Versteckt in einem Waldgebiet bei Roggentin, östlich von Rechlin, stehen die sogenannten „Weißen Häuser“. Die heute stark überwucherten Betonbauten gehören zu den Relikten der ehemaligen Erprobungsstelle Rechlin und erinnern an ein Kapitel deutscher Militär- und Technikgeschichte, das bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Die Anlage bestand aus mehreren massiven Stahlbetonbauten. Quellen beschreiben die Türme als etwa 20 Meter hohe, mehrgeschossige Versuchsbauten. Erprobt wurden unter anderem die Wirkung von Bombenabwürfen sowie unterschiedliche Bauformen, Armierungen und Baustoffe.

Rechlin wurde zum Zentrum der Luftwaffenerprobung
Die militärische Geschichte Rechlins begann bereits im Ersten Weltkrieg. 1916 entstand dort die Flieger-Versuchs- und Lehranstalt. Nach dem Ende des Krieges wurden große Teile der Anlagen wieder demontiert. In den 1930er-Jahren wurde das Gelände im Zuge der deutschen Aufrüstung erneut ausgebaut und zur zentralen Erprobungsstelle der Luftwaffe. In Rechlin wurden Flugzeuge, Motoren, Waffen, Bomben und weitere technische Entwicklungen getestet. Die „Weißen Häuser“ gehörten dabei zu den besonderen Versuchsanlagen außerhalb des eigentlichen Flugplatzbereichs.

Versuchsanlage für bombensichere Bauten
Hinter den ungewöhnlichen Betongebäuden steckte ein konkreter Zweck: Die Konstruktionen sollten Erkenntnisse darüber liefern, wie Gebäude und Schutzräume Bombenangriffen standhalten konnten. Auch Beschussversuche gehörten zum Umfeld der Anlage. Noch heute sind im Wald Überreste entsprechender Versuchsbauten und Betonplatten zu finden. Die Bezeichnung „Weiße Häuser“ geht vermutlich auf die ursprüngliche helle Klinkerverkleidung der Bauwerke zurück. Zeitgenössisch soll die Anlage innerhalb der Erprobungsstelle auch als „Berliner Stadtviertel“ bezeichnet worden sein.

Verbindung zu Hitlers „Germania“
Um die Weißen Häuser ranken sich bis heute zahlreiche Geschichten. Häufig werden sie mit Albert Speers Planungen für die nationalsozialistische Neugestaltung Berlins, der sogenannten „Welthauptstadt Germania“, in Verbindung gebracht. Dass die Bauten als Versuchsanlagen für entsprechende Bauvorhaben dienten, wird in verschiedenen Darstellungen beschrieben. Gleichzeitig sind manche weitergehenden Erzählungen über eine konkrete geplante „Neustadt“ bei Rechlin nicht eindeutig belegt.

Nach 1945 verschwand das Gelände im Sperrgebiet
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die sowjetische Armee das Gelände. Die militärische Nutzung dauerte bis zum Abzug der sowjetischen Truppen 1993. Über Jahrzehnte war das Areal für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich. Dadurch konnte sich die Natur große Teile des ehemaligen Militärgeländes zurückholen. Heute sind die „Weißen Häuser“ vor allem ein eindrucksvolles Relikt der ehemaligen Erprobungsstelle. Gleichzeitig ist das Gebiet weiterhin mit erheblichen Gefahren verbunden. Es wird vor Kampfmittelbelastung und ungesicherten Schächten gewarnt.

Ein Lost Place mit historischer Bedeutung
Die Betonruinen wirken heute wie Fremdkörper im Wald. Gerade diese Verbindung aus Natur, Verfall und massiver Militärarchitektur macht die „Weißen Häuser“ zu einem außergewöhnlichen Lost Place in Mecklenburg-Vorpommern.

Doch hinter der spektakulären Kulisse steht eine weitaus ernstere Geschichte: Die Bauten sind Zeugnisse einer militärischen Forschungs- und Entwicklungsmaschinerie, die unmittelbar in die Aufrüstung und Kriegsführung des NS-Staates eingebunden war. Ihre Überreste erzählen damit nicht nur von Architektur und Technik, sondern auch von der Geschichte der deutschen Luftwaffe und des Zweiten Weltkriegs.
