weitere Spuren von Vandalismus beeinträchtigten die Bausubstanz. Die Zukunft des Stellwerks war zeitweise ungewiss. Bereits 2014 engagierte sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für den Erhalt des Gebäudes. Damals stellte sie 20.000 Euro für die Restaurierung von Außentüren und Fenstern bereit. Die Förderung war Teil einer umfassenderen Sanierung, die das Technikdenkmal wieder nutzbar machen sollte.
Ende 2016 konnte schließlich eine neue Nutzung gefunden werden. In das Gebäude zogen Büro- und Archivräume ein. Damit erhielt das ehemalige Stellwerk nicht nur eine neue Funktion, sondern auch eine langfristige Perspektive. Die aktuelle Fassadeninstandsetzung knüpft an diese erfolgreiche Wiederbelebung an.
Erhalt eines seltenen Zeugnisses der Eisenbahngeschichte
Die erneute Förderung zeigt, dass Denkmalschutz nicht mit einer einmaligen Sanierung abgeschlossen ist. Gerade historische Backsteinbauten benötigen regelmäßige Pflege. Beschädigte Fugen können Feuchtigkeit in das Mauerwerk eindringen lassen und langfristig zu erheblichen Schäden führen. Die geplante Erneuerung der Verfugung dient deshalb nicht nur der optischen Aufwertung, sondern vor allem dem Schutz der historischen Bausubstanz.
Das Stellwerk Ahlhorn gehört seit 2014 zu den von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geförderten Denkmalen. Allein in Niedersachsen hat die Stiftung nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 580 historische Gebäude und Anlagen unterstützt.
Mit den zusätzlichen 25.000 Euro wird ein Bauwerk gesichert, das weit mehr ist als ein ehemaliges Betriebsgebäude der Bahn. Es dokumentiert eine Zeit, in der Eisenbahninfrastruktur, Dampflokomotivbetrieb und technische Wasserversorgung eng miteinander verbunden waren. Dass das Stellwerk heute noch existiert und eine neue Nutzung gefunden hat, ist ein Beispiel dafür, wie auch unscheinbare Zweckbauten zu bedeutenden Zeugnissen der Technikgeschichte werden können.
