Der massive Waldbrand im Hürtgenwald im Kreis Düren wird durch eine besondere Gefahr erschwert: Unter dem Waldboden liegen noch immer zahlreiche Hinterlassenschaften der schweren Kämpfe des Zweiten Weltkriegs. Munition, Granaten und Phosphorkampfmittel werden durch die Hitze des Feuers zur zusätzlichen Gefahr für die Einsatzkräfte. Der Hürtgenwald war 1944 und 1945 Schauplatz einer der verlustreichsten Schlachten für die US-Armee. Wegen der extremen Härte der Kämpfe bezeichneten amerikanische Soldaten das Gebiet damals als „Death Factory“ – Todesfabrik. Bis heute befinden sich in dem weitläufigen Waldgebiet zahlreiche Kampfmittel im Boden.
Für die Feuerwehr hat diese historische Belastung nun unmittelbare Konsequenzen. Während des aktuellen Waldbrandes kam es bereits zu Explosionen alter Munition. Landrat Ralf Nolten bestätigte, dass in der Nacht Detonationen zu hören waren.
Phosphormunition sorgt für zusätzliche Gefahr
Besonders problematisch sind nach Angaben der Feuerwehr alte Phosphorbomben. Diese können durch die Hitze eines Waldbrandes entzündet werden und anschließend selbstständig weiterbrennen. Feuerwehrsprecher Peter Berndgen bezeichnete die Situation gegenüber FOCUS online als „extreme Gefahr“. Die Einsatzkräfte können deshalb nicht einfach überall im Brandgebiet vorrücken. Direkte Löscharbeiten mit Löschrucksäcken sind in besonders munitionsbelasteten Bereichen nicht möglich.
Bundeswehr muss mit schwerem Gerät helfen
Um die Flammen dennoch einzudämmen, kommen neben Feuerwehr und Forstwirten auch Kräfte der Bundeswehr zum Einsatz. Bergepanzer schlagen Schneisen in den Wald, um dem Feuer die Ausbreitungsmöglichkeiten zu nehmen. Diese Methode ist angesichts der Kampfmittelbelastung besonders wichtig: Die schweren Fahrzeuge können Bereiche bearbeiten, die für Feuerwehrleute zu gefährlich wären. Zusätzlich werden breite Brandschneisen angelegt, um die Flammen aufzuhalten.
Kampfmittel werden bis heute gefunden
Dass von den alten Kampfmitteln weiterhin eine Gefahr ausgeht, ist in der Region bekannt. Erst in den vergangenen Monaten mussten mehrfach Bereiche gesperrt werden, nachdem historische Munition gefunden worden war. Im März wurde beispielsweise eine Phosphorgranate entdeckt, die sich selbst entzündet hatte. Im Mai führten weitere Kampfmittelfunde im Hürtgenwald zu Evakuierungen und Absperrungen. Der aktuelle Waldbrand verschärft dieses Problem erheblich. Hitze und Feuer können Kampfmittel plötzlich zur Detonation bringen und damit die Arbeit der Einsatzkräfte zusätzlich gefährden.
Größter Waldbrand der NRW-Geschichte
Der Brand selbst hat inzwischen eine außergewöhnliche Dimension erreicht. Nach aktuellen Angaben stehen rund 300 Hektar Wald in Flammen – eine Fläche von etwa 420 Fußballfeldern. Damit gilt der Einsatz als größter Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Der Ortsteil Gey wurde vorsorglich vollständig evakuiert. Rund 2.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Zusätzlich wurde ein Pflegeheim geräumt.
Feuerwehr kämpft unter extremen Bedingungen
Neben den Kampfmitteln erschweren Hitze, Trockenheit und wechselnde Winde die Brandbekämpfung. Zeitweise rückten die Flammen gefährlich nahe an die Bebauung heran. Fünf Menschen wurden im Zusammenhang mit dem Einsatz verletzt, darunter vier Einsatzkräfte und eine ältere Person während der Evakuierung. Am Freitag kamen auch Gegenfeuer zum Einsatz. Dabei wird gezielt Feuer gelegt, um dem Hauptbrand Brennstoff zu entziehen und kontrollierte Brandschneisen zu schaffen. Diese anspruchsvolle Taktik wird von spezialisierten Teams durchgeführt.
Historisches Problem wird zur aktuellen Katastrophe
Der Waldbrand im Hürtgenwald zeigt damit auf dramatische Weise, wie lange die Folgen eines Krieges nachwirken können. Rund 80 Jahre nach den Kämpfen werden alte Bomben und Granaten plötzlich wieder zu einem unmittelbaren Risiko. Während Feuerwehrleute gegen die Flammen kämpfen, müssen sie gleichzeitig damit rechnen, dass unter ihren Füßen Munition explodiert. Das macht den Einsatz zu einer außergewöhnlichen Herausforderung – und erklärt, warum schweres Gerät, Luftunterstützung und speziell geplante Brandschneisen derzeit eine zentrale Rolle spielen.
