„Schildkröte“ soll abgerissen und neu gebaut werden

Foto: Fiege
Foto: Fiege

Münster. Sie gehört zu den markanten Relikten der industriellen Vergangenheit des Münsteraner Stadthafens – doch das Betonsilo mit dem Spitznamen „Schildkröte“ ist offenbar nicht mehr zu retten. Das Logistikunternehmen Fiege plant deshalb den vollständigen Abriss und einen anschließenden Wiederaufbau am bisherigen Standort. Das neue Bauwerk soll begrünt werden und sich in die neu gestaltete Hafenpromenade einfügen. Die Fertigstellung ist für Mitte 2027 vorgesehen. Damit zeichnet sich eine ungewöhnliche Lösung ab: Das historische Erscheinungsbild soll erhalten bleiben, obwohl die originale Bausubstanz verschwindet.

Marodes Betonsilo wird zum Sicherheitsrisiko

Bauzäune sichern das Areal bereits seit einiger Zeit. Sie sollen Passanten vor herabfallenden Betonteilen schützen. Untersuchungen durch externe Fachleute haben nach Angaben von Fiege erhebliche Schäden an der Bausubstanz und der tragenden Grundstruktur ergeben. Eine Sanierung, die langfristig Bestand hätte, sei unter diesen Bedingungen kaum möglich.

Das Unternehmen verweist dabei auch auf Erfahrungen mit dem benachbarten Betonsilo „Elefant“. Dessen Instandsetzung erwies sich als deutlich aufwendiger und langwieriger als ursprünglich erwartet. Diese Erfahrungen hätten die Entscheidung beeinflusst, die „Schildkröte“ nicht weiter zu sanieren, sondern durch einen Neubau zu ersetzen.

„Schildkröte“, „Elefant“ und „Giraffe“ prägen den Hafen

Die drei ungewöhnlich geformten Bauwerke „Schildkröte“, „Elefant“ und „Giraffe“ gehören zu den auffälligen baulichen Zeugnissen des früheren Industriehafens. Sie erinnern an die Zeit, in der das Areal vor allem durch Lagerung, Umschlag und gewerbliche Nutzung geprägt war. Heute treffen dort historische Industrieelemente auf moderne Bürogebäude, Gastronomie und neue öffentliche Aufenthaltsbereiche.

Besonders die eigenwilligen Formen der Betonsilos haben den Charakter des Stadthafens mitgeprägt. Sie unterscheiden das Areal von gewöhnlichen Gewerbegebieten und machen die industrielle Vergangenheit im heutigen Stadtbild sichtbar. Der Erhalt dieser Landmarken ist deshalb auch für die Identität des Hafenquartiers von Bedeutung. Fiege möchte den industriellen Charakter des Ensembles trotz des notwendigen Abrisses bewahren. Die neue „Schildkröte“ soll an derselben Stelle entstehen und die gestalterische Verbindung zu den benachbarten Bauwerken aufrechterhalten.

Grüner Panzer für die neue Hafenpromenade

Eine wesentliche Veränderung ist bereits vorgesehen: Der Neubau soll begrünt werden. Damit will Fiege die Aufenthaltsqualität entlang der Hafenpromenade verbessern und einen zusätzlichen grünen Akzent setzen. Wie die Begrünung konkret aussehen wird, welche Pflanzen vorgesehen sind und wie die neue Konstruktion im Detail gestaltet werden soll, ist bislang nicht näher ausgeführt.

Die Abbrucharbeiten sollen nach Unternehmensangaben möglichst zeitnah beginnen. Voraussetzung sind die erforderlichen Genehmigungen. Gleichzeitig muss der Ablauf mit den Arbeiten der Stadt an der Südseite des Hafens abgestimmt werden, damit sich die unterschiedlichen Bauprojekte nicht gegenseitig behindern. Die Fertigstellung ist für Mitte 2027 geplant. <Cite refs={[„turn940887view0“]}/>

Hafenumbau verändert das Umfeld

Der Neubau der „Schildkröte“ ist Teil eines umfassenderen Wandels am Münsteraner Stadthafen. Die Stadt gestaltet die Südseite des Hafenbeckens schrittweise zu einer neuen Promenade um. Vorgesehen sind unter anderem Natursteinpflaster, Sitzgelegenheiten und eine Beleuchtung, deren Gestaltung an Schiffsmasten erinnert. Gleichzeitig sollen historische Elemente wie Gleise, Kräne und die charakteristischen Betonsilos an die frühere Nutzung des Hafens erinnern.

Die Herausforderung besteht darin, öffentliche Aufenthaltsqualität zu schaffen, ohne die industrielle Geschichte des Standorts vollständig aus dem Stadtbild zu verdrängen. Die verbliebenen Industriezeugnisse sind dabei mehr als dekorative Kulissen: Sie geben dem Hafenquartier eine eigene Identität und machen seine Entwicklung nachvollziehbar. Fiege steht nach eigenen Angaben mit der Stadt und dem beauftragten Planungsbüro im Austausch, um den Neubau auf die Gestaltung der Promenade abzustimmen.

Historisches Erscheinungsbild ohne originale Bausubstanz

Der geplante Abriss wirft eine grundsätzliche Frage der Industriekultur auf: Wie viel historische Authentizität bleibt erhalten, wenn ein prägendes Bauwerk vollständig ersetzt wird? Ein Neubau kann die vertraute Silhouette bewahren und zugleich neue Anforderungen erfüllen. Die originale Substanz, die Spuren früherer Nutzung und die historische Konstruktion lassen sich dadurch jedoch nicht retten.

Im Fall der „Schildkröte“ begründet Fiege den Schritt mit dem desolaten Zustand des Bauwerks und den Risiken einer nicht dauerhaft verlässlichen Sanierung. Ob der Neubau den Charakter des Originals überzeugend aufnehmen wird, wird sich erst anhand der konkreten Ausführung beurteilen lassen.

Der Stadthafen verliert damit zunächst ein Stück seiner originalen Industriearchitektur. Gleichzeitig besteht die Chance, die markante Form in die künftige Gestaltung des Quartiers einzubinden. Bis Mitte 2027 soll sich zeigen, ob aus dem Abriss tatsächlich eine überzeugende Verbindung von industriellem Erbe, zeitgemäßer Architektur und Begrünung entsteht.

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