Bad Frankenhausen. Er war einst akut gefährdet und stand mehrfach vor dem Aus. Heute soll er Besucher aus der gesamten Kyffhäuserregion anziehen: Der Schiefe Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen hat eine spektakuläre Wandlung hinter sich. Aus einem schwer geschädigten und einsturzgefährdeten Baudenkmal ist ein gesichertes Wahrzeichen mit modernem Besucherzentrum geworden. Die Rettung war allerdings alles andere als selbstverständlich. Über Jahrzehnte musste immer wieder nach Lösungen gesucht werden, um den historischen Turm dauerhaft zu stabilisieren.
Schiefer als der Turm von Pisa
Der Turm gehört zu den außergewöhnlichsten historischen Bauwerken Thüringens. Seine Neigung beträgt rund 4,86 Meter – damit ist er stärker geneigt als der weltberühmte Schiefe Turm von Pisa. Verantwortlich für die ungewöhnliche Schieflage sind allerdings keine spektakulären Baufehler. Der Untergrund unter Bad Frankenhausen verändert sich seit Jahrhunderten. Salzauslaugungen und Karstbildung führen zu Bodensenkungen und haben damit auch die Statik des Turms beeinflusst. Das Bauwerk ist deshalb nicht nur ein bedeutendes Denkmal, sondern zugleich von erheblichem geowissenschaftlichem Interesse.
Jahrzehntelanger Kampf gegen den Verfall
Die Probleme des Turms sind keineswegs neu. Bereits 1935 und 1936 wurden Sicherungsmaßnahmen durchgeführt. In den 1990er-Jahren folgten weitere Untersuchungen und Stabilisierungsschritte. Zwischen 1993 und 2001 wurde intensiv an der Sicherung des Bauwerks gearbeitet. Von 2007 bis 2009 rückte schließlich der Untergrund stärker in den Mittelpunkt. Untersuchungen sollten klären, welche Möglichkeiten für den langfristigen Erhalt überhaupt bestehen. Doch eine technische Lösung allein reichte nicht aus. Auch die Frage, wie die Zukunft des gesamten Ensembles finanziert und gestaltet werden konnte, blieb offen.
Bürger kämpfen für ihr Wahrzeichen
Ein wichtiger Wendepunkt kam 2011. Stadt, Förderverein und engagierte Bürger starteten eine große Spendenaktion. Ziel war es, die Oberkirche zu erwerben und weitere Sicherungsmaßnahmen zu ermöglichen. Damit wurde deutlich: Der Erhalt des Schiefen Turms war längst nicht mehr nur eine Aufgabe für Behörden und Fachleute. Die Bevölkerung selbst kämpfte um ein Wahrzeichen, das für die Identität der Stadt eine besondere Bedeutung besitzt.
Eine Stahlkonstruktion rettet den Turm
Die entscheidende technische Lösung folgte 2014. Eine speziell entwickelte Dreipunkt-Stützkonstruktion aus Stahl stabilisiert den Turm seither dauerhaft. Das Besondere an der Konstruktion: Sie soll die historische Bausubstanz möglichst wenig beeinträchtigen und gleichzeitig Bewegungen des Gebäudes ausgleichen können. Damit war die unmittelbare Gefahr gebannt. Aus einem möglichen Abrisskandidaten wurde ein langfristig gesichertes Baudenkmal.
Vom Denkmal zum Erlebnisort
Doch die Rettung der Bausubstanz war nur der erste Schritt. Seit 2023 wurde die Oberkirche touristisch erschlossen. Aus dem gefährdeten Bauwerk sollte ein Ort werden, an dem Geschichte nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden kann. 2026 folgte die Eröffnung des neuen Besucherzentrums. Besucher erhalten dort Einblicke in die Geschichte des Turms, seine außergewöhnliche Schieflage und die geologischen Prozesse, die zu seiner heutigen Form geführt haben. Zum Konzept gehören unter anderem ein immersiver Kinobereich, Virtual-Reality-Anwendungen und ein Veranstaltungssaal.
Skywalk über den Dächern von Bad Frankenhausen
Besonders spektakulär ist der Aufstieg in die Turmhaube. Dort wartet ein aus- und einfahrbarer Skywalk mit Glasboden. Der Aussichtspunkt ermöglicht einen ungewöhnlichen Blick über Bad Frankenhausen und die Landschaft der Kyffhäuserregion. Damit bekommt das historische Bauwerk eine völlig neue Funktion: Was früher vor allem wegen seiner statischen Probleme Schlagzeilen machte, soll nun selbst zum touristischen Höhepunkt werden. Die Stadt setzt dabei bewusst auf die Verbindung von Denkmalpflege, moderner Vermittlung und Erlebnis.
Ein Beispiel für erfolgreiche Denkmalrettung
Die Geschichte des Schiefen Turms zeigt, dass selbst scheinbar aussichtslose Fälle nicht zwangsläufig mit dem Abriss enden müssen. Entscheidend waren über Jahre hinweg Untersuchungen, technische Innovation, öffentliche Förderung und nicht zuletzt das Engagement der Bevölkerung. Heute steht der Turm nicht mehr für drohenden Verfall, sondern für die Möglichkeit, ein schwieriges Denkmal dauerhaft zu erhalten und gleichzeitig neu zu nutzen. Bad Frankenhausen will den Schiefen Turm damit zu einem touristischen Ankerpunkt der gesamten Kyffhäuserregion entwickeln. Die Geschichte des Bauwerks ist dafür selbst das stärkste Argument: Aus einem Abrisskandidaten wurde ein Besuchermagnet.
