Ehemalige Polizeischule Braunlage

Die ehemalige Polizeischule in Braunlage ist weit mehr als ein verlassener Gebäudekomplex im Harz. Über Jahrzehnte wechselten sich dort völlig unterschiedliche Nutzungen und Schicksale ab. Einst stand die Anlage für Ausbildung und Ordnung, später wurde sie zum privaten Wohnort – und schließlich rückte sie durch ein Familiendrama und einen spektakulären Kriminalfall bundesweit in den Fokus.

Vom Polizeifortbildungsheim zum verlassenen Gebäude

Das Anwesen in Braunlage diente ursprünglich als Einrichtung der Polizei. Nach seiner späteren Aufgabe wechselte die Immobilie den Besitzer und wurde von einer Großfamilie bewohnt. Doch aus dem vermeintlichen Neuanfang entwickelte sich eine wirtschaftlich schwierige Situation. Die laufenden Kosten des großen Anwesens erwiesen sich als Belastung, die Familie geriet zunehmend unter finanziellen Druck und musste schließlich in Sozialwohnungen umziehen. Damit begann der Niedergang eines Gebäudes, das schon bald nicht mehr für Ordnung und Ausbildung, sondern für eine der tragischsten Geschichten der Region stehen sollte.

Mord an der Küsterin erschüttert Braunlage

Im November 2012 wurde die 48-jährige Küsterin Elke C. tot im Keller der katholischen Kirche „Heilige Familie“ in Braunlage gefunden. Die zehnfache Mutter war nicht nur als Küsterin tätig, sondern engagierte sich auch als Katechetin, Kommunionhelferin und Vorsitzende des Pfarrgemeinderats.

Unter Tatverdacht geriet ihr Ehemann. Die Ermittlungen zeichneten das Bild einer zerrütteten Ehe. Die Frau hatte die Scheidung eingereicht, zudem gab es Streit um finanzielle Fragen und gemeinsames Vermögen. Der Mann soll seiner Frau zunächst sogar über die gemeinsame Tochter Medikamente verabreicht haben lassen. Schließlich soll er ihr in der Kirche aufgelauert und sie aus nächster Nähe mit einem Gewehr erschossen haben. Besonders erschütternd: Die Tat geschah unmittelbar vor der geplanten Taufe der jüngsten Tochter.

Sohn zunächst ebenfalls unter Mordverdacht

Nach dem Tod der Küsterin geriet auch einer ihrer Söhne ins Visier der Ermittler. Gegen den damals 20-Jährigen wurde Haftbefehl wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord erlassen. Die Aussagen von Vater und Sohn zum Tatgeschehen widersprachen sich. Später wurde deutlich, dass die Kinder nach der Tat in die Beseitigung der Spuren und den Transport der Leiche einbezogen worden sein sollen. Der Sohn wurde schließlich nicht wegen Mordes angeklagt. Die Ereignisse hinterließen bei den Kindern jedoch schwere traumatische Spuren.

Lebenslange Haft – doch der Fall war damit nicht beendet

Im August 2013 verurteilte das Landgericht Braunschweig den Ehemann wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Nach Überzeugung des Gerichts hatte er die Arg- und Wehrlosigkeit seiner Frau ausgenutzt. Doch die juristische Aufarbeitung ging weiter. Der Bundesgerichtshof verlangte 2014 eine erneute Prüfung der Frage, ob bei dem Verurteilten eine besondere Schwere der Schuld vorlag. Diese hätte eine Haftentlassung nach 15 Jahren erheblich erschwert beziehungsweise ausgeschlossen.

Zu einer endgültigen Entscheidung kam es allerdings nicht mehr. Während des erneuten Verfahrens im Jahr 2016 starb der inzwischen 56-Jährige. Damit endete auch dieses Kapitel des außergewöhnlichen Kriminalfalls.

Jahre später wird die alte Polizeischule erneut zum Tatort der Schlagzeilen

Fast wie ein makabrer Zufall wirkt, was Jahre später mit dem inzwischen leer stehenden Gebäude geschah. Bei einer spektakulären Geldautomatensprengung in Torfhaus flüchteten die Täter nach einem Unfall und suchten nach Informationen der Goslarschen Zeitung zeitweise Zuflucht in der ehemaligen Polizeischule in Braunlage.

Die Polizei suchte das Gebäude zunächst nicht gezielt ab, weil der Unfall zunächst als gewöhnliche Unfallflucht eingeschätzt worden war. Die ehemalige Polizeischule wurde damit erneut zum Schauplatz eines Kriminalfalls – diesmal nicht wegen eines Familiendramas, sondern als mögliches Versteck mutmaßlicher Geldautomatensprenger.

Ein Lost Place mit ungewöhnlich schwerer Vergangenheit

Heute steht die ehemalige Polizeischule damit sinnbildlich für eine bemerkenswerte Entwicklung: Aus einem Ort, der einst Polizisten ausbildete, wurde ein privates Zuhause, dann ein Schauplatz eines tödlichen Familiendramas und schließlich ein leer stehendes Gebäude, das mutmaßliche Straftäter als Versteck nutzten.

Für Lost-Places-Fotografen macht gerade diese Vorgeschichte den Ort besonders interessant. Die Faszination liegt dabei nicht allein im Verfall der Architektur. Hinter den verlassenen Räumen steht eine Geschichte, die weit über bröckelnden Putz und leere Fenster hinausgeht. Manche Gebäude verfallen langsam. Andere verlieren ihre Vergangenheit nie. Die ehemalige Polizeischule in Braunlage gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

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