Kulmbach. Das Industriedenkmal der ehemaligen Kulmbacher Spinnerei droht zu verfallen – und mit ihm ein bedeutendes Kapitel Stadtgeschichte. Die Denkmalschutzexpertin Marion Resch-Heckel, Mitglied im Bayerischen Landesdenkmalrat, warnt eindringlich vor dem fortschreitenden Verfall der denkmalgeschützten Anlage und fordert entschlossenes Handeln von Stadt und Behörden.
Vom Wahrzeichen zum Schandfleck
Vor allem der markante Kopfbau der Spinnerei habe sich zu einem regelrechten Schandfleck entwickelt, schreibt Resch-Heckel. Nicht nur das Erscheinungsbild sei problematisch – herunterfallende Putz- und Glasteile gefährdeten auch Passanten. Der Eigentümer, so der Vorwurf, habe jahrelang nichts zur Instandhaltung unternommen.
Forderung nach Rückkauf durch die Stadt
Um das Gebäude zu retten, bringt Resch-Heckel einen drastischen Schritt ins Spiel: Die Stadt Kulmbach solle ihr vertraglich gesichertes Rückkaufrecht ausüben und selbst aktiv werden – notfalls auch als Vermarkterin. Zudem müsse die Untere Denkmalschutzbehörde sofort Maßnahmen zur Sicherung und zum Erhalt des Baudenkmals anordnen. Nach dem Denkmalschutzgesetz müsse der Eigentümer solche Maßnahmen dulden, so die Expertin.
Ihr Appell richtet sich nicht nur an die Stadt, sondern auch an Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, das Landesamt für Denkmalpflege, die Regierung von Oberfranken und die Universität Bayreuth.
Einst wirtschaftliches Rückgrat der Region
Die Geschichte der Kulmbacher Spinnerei reicht bis 1863 zurück. Nach mehreren Umstrukturierungen wuchs sie im 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden Textilbetrieb mit über 3.200 Beschäftigten. Nach dem schrittweisen Niedergang wurde der Hauptsitz 1994 stillgelegt. Teile des Geländes wurden zum Einkaufszentrum „fritz“ umgewandelt, weitere Flächen dienen heute als Busbahnhof und Jugendzentrum.
Doch der wirtschaftliche Absturz setzte sich fort: Nach mehreren Insolvenzen endete der Betrieb endgültig 2013 – auch das Nachfolgeunternehmen scheiterte.
Letzte Chance für ein Denkmal
Heute steht die Spinnerei symbolisch für die industrielle Vergangenheit Kulmbachs – und für die Herausforderungen des Denkmalschutzes in Zeiten des Investorenversagens. Bleibt die Stadt untätig, droht der einstige Wirtschaftsmotor der Region für immer verloren zu gehen.
