Berlin-Köpenick. Wo jahrzehntelang verlassene Fabrikhallen den Charakter einer großen Industriebrache prägten, bestimmen inzwischen Bagger, Erdhaufen und Bauschutt das Bild. Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks Köpenick an der Friedrichshagener Straße schreiten Abriss und Bodensanierung voran. Doch vom angekündigten neuen Wohnquartier ist weiterhin nichts zu sehen. Rund 920 Wohnungen, eine Kita, Gewerbeflächen und öffentliche Freiräume sind geplant. Wann der eigentliche Wohnungsbau beginnen kann, ist derzeit offen. Das Vorhaben zeigt, wie langwierig die Umwandlung eines belasteten Industrieareals in ein neues Stadtquartier werden kann.
Eine Industriebrache wird zur Großbaustelle
Das etwa 66.000 Quadratmeter große Gelände liegt zwischen der Friedrichshagener Straße, der Salvador-Allende-Brücke und der Spree. Über Jahrzehnte war das ehemalige Kabelwerk nach seiner Schließung Mitte der 1990er-Jahre dem Verfall überlassen. Verlassene Produktionshallen, beschädigte Backsteinfassaden und überwucherte Gebäudeteile machten das Areal zu einem markanten Lost Place im Berliner Südosten. Inzwischen hat sich das Erscheinungsbild grundlegend verändert. Große Teile der früheren Fabrikanlage sind abgerissen, an vielen Stellen liegen Erde, Ziegelschutt und weiteres Abbruchmaterial. Einzelne historische Gebäude stehen noch zwischen den freigeräumten Flächen. Sie sollen erhalten bleiben und später in das neue Quartier integriert werden.
Für das Projekt ist die BUWOG verantwortlich, eine Tochtergesellschaft des Immobilienkonzerns Vonovia. Unter dem Namen CÖPIUS soll auf dem Gelände ein gemischt genutztes Quartier entstehen. Doch während die Beseitigung der alten Industrieanlagen sichtbar voranschreitet, bleibt der nächste entscheidende Schritt aus: der Bau der Wohnungen.
Vom Telegrafendraht zum DDR-Kabelkombinat
Die Geschichte des Standorts reicht bis ins Jahr 1858 zurück. Damals gründete Julius Vogel in Berlin eine Fabrik zur Herstellung von Telegrafendraht. Der Standort in Köpenick entstand später, ab 1916 wurde dort produziert. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem wichtigen Teil der deutschen Kabelindustrie.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb von der sowjetischen Besatzungsmacht kontrolliert. In der DDR gehörte das Kabelwerk zum Kombinat Kabelwerk Oberspree, kurz KWO. Hier wurden Kabel und Drähte für unterschiedliche technische und industrielle Anwendungen hergestellt. Der Betrieb war damit Teil einer Industrie, die für die Energieversorgung, Telekommunikation und zahlreiche Produktionszweige von Bedeutung war. Mit dem Ende der DDR geriet der Standort unter erheblichen wirtschaftlichen Druck. Mitte der 1990er-Jahre wurde das Werk geschlossen. Die verbliebenen Gebäude verloren ihre Funktion, verfielen und entwickelten sich zu einer weitläufigen Industriebrache. Was einst ein bedeutender Produktionsstandort war, wurde über Jahrzehnte zum Sinnbild ungenutzter Industrieflächen in Berlin.
Nicht alles soll verschwinden
Trotz des weit fortgeschrittenen Rückbaus ist vorgesehen, wichtige Zeugnisse der Industriegeschichte zu bewahren. Dazu zählen zwei fünfgeschossige Etagenfabriken, Teile angrenzender Hallen, das ehemalige Pförtnerhaus sowie die historische Umfassungsmauer entlang der Friedrichshagener Straße. Auch alte Gleisanlagen und Drehscheiben sollen bei der Entwicklung berücksichtigt werden. Besonders die markanten Backsteinbauten sollen künftig eine neue Rolle übernehmen. Vorgesehen sind unter anderem Büros, Gastronomie, Werkstätten und weitere gewerbliche Nutzungen. In den oberen Geschossen sind Wohnlofts geplant. Damit sollen die historischen Fabrikgebäude zum identitätsstiftenden Mittelpunkt des neuen Quartiers werden.
Der Erhalt dieser Gebäude ist allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden. Jahrzehntelanger Leerstand und fehlende Instandhaltung haben Spuren hinterlassen. Beschädigte Fassaden, leere Fensteröffnungen und Graffiti prägen das Bild der noch stehenden Bauten. Bis aus den Ruinen nutzbare Räume werden, sind umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich. Die Entwicklung steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Nicht mehr benötigte und nicht erhaltenswerte Gebäude müssen weichen, während die denkmalwürdige Substanz gesichert und für neue Nutzungen vorbereitet werden soll.
Altlasten bremsen die Entwicklung
Ein wesentlicher Grund für die Verzögerungen liegt im Boden. Das frühere Industrieareal ist nach Angaben der Projektentwicklerin stark kontaminiert. Vor dem Wohnungsbau müssen belastete Böden ausgehoben, fachgerecht entsorgt und die Flächen für die spätere Nutzung vorbereitet werden. Die BUWOG begann im Oktober 2024 mit der Bodensanierung und Beräumung. Ursprünglich war für diese Arbeiten ein Zeitraum von etwa 15 Monaten vorgesehen. Damit hätte die vorbereitende Phase Anfang 2026 weitgehend abgeschlossen sein sollen. Tatsächlich liefen die Arbeiten Ende Oktober 2026 noch immer.
