In Coswig bei Dresden erinnert heute nur noch die historische Fabrikanlage an eine Zeit, in der hier Leder für die DDR-Industrie hergestellt wurde. Der VEB Lederwerke Coswig ging aus einem bereits im 19. Jahrhundert gegründeten Unternehmen hervor und entwickelte sich zu einem wichtigen Zulieferer für die Schuh- und Bekleidungsindustrie. Die erhaltenen Gebäude an der Industriestraße 25 stehen heute unter Denkmalschutz.

Von Dresden nach Coswig
Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis 1835 zurück. Heinrich Bierling gründete damals in Dresden eine Lederfabrik. Weil eine weitere Ausdehnung von Gerbereien in der Stadt nicht möglich war, entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Coswiger Ortsteil Brockwitz ein neuer Produktionsstandort. Die ersten großen Fabrikhallen wurden 1906 fertiggestellt. Das Hauptgebäude mit Verwaltungsbereich folgte bis 1911. Die moderne Anlage verfügte unter anderem über markante Sheddach-Hallen und wurde wegen der steigenden Nachfrage bereits nach wenigen Jahren erweitert.

Aus Bierling wird ein VEB
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Fabrik zunächst in privater Hand. Die schwierige wirtschaftliche Lage und der Einbruch des Ledermarktes führten jedoch zu Veränderungen. 1953 wurde das Coswiger Werk mit der Lederfabrik Freital verbunden. Zwei Jahre später folgte die Verstaatlichung. Aus der ehemaligen Bierling-Fabrik wurde der VEB Lederwerke Coswig.






Leder für Schuhe und Bekleidung
Der Betrieb wurde damit Bestandteil der zentral organisierten DDR-Lederindustrie. Das Werk gehörte später zur VVB Leder und Kunstleder Leipzig und war in den entsprechenden Kombinatsstrukturen der DDR eingebunden. Das Sächsische Staatsarchiv führt den VEB Coswiger Lederwerk ausdrücklich als ehemaligen Betrieb der Bierling GmbH. Produziert wurde Leder als Ausgangsmaterial für die weiterverarbeitende Industrie. Besonders die Schuh- und Bekleidungsproduktion war auf solche Zulieferer angewiesen.

Auch politischer Alltag im Werk
Das Lederwerk war nicht nur Produktionsstätte. Wie in vielen DDR-Betrieben spielte sich hier auch ein Teil des gesellschaftlichen und politischen Lebens ab. Zeitgenössische Unterlagen des Stasi-Unterlagen-Archivs dokumentieren beispielsweise Arbeitsniederlegungen im VEB Lederwerk Coswig im Jahr 1960. Das Werk gehörte damit zu den Betrieben, in denen es trotz der staatlichen Kontrolle zu Protesten und Arbeitskonflikten kam.

Teil des DDR-Kombinats
Ende der 1970er-Jahre wurde der Betrieb Bestandteil des VEB Kombinat Kunstleder und Pelzverarbeitung Leipzig. Dieses Kombinat vereinte 37 wirtschaftlich und juristisch selbstständige Betriebe und war für Leder, Kunstleder, Pelze und weitere Erzeugnisse zuständig. Der VEB Coswiger Lederwerk wird in den Bestandsunterlagen des Sächsischen Staatsarchivs ausdrücklich als Kombinatsbetrieb aufgeführt.

Nach 1990 beginnt der letzte Versuch
Mit dem Ende der DDR verlor auch das Coswiger Lederwerk seine bisherigen wirtschaftlichen Grundlagen. 1990 entstand gemeinsam mit dem Lederwerk Stadtilm die Thüsa-Leder GmbH. Der Versuch, die Produktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen fortzuführen, scheiterte jedoch bereits kurze Zeit später. 1991 wurde das Werk in Coswig geschlossen. Mitarbeiter versuchten anschließend, den Standort zu retten. 1992 gründeten ehemalige Beschäftigte die Coswiger Lederwerke GmbH. Doch auch dieser Neustart konnte die Entwicklung nicht mehr umkehren. 1995 folgte die endgültige Insolvenz.


Heute steht die Fabrik unter Denkmalschutz
Nach dem Ende der Produktion blieb die historische Anlage weitgehend erhalten. Die Fabrik an der Industriestraße 25 besteht aus mehreren denkmalgeschützten Gebäuden. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen bewertet insbesondere das Hauptgebäude sowie Kessel- und Maschinenhaus als architektonisch und ortsgeschichtlich bedeutende Industriebauten. Damit besitzt Coswig ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Industriegeschichte – auch wenn die Maschinen längst schweigen.

Fast 90 Jahre Lederproduktion
Vom Aufbau der Bierling-Fabrik ab 1906 bis zur endgültigen Aufgabe 1995 vergingen fast neun Jahrzehnte. Aus einem privaten Unternehmen wurde ein volkseigener DDR-Betrieb, aus der großen Lederproduktion schließlich eine Industriebrache. Der VEB Lederwerke Coswig steht heute exemplarisch für den Aufstieg und Niedergang der ostdeutschen Lederindustrie – und für die Frage, was von einer einstigen Arbeitswelt bleibt, wenn die Produktion längst verschwunden ist.
