Zwischen Leuna und Weißenfels liegt ein weitgehend vergessenes Kapitel der mitteldeutschen Industriegeschichte. Das ehemalige Werk Spergau der VEB Kaolin- und Tonwerke Salzmünde war über Jahrzehnte ein wichtiger Standort für die Verarbeitung von Kaolin und Ton. Heute sind von der einstigen Fabrik vor allem verfallende Gebäude und technische Relikte geblieben. Die Geschichte des Standorts reicht bis ins Jahr 1883 zurück. Damals begann in Spergau die Produktion des wertvollen Kaolins. Das helle Gestein, auch als „weißes Gold“ bezeichnet, wird unter anderem für die Herstellung von Porzellan und Papier verwendet.
Mit dem Ausbau der industriellen Produktion entwickelte sich das Werk zu einem bedeutenden Arbeitgeber in der Region. Nach der Verstaatlichung in der DDR wurde der Betrieb Teil der VEB Kaolin- und Tonwerke Salzmünde.

Mehr als 500 Menschen arbeiteten hier
Besonders in der DDR-Zeit erreichte das Werk eine erhebliche Größe. Im Werk Spergau waren mehr als 500 Beschäftigte tätig. Ende der 1970er-Jahre wurde nochmals kräftig in Maschinen und Produktionsanlagen investiert. Ziel war es, die Leistungsfähigkeit des Betriebs zu erhöhen und seine Position auf dem internationalen Markt zu verbessern. Die Rohstoffe wurden in den umliegenden Tagebauen gewonnen und anschließend aufbereitet. Zum industriellen Bild gehörten Förderanlagen, Transportbahnen, Schlämm- und Trocknungsanlagen sowie umfangreiche Produktionsgebäude.



Das Ende nach der Wende
Die Investitionen konnten den späteren Niedergang nicht verhindern. Mit dem Ende der DDR und dem Zusammenbruch der bisherigen Wirtschaftsstrukturen verlor das Werk seine Grundlage. Bereits Anfang der 1990er-Jahre endete der Kaolinstandort in seiner bisherigen Form. Die Gebäude und technischen Anlagen blieben anschließend weitgehend ungenutzt. Was einst ein wichtiger Industriebetrieb mit Hunderten Beschäftigten war, verwandelte sich langsam in eine Industriebrache.

Die Natur holt sich das Gelände zurück
Über Jahrzehnte setzte der Verfall ein. Dächer verschwanden, Fenster gingen zu Bruch und die Vegetation eroberte die alten Produktionsflächen. Zwischen Bäumen und Gestrüpp sind noch heute Überreste der technischen Infrastruktur zu erkennen. Besonders eindrucksvoll sind die verbliebenen Anlagen der ehemaligen Transportbahn. Auch Teile der alten Produktionsgebäude und Trocknungsanlagen erinnern an die industrielle Vergangenheit.



Ein Großbrand verändert das Gelände
Der Verfall wurde schließlich durch einen schweren Brand im September 2023 beschleunigt. Teile der leerstehenden alten Produktionsstätte wurden dabei erheblich beschädigt beziehungsweise zerstört. Heute präsentiert sich das ehemalige Werk als Mischung aus Ruine, Natur und industriellen Fragmenten. Nur wenige Überreste lassen noch erkennen, welche Bedeutung der Standort einst für die Region besaß.

Vom Industriezentrum zum Lost Place
Das Werk Spergau steht beispielhaft für zahlreiche DDR-Industriebetriebe, deren wirtschaftliche Grundlage nach 1990 verschwand. Maschinen, Arbeitsplätze und Produktionsanlagen wurden nicht mehr benötigt – zurück blieben riesige Areale, deren weitere Nutzung häufig ungeklärt war. Die Geschichte des Kaolinwerks ist dabei älter als die DDR selbst. 140 Jahre Industriegeschichte liegen zwischen den ersten Produktionsjahren und dem endgültigen Niedergang des alten Werkes.
Heute erinnert die Ruine an eine Zeit, in der in Spergau noch mehrere hundert Menschen mit der Gewinnung und Verarbeitung des weißen Rohstoffs beschäftigt waren. Wo einst Kaolin für Industrie und Handwerk aufbereitet wurde, kämpfen heute Bäume, Wetter und Verfall gegen die letzten Spuren des alten Werkes.