Die Altlastenbeseitigung ist keine bloße Nebenaufgabe. Bei früheren Industriestandorten können Schadstoffe im Boden und in baulichen Anlagen die Bauvorbereitung erheblich erschweren. Material muss untersucht, getrennt, transportiert und entsprechend seiner Belastung entsorgt werden. Solche Maßnahmen verursachen Kosten und können Zeitpläne verschieben.
Wie stark die bisherigen Verzögerungen den Gesamtzeitplan beeinflussen, lässt sich derzeit nicht abschließend beziffern. Die Projektentwicklerin hat bislang weder einen belastbaren Termin für den Beginn des Wohnungsbaus noch einen Fertigstellungstermin für das gesamte Quartier veröffentlicht.
Ohne Bebauungsplan keine Wohnungen
Neben der Bodensanierung gibt es eine weitere entscheidende Hürde: das noch laufende Bebauungsplanverfahren 9-53. Der Bezirk Treptow-Köpenick arbeitet seit Jahren an den planungsrechtlichen Voraussetzungen für die Entwicklung des Areals. Bereits Ende 2020 fand eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Ein abgeschlossenes Verfahren ist jedoch notwendig, damit die geplante Neubebauung auf eine gesicherte planungsrechtliche Grundlage gestellt werden kann. Auch Gutachten, die Beteiligung verschiedener Behörden und politische Entscheidungen spielen dabei eine Rolle.
Noch vor wenigen Jahren galt ein Baubeginn im Jahr 2026 als realistisch. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Ende Oktober 2026 ist das Gelände weiterhin von Rückbau- und Sanierungsarbeiten geprägt. Solange das Planungsrecht nicht abschließend geklärt ist, bleibt offen, wann die ersten Wohngebäude tatsächlich entstehen können. Das Vorhaben verdeutlicht damit ein grundlegendes Problem vieler Stadtentwicklungsprojekte: Selbst wenn ein Investor feststeht und die Umgestaltung eines Grundstücks längst angekündigt ist, bedeutet das noch nicht, dass kurzfristig gebaut werden kann.
920 Wohnungen, Kita und öffentlicher Spreeuferweg
An den grundsätzlichen Plänen für CÖPIUS hält die BUWOG fest. Vorgesehen sind rund 920 Miet- und Eigentumswohnungen sowie eine Kita und Gewerbeflächen. Mindestens 30 Prozent der Wohnungen sollen nach den bisherigen Planungsunterlagen mit Mietpreis- und Belegungsbindungen versehen werden.
Darüber hinaus ist entlang der Spree ein öffentlich zugänglicher Uferweg vorgesehen. Grünflächen und Spielplätze sollen das neue Wohngebiet ergänzen und Aufenthaltsmöglichkeiten schaffen. Die Neubauten sind überwiegend mit vier bis sechs Geschossen geplant. Frühere Entwürfe sahen an der Salvador-Allende-Straße außerdem einen neungeschossigen Büroturm vor.
Die Pläne versprechen eine umfassende Veränderung des bislang abgeschotteten Industrieareals. Aus einer ungenutzten Fabrikbrache soll ein Wohnquartier mit öffentlichen Wegen und unterschiedlichen Nutzungen werden. Für Köpenick wäre das eine erhebliche städtebauliche Veränderung. Doch zwischen den Plänen und ihrer Umsetzung liegt weiterhin ein langer Weg.
Das Umfeld entwickelt sich schneller
Während CÖPIUS noch in der vorbereitenden Phase steckt, verändert sich die Nachbarschaft bereits. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich das frühere Draka-Werk, in dem bis 2023 noch Kabel produziert wurden. Dort plant Tesla, eine rund 20.000 Quadratmeter große Halle zu einem europäischen Entwicklungszentrum umzubauen. Auch auf dem Gelände der benachbarten ehemaligen Filmfabrik entsteht ein neues Wohnprojekt. Das BUWOG-Vorhaben ARBOR umfasst 36 Eigentumswohnungen und soll voraussichtlich 2028 fertiggestellt werden.
Diese Entwicklungen zeigen, wie stark sich der Bereich rund um die Friedrichshagener Straße wandelt. Ehemalige Industrie- und Produktionsflächen werden neu genutzt, Wohnraum entsteht und Gewerbe siedelt sich an. Das frühere Kabelwerk bleibt vorerst jedoch eine Großbaustelle, deren künftige Gestalt noch nicht absehbar ist.
Ein Lost Place verschwindet – die Zukunft bleibt offen
Der Rückbau des Kabelwerks verändert nicht nur das Gelände, sondern auch einen Ort, der über Jahrzehnte zum festen Bestandteil der lokalen Industriegeschichte gehörte. Mit den abgerissenen Hallen verschwinden bauliche Zeugnisse der Kabelproduktion und der DDR-Industrie. Die erhaltenen Backsteinbauten sollen künftig an diese Vergangenheit erinnern und zugleich neue Funktionen übernehmen. Ob das gelingt, wird sich erst zeigen, wenn die Sanierung abgeschlossen ist und die denkmalwürdigen Gebäude tatsächlich eine neue Nutzung erhalten. Bis dahin bleibt das Areal ein Beispiel für die komplizierte Umwandlung einer belasteten Industriebrache.
Die rund 920 geplanten Wohnungen sind weiterhin Teil der Perspektive für den Standort. Doch ein konkreter Baubeginn ist nicht bekannt. Der Abriss ist weit fortgeschritten, die Bodensanierung dauert länger als ursprünglich vorgesehen und das notwendige Planungsrecht steht noch aus. Für Menschen, die auf neuen Wohnraum am Spreeufer hoffen, bedeutet das vor allem: Ein Einzugstermin ist vorerst nicht in Sicht.
