In Leipzig-Leutzsch steht ein heute weitgehend verfallener Fabrikbau, der an ein bedeutendes Kapitel der ostdeutschen Druck- und Maschinenbaugeschichte erinnert. Der VEB Polygraph Reprotechnik Leipzig war Teil des staatlichen Polygraph-Kombinats und entwickelte beziehungsweise fertigte Maschinen und Geräte für die Druckvorstufe. Seine Geschichte reicht allerdings deutlich weiter zurück – bis in die Anfänge der Leipziger Fotoindustrie.
Die Anfänge bei Hoh & Hahne
Die Wurzeln des späteren DDR-Betriebs liegen im Jahr 1899. August Hermann Hoh und Friedrich Hahne gründeten in Leipzig ein Unternehmen für fotografische Bedarfsartikel. Später wurden unter der Marke „Hohlux“ Reproduktionsapparate und fotografische Erzeugnisse hergestellt. Die Produkte erlangten über Leipzig hinaus einen guten Ruf. Um 1929 zog das Unternehmen nach Leipzig-Leutzsch in die später als Omega-Werke bekannte Fabrikanlage. Der markante Fabrikbau an der heutigen Georg-Schwarz-Straße 185 entstand 1909/10 und steht heute unter Denkmalschutz.

Enteignung und Neubeginn in der DDR
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen zunächst unter treuhänderische Verwaltung gestellt. Teile der Anlagen mussten als Reparationsleistung demontiert werden. In den folgenden Jahren wurde die Firma schrittweise verstaatlicht; 1962 erfolgte die Löschung aus dem Leipziger Handelsregister. Die Produktion und die Fabrikanlage gingen anschließend in den VEB Polygraph Reprotechnik Leipzig über. Damit begann das DDR-Kapitel des traditionsreichen Standortes.
Maschinen für die Druckindustrie
Der neue Betrieb war auf die Reproduktionstechnik und Druckvorstufe spezialisiert. Hergestellt wurden unter anderem Reproduktionskameras und technische Anlagen für die grafische Industrie. Ein erhaltenes Exponat aus dem Zeitraum 1961 bis 1978 dokumentiert beispielsweise eine großformatige Reprokamera des VEB Polygraph Reprotechnik. Der Betrieb war damit Teil einer Industrie, die für das Funktionieren der DDR-Druckereien unverzichtbar war. Von der Buchproduktion über Zeitungen bis hin zu Verpackungen benötigte die grafische Industrie entsprechende Maschinen und Anlagen.

Teil des Polygraph-Kombinats
Der VEB Reprotechnik war in die übergeordnete Struktur der VVB Polygraph eingebunden. 1970 entstand aus dieser Organisationsstruktur das VEB Kombinat Polygraphische Maschinen und Anlagen Leipzig. Zu diesem Verbund gehörten zahlreiche Spezialbetriebe des Druckmaschinenbaus. Leipzig entwickelte sich damit zu einem wichtigen Zentrum des polygraphischen Maschinenbaus der DDR. Die dort produzierten Maschinen waren nicht ausschließlich für den heimischen Markt bestimmt. Ein erheblicher Teil der Polygraph-Produktion ging in den Export.
1990 kommt das Aus
Mit der politischen Wende brach auch die wirtschaftliche Grundlage des Kombinats zusammen. 1990 wurde der VEB Polygraph in eine GmbH umgewandelt, doch für den Standort in Leipzig-Leutzsch bedeutete dies letztlich das Ende der Produktion. Die Fabrik wurde stillgelegt. Was jahrzehntelang Produktionsstätte und Arbeitsplatz gewesen war, entwickelte sich zunehmend zum Leerstand.

Denkmal zwischen Verfall und Erinnerung
Heute steht der historische Fabrikbau an der Georg-Schwarz-Straße unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen bewertet das Gebäude als bau-, technik- und ortsgeschichtlich bedeutend. Die markante Putzfassade ist ein Zeugnis der Reformarchitektur der Jahre 1909/10. Vom einstigen Produktionsstandort ist allerdings nicht viel geblieben. Das Hauptgebäude ist heute eine Ruine, während Nebengebäude teilweise bereits verschwunden sind.

Ein Stück Leipziger Industriekultur
Der VEB Polygraph Reprotechnik steht für mehrere Generationen technischer Entwicklung: von der Fotografie und Reproduktion über den DDR-Maschinenbau bis zur industriellen Druckvorstufe. Heute sind es vor allem die Fabrikmauern, die von dieser Geschichte erzählen. Hinter der Fassade verbirgt sich nicht nur ein Lost Place, sondern ein Stück Leipziger Industriegeschichte – und die Erinnerung an eine Branche, in der Leipzig über Jahrzehnte eine bedeutende Rolle spielte.
