Lauchhammer. Die Zukunft der Biotürme in Lauchhammer-West ist ungewisser denn je. Wo einst Besucher die Geschichte der industriellen Abwasserreinigung und der Lausitzer Industriekultur erleben konnten, herrscht inzwischen weitgehend Ruhe. Das Gelände ist verschlossen, Führungen finden nicht mehr statt. Auf den Freiflächen wachsen meterhohe Disteln und Wildkräuter, während sich auf den historischen Backsteintürmen bereits junge Birken ausbreiten. Ein Banner erinnert noch an das Jubiläumsjahr „300 Jahre Industriekultur Lauchhammer“, das 2025 gefeiert wurde. Heute wirkt die Szenerie dagegen wie ein Symbol für eine Entwicklung, die sich niemand gewünscht haben dürfte: Ein international beachtetes Industriedenkmal steht vor einer ungewissen Zukunft.
Millionenprojekt liegt auf Eis
Der entscheidende Einschnitt kam Ende 2025. Die Lauchhammeraner Stadtverordnetenversammlung beschloss, das geplante Strukturwandelprojekt „Transformation 1.535°“ ruhen zu lassen. Ursprünglich sollte rund um die Biotürme ein Bildungs- und Erlebniszentrum entstehen. Kunstguss, Industriegeschichte und der Strukturwandel in der Lausitz sollten miteinander verbunden werden. Die Biotürme wären dabei zu einem zweiten wichtigen Standort neben dem bereits bestehenden Angebot in Lauchhammer geworden. Aus dem geplanten Leuchtturmprojekt ist vorerst jedoch nichts geworden.
Baukosten explodierten von 19 auf 30 Millionen Euro
Hinter dem Projektstopp steht vor allem die angespannte Finanzlage der Stadt. Zwar hätte die öffentliche Hand einen Großteil der Investitionskosten über Fördermittel abdecken können. Die Förderquote lag bei rund 95 Prozent. Doch die Rechnung ging trotzdem nicht mehr auf. Steigende Baupreise ließen das ursprünglich mit rund 19 Millionen Euro kalkulierte Vorhaben auf etwa 30 Millionen Euro anwachsen. Für die Stadt hätte das einen deutlich höheren Eigenanteil bedeutet. Hinzu kam ein weiteres Problem: Selbst nach einer erfolgreichen Fertigstellung wären die laufenden Kosten nicht verschwunden. Für den Betrieb wurden jährlich bis zu 340.000 Euro veranschlagt. Angesichts eines erwarteten Haushaltsdefizits von rund 2,7 Millionen Euro entschied sich die Mehrheit im Stadtparlament gegen eine Fortsetzung des Projekts.
Betreiber sieht faktisches Projekt-Aus
Für die Betreibergesellschaft hat die Entscheidung bereits unmittelbare Folgen. Tino Winkelmann, Geschäftsführer der Transformation 1.535° gGmbH, bewertet die aktuelle Situation deutlich kritischer als eine bloße Unterbrechung. Aus seiner Sicht handelt es sich inzwischen um ein faktisches Aus des Vorhabens. Die personellen Konsequenzen sind bereits eingetreten. Die beiden Beschäftigten der Gesellschaft wurden im ersten Halbjahr entlassen. Winkelmann selbst führt die Geschäfte derzeit noch ehrenamtlich weiter – allerdings nur bis zum Jahresende. Damit fehlt nicht nur das Personal für einen regulären Betrieb. Auch die Möglichkeit, mit Führungen Einnahmen zu erzielen, ist weggefallen.
Geschlossene Tore verschärfen die Situation
Das Gelände ist derzeit für Besucher gesperrt. Dadurch fehlen der Gesellschaft wichtige Einnahmen. Gleichzeitig erhält die Trägergesellschaft nach den vorliegenden Angaben keinen städtischen Zuschuss mehr. Das bringt das gesamte Konstrukt in eine schwierige Lage: Ohne Besucherbetrieb gibt es kaum Einnahmen, ohne finanzielle Mittel lassen sich Personal und Betrieb nicht aufrechterhalten und ohne Betreiber ist wiederum eine regelmäßige Nutzung des Geländes kaum möglich. Winkelmann warnt deshalb bereits vor einem Szenario, das deutlich über einen vorübergehenden Stillstand hinausgeht. Sollte sich an den finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen nichts ändern, könnte die Gesellschaft 2027 insolvent werden.
