Lychen. Einst Ort der Heilung, später Schauplatz von Kriegsverbrechen und jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben: Die Heilstätten Hohenlychen in Brandenburg blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Heute wandelt sich das ehemalige Vorzeige-Sanatorium zu einem exklusiven Wohn- und Ferienensemble – ein letzter Blick auf ein Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte.
Geburtsstunde der Heilstätten
1902 gegründet, sollten die Hohenlychener Heilstätten einfachen Arbeitern Zugang zu moderner Medizin verschaffen – ermöglicht durch die von Bismarck eingeführte Sozialversicherung. In einer Zeit, in der Tuberkulose Volkskrankheit war, entstanden hier hochmoderne Einrichtungen: Liegehallen, Schwimmbad, Operationssäle, Apotheke und sogar ein eigenes Kraftwerk. Das Gelände war mit Bahnanschluss, Hotel und Personalunterkünften nahezu autark – und architektonisch repräsentativ gestaltet.
Glanz und Abgründe
Die Heilstätten galten als Vorzeigeprojekt. Mit hochwertigen Baustoffen, Fahrstühlen, Sonnenterrassen und dekorativen Fassaden setzte man Maßstäbe. In den 1930er Jahren wandelte sich die Einrichtung jedoch: Unter Leitung von Karl Gebhardt wurde sie zum Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin. Selbst US-Sprinter Jesse Owens wurde hier behandelt. Während des Zweiten Weltkriegs diente der Komplex als Lazarett für Wehrmacht und SS. Zugleich fanden in Hohenlychen medizinische Experimente an KZ-Häftlingen statt – Gebhardt wurde dafür 1948 in Nürnberg hingerichtet.
Vom Lost Place zum Prestigeprojekt
Nach 1945 nutzte die sowjetische Armee das Gelände als Militärhospital. Nach dem Abzug in den 1990er Jahren verfiel der Komplex – geplündert, ungesichert, ein „Lost Place“. Heute hat eine private Gesellschaft Teile der Anlage saniert. Denkmalgeschützte Gebäude wurden zu Wohnungen und Ferienappartements umgebaut, das Umfeld am Zenssee wieder hergerichtet. Andere Bauten warten noch auf die Restaurierung.
Letzte Chance für Besucher
Nur im Rahmen von Führungen sind die historischen Ruinen derzeit zugänglich. Lokalhistoriker Dietrich Schmidt öffnet dabei Türen, erzählt Geschichten aus mehr als 100 Jahren Nutzung und gewährt einen seltenen Blick auf die Vergangenheit. Wer die Transformation vom Sanatorium zum Luxusensemble noch einmal im Original erleben will, sollte sich beeilen: Mit dem Fortschreiten der Sanierung verschwindet der einstige „Lost Place“ endgültig.
