Tief im Sebnitztal, zwischen den Felsen der Sächsischen Schweiz, steht ein außergewöhnlicher Industriebau. Das ehemalige VEB Linoleumwerk Kohlmühle, später unter dem Namen Likolit bekannt, war über Jahrzehnte ein bedeutender Hersteller von Linoleum und Kunststoff-Fußbodenbelägen. Die denkmalgeschützte Fabrikanlage erinnert heute an eine Industrie, die an diesem abgelegenen Standort mehr als ein Jahrhundert lang produziert hat.

Vom Papierwerk zur Linoleumfabrik
Die Geschichte des Standortes begann 1902 mit dem Bau einer Papier- und Pappenfabrik. Bereits 1906 übernahm die Eduard Keffel AG aus Tannenbergsthal das Werk und stellte die Produktion auf Kunstleder und Wachstuch um. Ein entscheidender Schritt folgte 1921: In Kohlmühle begann die Herstellung von Tisch- und Drucklinoleum. Damit war die spätere Ausrichtung des Werkes auf Bodenbeläge endgültig vorgezeichnet.

Kriegsproduktion und Demontage
Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Teil der Produktion auf Kriegsbedarf für die Junkers-Werke in Dessau umgestellt. Nach Kriegsende folgte der nächste massive Einschnitt. Die sowjetische Militäradministration ließ 1945/46 Maschinen und Anlagen als Reparationsleistung demontieren. Für den Standort bedeutete dies zunächst einen nahezu vollständigen industriellen Neustart.





1952 wird daraus ein VEB
Nach dem Wiederaufbau wurde das Werk 1948 verstaatlicht. Es folgten Modernisierung und Erweiterungen. 1952 erhielt der Betrieb schließlich seinen bekannten DDR-Namen VEB Linoleumwerk Kohlmühle. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem wichtigen Hersteller von Fußbodenbelägen. Bemerkenswert war dabei die technische Entwicklung: Ab Ende der 1960er-Jahre kamen in großem Umfang Technologien aus Westdeutschland zum Einsatz. Das Werk galt seinerzeit als einer der modernsten Hersteller von Fußbodenbelägen.

Von Linoleum zu PVC
1967 begann in Kohlmühle die Produktion von PVC-Fußbodenbelägen. Damit reagierte der Betrieb auf die zunehmende Bedeutung moderner Kunststoffbeläge. Neben Bodenbelägen wurden auch weitere Produkte aus Kunststoffen hergestellt. Eine internationale Patentschrift aus dem Jahr 1969 führt den VEB Linoleumwerk Kohlmühle unter anderem als Hersteller von Kunststoff-Fußbodenbelägen, Linoleum, Möbel- und Wandbelägen.

Der Bruch nach der Wende
Nach 1990 wurde der Betrieb privatisiert und firmierte als Likolit Linoleumwerk Kohlmühle GmbH. Die Produktion konnte zunächst fortgeführt werden. Doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten sich grundlegend. Am 25. November 2013 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Im März 2014 kam schließlich das endgültige Aus für die Produktion. Damit endete in Kohlmühle eine industrielle Tradition, die mehr als 110 Jahre zurückreichte.

Eine Fabrik zwischen Verfall und neuer Hoffnung
Das historische Fabrikensemble blieb weitgehend erhalten. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen führt die Anlage mit Produktionsgebäude, technischer Ausstattung, Ölsiederei, Kontor- und Wohngebäuden als Kulturdenkmal von bau-, orts- und technikgeschichtlicher Bedeutung. Nach der Insolvenz geriet das Gelände zunehmend in den Fokus von Denkmalpflegern, Lost-Place-Interessierten und Initiativen. Heute gibt es Bestrebungen, den außergewöhnlichen Komplex als Kulturfabrik Kohlmühle weiterzuentwickeln.

Ein Lost Place mit Industriegeschichte
Das ehemalige Linoleumwerk ist mehr als eine verlassene Fabrik. Die Gebäude erzählen von der frühen Kunststoffindustrie, der Kriegswirtschaft, der Verstaatlichung in der DDR und dem wirtschaftlichen Umbruch nach 1990. Zwischen den Felsen der Sächsischen Schweiz entstand einst ein hochmoderner Industriebetrieb. Heute ist Kohlmühle ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich industrielle Vergangenheit und neue Nutzung miteinander verbinden können.