Droht den Biotürmen die „Herrenlosigkeit“?
Besonders brisant ist die mögliche Folge einer Insolvenz. Nach Einschätzung des Geschäftsführers könnte das denkmalgeschützte Areal perspektivisch in einen Zustand geraten, in dem sich niemand mehr dauerhaft für seine Nutzung und Unterhaltung verantwortlich fühlt. Damit steht nicht nur ein touristisches Projekt auf dem Spiel. Es geht um den langfristigen Erhalt eines bedeutenden Zeugnisses der Lausitzer Industriegeschichte. Denn ein Denkmal kann zwar formal geschützt sein – das allein verhindert jedoch nicht, dass Gebäude durch fehlende Nutzung, Witterung und ausbleibende Instandhaltung langsam Schaden nehmen.
Stadt hält sich bei der Zukunft bedeckt
Die Stadt Lauchhammer äußert sich zur konkreten Zukunft der Biotürme bislang zurückhaltend. Auf Fragen nach geplanten Sicherungs- und Unterhaltungsmaßnahmen sowie den damit verbundenen laufenden Kosten verweist das Rathaus auf die Trägergesellschaft. Stadtsprecher Heiko Jahn bestätigt lediglich, dass interne und externe Gespräche über die weitere Perspektive geführt würden. Wer daran beteiligt ist und welche konkreten Modelle diskutiert werden, will die Stadt derzeit nicht öffentlich machen. Die Stadt betont allerdings, dass sie strategisch weiterhin Partner bleiben wolle. Gleichzeitig unterstreicht das Rathaus die Bedeutung der Anlage für Lauchhammer.
LMBV sieht sich nicht mehr in der Verantwortung
Eine Rückkehr des früheren Eigentümers als möglicher Retter zeichnet sich dagegen nicht ab. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) stellt klar, dass die Biotürme vollständig veräußert wurden. Mit dem Ende der Bergaufsicht im Jahr 2006 seien auch die bergrechtlichen Verpflichtungen erloschen. Damit liegt die Verantwortung für die Zukunft des Areals nicht mehr beim früheren Bergbausanierer. Für Lauchhammer bedeutet das: Eine finanzielle oder organisatorische Rückkehr der LMBV als Eigentümerin oder Betreiberin ist nicht zu erwarten.
Warum die Biotürme mehr als alte Industriegebäude sind
Die Bedeutung der Biotürme reicht jedoch weit über Lauchhammer hinaus. Die Anlage steht exemplarisch für die industrielle Entwicklung der Lausitz und den Umgang mit den Hinterlassenschaften des Bergbaus. Die Türme waren Bestandteil eines Verfahrens zur biologischen Reinigung von Abwässern aus der Braunkohleverarbeitung. Heute sind sie ein außergewöhnliches Zeugnis der industriellen Vergangenheit der Region. Gerade deshalb hatte die Idee, die Biotürme zum Bestandteil eines modernen Bildungs- und Erlebnisortes zu machen, eine besondere Symbolkraft.
Aus einem Relikt der Industriegeschichte sollte ein Ort werden, an dem die Vergangenheit erklärt und gleichzeitig der Blick auf die Zukunft der Lausitz gerichtet wird.
Soziologin warnt vor falschem Signal
Melanie Jaeger-Erben, Professorin für Technologie- und Umweltsoziologie an der BTU Cottbus-Senftenberg, sieht deshalb nicht nur die finanziellen Aspekte. Ihr zufolge darf die Bewertung eines solchen Projekts nicht ausschließlich über Investitions- und Betriebskosten erfolgen. Die Verbindung von Industriekultur, regionaler Identität und dem aktuellen Strukturwandel sei in Lauchhammer grundsätzlich gelungen. Ein endgültiges Scheitern könnte daher eine Wirkung entfalten, die weit über das konkrete Bauvorhaben hinausgeht. Gerade in ostdeutschen Regionen existiere aufgrund vergangener wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche eine besondere Sensibilität für Projekte, die angekündigt, begonnen und anschließend nicht umgesetzt werden.
