Kaum ein anderer Wirtschaftszweig war so eng mit Kirchhain verbunden wie die Gerberei. Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der Lederherstellung. Zur DDR-Zeit wurde aus einem traditionsreichen Privatunternehmen der VEB Lederfabrik Doberlug-Kirchhain, einer der bedeutenden Lederproduzenten der Region. Die Geschichte reicht weit zurück. Schon im 18. Jahrhundert entstanden in Kirchhain zahlreiche Gerbereien. Um 1875 wurden rund 70 Weißgerber gezählt, 1912 waren es sogar 76 Gerbereien. Die Stadt entwickelte sich schließlich zu einem Zentrum der Schaflederproduktion.
Eine wichtige Grundlage für den späteren VEB war die 1905 gegründete Lederfabrik Albert Hollmigk in der Hirtenstraße 19. Vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte der Betrieb mehr als 130 Menschen und verarbeitete unter anderem Kalb-, Ziegen- und Schafhäute.

1947 wird aus der Privatfabrik ein VEB
Nach dem Krieg wurde die Lederfabrik enteignet und 1947 in Volkseigentum überführt. Damit begann die Geschichte des VEB Lederfabrik Kirchhain. Der Neustart war schwierig: Für Reparationsleistungen mussten Maschinen demontiert werden, gleichzeitig fehlten Rohhäute, Gerbstoffe, Kohle und Energie. Trotz dieser Probleme gelang es, die Produktion wieder aufzubauen. Das Sortiment wurde zunehmend auf hochwertige Fertigleder ausgerichtet.
Leder für Schuhe, Taschen und Kleidung
Im Laufe der DDR-Jahre produzierte der Betrieb unter anderem Schuhoberleder, Futterleder, Galanterieleder, Bekleidungsleder, Orthopädieleder, Täschnerleder und Arbeitsschutzleder. Die Erzeugnisse gingen an verschiedene weiterverarbeitende Betriebe der DDR. Die Bedeutung des Werkes wuchs. 1967 wurden beispielsweise rund 900.000 Ziegenfelle und 400.000 Schaffelle verarbeitet. Ein großer Teil der Rohware musste aus dem Ausland importiert werden, unter anderem aus Indien, der Mongolei und Syrien.

Moderne Technik trotz Mangelwirtschaft
Auch der VEB wurde technisch weiterentwickelt. Neue Entfettungsanlagen, hydraulische Pressen, Spannrahmentrockner, Spritzbänder und später Vakuumtrockner verbesserten die Produktionsabläufe. Besonders der 1974 eingesetzte Vakuumtrockner verkürzte die Trocknungszeit des Leders erheblich. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten mehr als 200 Menschen im Betrieb, der jährlich mehr als eine Million Felle verarbeitete.

Ausgezeichnete Lederqualität
Der Betrieb konnte trotz der wirtschaftlichen Einschränkungen bemerkenswerte Qualitätsstandards erreichen. 1978 erhielt der VEB Lederfabrik Doberlug-Kirchhain als erster ledererzeugender Betrieb der DDR die Auszeichnung „Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit“. 1987 folgte auf der Leipziger Messe sogar Gold für eine Neuentwicklung aus Schafnappa. Bis 1989 belieferte die Lederfabrik unter anderem Schuhhersteller wie Goldpunkt und Bella sowie weitere Produzenten von Lederwaren, Bekleidung und sogar Musikinstrumenten.


Das Ende nach der Wende
Mit der deutschen Wiedervereinigung änderten sich die wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend. Höhere Produktions- und Lohnkosten, strengere Umweltauflagen und vor allem der Zusammenbruch der bisherigen Absatzmärkte brachten die Lederindustrie in Doberlug-Kirchhain massiv unter Druck. 1990 wurde der VEB zur Kirchhainer Leder GmbH. Ein später ausgearbeitetes Management-Buy-out konnte jedoch nicht umgesetzt werden. Die Treuhandanstalt lehnte das Konzept ab. 1995 wurde der Betrieb endgültig abgewickelt.

Eine Industrie verschwindet
Mit dem Ende der Großgerberei verlor Doberlug-Kirchhain einen seiner traditionsreichsten Wirtschaftszweige. Wo einst Häute angeliefert, gegerbt, gefärbt und zu hochwertigem Leder verarbeitet wurden, endete eine Industriegeschichte, die über Jahrhunderte zurückreicht. Der VEB Lederfabrik Doberlug-Kirchhain steht damit beispielhaft für den Wandel ostdeutscher Industriestädte: Aus einem bedeutenden Produktionszentrum wurde nach 1990 innerhalb weniger Jahre ein Relikt der Vergangenheit.
