Die ehemalige Möbelfabrik Nossen ist ein ungewöhnlicher Ort der sächsischen Industriegeschichte. Das Fabrikgelände im Bereich der historischen Klostermühle Altzella wurde zu DDR-Zeiten für die Möbelproduktion genutzt. Seine Geschichte reicht jedoch zurück in die Zeit des Nationalsozialismus – und damit zu einem deutlich dunkleren Kapitel. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte die Nowa-Gesellschaft die Gebäude der Klostermühle für Rüstungsproduktion. Ab November 1944 mussten dort Häftlinge des KZ-Außenlagers Nossen/Roßwein des KZ Flossenbürg Zwangsarbeit leisten. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg dokumentiert, dass insgesamt etwa 650 männliche Häftlinge in Nossen eingesetzt wurden.
Die Gefangenen waren zunächst in den Kellerräumen der Klostermühle untergebracht. Ihre Arbeit umfasste unter anderem Metallbearbeitung und die Herstellung von Waffenhülsen für die Firma Warsitz, die unter dem Namen Nowa auftrat. Damit besitzt der spätere Industriestandort eine Geschichte, die weit über die DDR-Zeit hinausreicht.

Nach dem Krieg beginnt ein neues Kapitel
Nach 1945 veränderte sich die Nutzung des Areals grundlegend. Die Rüstungsproduktion war beendet, die Gebäude wurden in der DDR schließlich für die Möbelproduktion genutzt. Aus dem ehemaligen Standort der Nowa-Werke wurde der VEB Möbelfabrik Nossen. In Übersichten zur Nossener Industrie wird der Betrieb als eigenständiger volkseigener Betrieb geführt. Damit wandelte sich der Charakter des Standortes innerhalb weniger Jahre: Aus einer Rüstungsstätte wurde ein Produktionsort für zivile Gebrauchsgüter.

Möbel statt Waffen
Die Möbelproduktion gehörte zu den klassischen Bereichen der DDR-Konsumgüterindustrie. Möbel wurden nach zentralen Produktionsvorgaben gefertigt und waren Bestandteil der staatlich organisierten Versorgung. Die Nossener Fabrik fügte sich damit in eine ganze Reihe volkseigener Betriebe ein, die in der Stadt unterschiedliche Branchen abdeckten – von Maschinenbau und Textilien bis hin zu Leder, Papier und Möbeln.

Das Ende der Produktion
Mit dem Ende der DDR veränderten sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen auch für die Nossener Möbelproduktion. Die bisherigen Absatzstrukturen verschwanden, während die Betriebe plötzlich im Wettbewerb mit westdeutschen und internationalen Herstellern standen. Die ehemalige Möbelfabrik verlor schließlich ihre ursprüngliche Funktion. Heute ist das Areal weitgehend leer und von Verfall geprägt. Die historische Anlage wird inzwischen auch als Beispiel für die wechselvolle Industriegeschichte Nossens wahrgenommen.

Ein Ort mit mehreren Zeitschichten
Besonders bemerkenswert ist die Überlagerung der verschiedenen historischen Ebenen. Klostermühle, Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, DDR-Möbelindustrie und späterer Leerstand gehören zur Geschichte desselben Ortes. Gerade deshalb ist die ehemalige Möbelfabrik mehr als eine verlassene Fabrik. Die erhaltenen Gebäude stehen für den Wandel eines Standortes, dessen Nutzung sich innerhalb weniger Jahrzehnte mehrfach grundlegend veränderte.

Erinnerung statt Lost Place
Die Geschichte des Areals verlangt einen differenzierten Blick. Die heutige Ruine mag auf den ersten Blick wie ein typischer Lost Place wirken. Doch hinter den leeren Hallen steht auch die Erinnerung an die Menschen, die dort während des Nationalsozialismus unter Zwang arbeiten mussten. Die ehemalige VEB Möbelfabrik Nossen ist damit ein Ort, an dem Industriegeschichte und Erinnerungskultur unmittelbar aufeinandertreffen.