Kleiner statt größer könnte ein Ausweg sein
Gleichzeitig bedeutet Kritik am Projektstopp nicht automatisch, dass das ursprünglich geplante Konzept unverändert umgesetzt werden sollte. Auch Jaeger-Erben sieht die Sorgen der Stadt angesichts der hohen Folgekosten. Ein möglicher Weg könnte deshalb in einem deutlich kleineren und schrittweisen Ansatz liegen. Dazu könnten zunächst belastbare Nachfrage- und Besucherszenarien entwickelt werden. Anschließend könnten einzelne Bau- und Nutzungsschritte nacheinander umgesetzt werden, statt sofort die komplette ursprüngliche Planung zu realisieren. Auch die Zivilgesellschaft sollte nach ihrer Einschätzung stärker einbezogen werden. Eine solche Strategie könnte den Spagat zwischen Denkmalschutz, finanzieller Belastbarkeit und touristischer Nutzung erleichtern.
1,6 Millionen Euro Planungskosten stehen bereits im Raum
Ein weiterer Faktor macht die Situation kompliziert: In die Vorbereitung des Projekts ist bereits erhebliches Geld geflossen. Rund 1,6 Millionen Euro wurden nach den vorliegenden Angaben unter anderem für Gutachten sowie Architektur- und Energiekonzepte ausgegeben. Diese Summe wäre bei einer veränderten oder abgespeckten Umsetzung nicht zwangsläufig verloren. Sie müsste allerdings in ein neues Konzept integriert und entsprechend finanziell unterfüttert werden. Damit stellt sich für die Verantwortlichen eine grundsätzliche Frage: Soll die bisherige Planung vollständig aufgegeben werden – oder lässt sich daraus ein kleineres, finanziell tragfähigeres Projekt entwickeln?
Runder Tisch soll im August Klarheit bringen
Viel Zeit bleibt nicht. Nach Angaben von Tino Winkelmann wurden unter anderem die Landesregierung, die Staatskanzlei, die Wirtschaftsregion Lausitz und die Denkmalschutzbehörden über die schwierige Situation informiert. Für August ist eine gemeinsame Gesprächsrunde vorgesehen. Dabei soll ausgelotet werden, ob die verschiedenen Akteure noch einen Weg finden können, die Biotürme zu sichern und möglicherweise doch einer neuen Nutzung zuzuführen. Ob am Ende ein verkleinertes Tourismusprojekt, eine andere Nutzung oder lediglich eine Sicherung des Denkmals steht, ist derzeit offen.
Die eigentliche Gefahr beginnt mit dem Stillstand
Der aktuelle Zustand macht deutlich, warum die kommenden Monate entscheidend sein könnten. Ein denkmalgeschütztes Gebäude benötigt nicht nur einen Schutzstatus auf dem Papier. Es braucht regelmäßige Kontrolle, Wartung, Instandhaltung und vor allem eine Perspektive. Bleibt das Gelände dauerhaft geschlossen und ungenutzt, steigt das Risiko, dass aus dem vorübergehenden Stillstand ein schleichender Verfall wird. Die Biotürme von Lauchhammer stehen damit an einem Wendepunkt. Noch ist die Anlage vorhanden und grundsätzlich entwicklungsfähig. Doch die Frage lautet zunehmend nicht mehr nur, ob das große Strukturwandelprojekt gebaut wird. Die entscheidendere Frage ist, wer künftig Verantwortung für das Denkmal übernimmt.
Ein Industriedenkmal zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Biotürme verkörpern wie kaum ein anderer Ort den Wandel der Lausitz: Sie entstanden aus der industriellen Nutzung der Region und sollten nun zu einem Ort werden, an dem die Geschichte dieser Industrie erzählt und zugleich der Strukturwandel gestaltet wird. Derzeit droht dieses Zukunftsbild zu zerbrechen. Ob die Anlage zum Symbol für einen erfolgreichen Umgang mit dem industriellen Erbe wird oder selbst zum Symbol für ein gescheitertes Strukturwandelprojekt, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden. Der geplante Runde Tisch im August könnte deshalb zu einem entscheidenden Moment werden. Für die Biotürme geht es längst nicht mehr nur um ein Bauprojekt. Es geht um die Frage, ob ein bedeutendes Stück Lauchhammeraner Industriekultur eine Zukunft bekommt.
