Braunschweig. Hinter hohen Mauern, vergitterten Fenstern und schweren Stahltüren herrscht inzwischen Stille. Das ehemalige Gefängnis am Rennelberg in Braunschweig steht seit dem Umzug der letzten Untersuchungshäftlinge leer. Nun sucht das Land Niedersachsen einen Käufer für das geschichtsträchtige Areal – und stellt Investoren vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Für einen Startpreis von 3,6 Millionen Euro wird das rund 13.400 Quadratmeter große Gelände in attraktiver Innenstadtlage angeboten. Doch wer das ehemalige Gefängnis erwerben möchte, muss nicht nur erhebliche Investitionen einplanen, sondern auch den sensiblen historischen Hintergrund des Standorts berücksichtigen.
Leerstand nach mehr als 140 Jahren Gefängnisgeschichte
Das Gefängnis wurde bereits 1884 als Kreis- und Untersuchungsgefängnis errichtet und prägte über Generationen die Justizgeschichte Braunschweigs. Bis April 2024 waren dort noch Untersuchungshäftlinge untergebracht, bevor die letzten 44 Insassen in die Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel verlegt wurden. Seitdem stehen die Gebäude leer. Beim Rundgang durch die ehemalige Haftanstalt zeigt sich der Zustand der Anlage deutlich: bröckelnder Putz, unbeheizte Räume, leere Zellen und verblasste Erinnerungen an die Menschen, die hier einst einsaßen. Viele Einrichtungsgegenstände wurden bereits entfernt, zurückgeblieben sind lediglich Waschbecken, Toiletten und die charakteristische Gefängnisarchitektur.
Käufer gesucht: Hotel, Kulturzentrum oder Wohnprojekt?
Bislang haben mehrere Interessenten das Areal besichtigt. Konkrete Kaufangebote liegen jedoch noch nicht vor. Welche Nutzungskonzepte verfolgt werden, bleibt bislang offen. Aus Sicht des Landes sind verschiedene Nachnutzungen denkbar. Im Gespräch sind unter anderem Gastronomieangebote, kulturelle Einrichtungen, kreative Gewerbeflächen, Hotels oder Wohnprojekte. Ausgeschlossen werden hingegen Nutzungen, die nicht zum historischen und städtebaulichen Charakter des Standorts passen.
Interessenten müssen ein tragfähiges Konzept vorlegen und zugleich nachweisen, dass die Finanzierung langfristig gesichert ist. Die endgültige Entscheidung über einen Verkauf behält sich das Land Niedersachsen vor.
Denkmalschutz macht Umbau zur Herausforderung
Ein möglicher Verkauf bringt allerdings erhebliche Hürden mit sich. Große Teile des Gebäudekomplexes stehen unter Denkmalschutz. Veränderungen an Fenstern, Fassaden oder der historischen Raumstruktur sind daher nur eingeschränkt möglich. Vor allem die ehemaligen Zellenbereiche stellen Investoren vor Herausforderungen. Die kleinen Fenster und die ursprüngliche Raumaufteilung erschweren moderne Nutzungskonzepte. Gleichzeitig gilt die Immobilie als sanierungsbedürftig. Der erhebliche Modernisierungsbedarf war letztlich auch einer der Gründe, weshalb das Land den Gefängnisstandort aufgegeben hat.
Vorbilder aus Europa zeigen neue Möglichkeiten
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gibt es erfolgreiche Beispiele für die Umnutzung historischer Gefängnisse. In mehreren europäischen Städten wurden ehemalige Haftanstalten in Hotels, Kulturzentren oder öffentliche Einrichtungen verwandelt. Besonders häufig wird auf das ehemalige Gefängnis in Helsinki verwiesen, das heute als Hotel genutzt wird. Auch in Deutschland entstanden in den vergangenen Jahren Hotels in ehemaligen Gefängnissen. Die historische Architektur blieb dabei erhalten, während die Innenräume vollständig modernisiert wurden.
Diese Beispiele zeigen, welches Potenzial auch im Braunschweiger Gefängnis stecken könnte.
Historischer Ort mit belastender Vergangenheit
Die Geschichte des Gefängnisses reicht weit über seine Funktion als Haftanstalt hinaus. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden dort zahlreiche Gefangene festgehalten, bevor sie in andere Gefängnisse, Konzentrationslager oder Hinrichtungsstätten verlegt wurden. Zudem nutzten Wehrmacht und SS die Einrichtung während des Zweiten Weltkriegs als Haftort. Deshalb fordern einige Bürgerinnen und Bürger, die historische Bedeutung des Standorts dauerhaft sichtbar zu machen.
Die Stadt Braunschweig setzt sich dafür ein, mindestens drei Zellen im Originalzustand zu erhalten. Damit soll ein Teil der Geschichte dokumentiert und für kommende Generationen zugänglich gemacht werden.
Staatstheater plant erste Nutzung
Während die langfristige Zukunft des Areals noch offen ist, könnte das ehemalige Gefängnis bereits in diesem Jahr wieder Besucher empfangen. Das Staatstheater Braunschweig plant, Teile des Gebäudes im Sommer zeitweise als Veranstaltungsort zu nutzen. Damit erhalten Interessierte möglicherweise erstmals die Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauern des historischen Gefängnisses zu werfen und einen Ort kennenzulernen, der über mehr als ein Jahrhundert fester Bestandteil der Stadtgeschichte war.
Zukunft weiterhin offen
Ob aus dem ehemaligen Gefängnis ein Hotel, ein Kulturzentrum oder ein Wohnquartier wird, ist derzeit ungewiss. Sollte bis Ende April 2026 kein geeignetes Kaufangebot vorliegen, könnte das Verkaufsverfahren verlängert oder neu gestartet werden. Fest steht jedoch: Das historische Gefängnis am Rennelberg steht vor dem größten Wandel seiner Geschichte. Die Entscheidung über seine Zukunft wird nicht nur städtebauliche, sondern auch kulturelle und historische Bedeutung für Braunschweig haben.
