VEB Farbchemie Quedlinburg

Am Harzweg 12 befand sich einst ein bedeutender Chemiebetrieb mit einer Geschichte, die weit über die DDR-Zeit hinausreicht. Der VEB Farbchemie Quedlinburg entstand aus der traditionsreichen Farbenfabrik von Wilhelm Brauns. Jahrzehntelang wurden hier Farben, Klebstoffe und Kitte produziert. Nach der Wende kam das Ende – und aus dem einstigen Industriebetrieb wurde eine verlassene Fabrik. Die Geschichte des Standorts reicht bis in das späte 19. Jahrhundert zurück. 1884 erwarb der Apotheker Wilhelm Brauns das Gelände der ehemaligen Tackenburg in Quedlinburg und begann gemeinsam mit Johannes Brauns mit dem Aufbau einer Anilinfarbenfabrik. Bereits um 1890 war die erste große Ausbauphase abgeschlossen.

Das Unternehmen entwickelte sich zu einem überregional bedeutenden Hersteller. Das Sortiment wurde im Laufe der Jahrzehnte erweitert und umfasste unter anderem Farben für Leder, Wachs, Kerzen, Seifen sowie verschiedene Mittel zur Imprägnierung, Fleckenentfernung und Entfärbung.

Vom Familienunternehmen zum VEB

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Eigentumsverhältnisse grundlegend. Ab 1959 beteiligte sich der DDR-Staat an dem Unternehmen, bevor die vollständige Verstaatlichung erfolgte. Ab 1972 wurde der Betrieb als VEB Farbchemie Quedlinburg geführt. Die Produktion konzentrierte sich zunehmend auf chemische Erzeugnisse für Industrie und Verbraucher. Dazu gehörten Klebstoffe und Kitte, aber auch die bekannten Citocol-Farbtabletten zum Färben von Textilien.

Farben für den DDR-Alltag

Die Produkte des Werkes waren weit über Quedlinburg hinaus bekannt. Farbmittel wurden unter anderem zum Färben von Baumwolle, Leinen, Seide, Viskose und synthetischen Fasern eingesetzt. Auch für Heimwerker und die Bauindustrie stellte der Betrieb verschiedene Klebstoffe und Leime her. Der Betrieb war damit ein typisches Beispiel für die breit aufgestellte Chemieproduktion der DDR. Die Fabrik am Harzweg war zugleich ein wichtiger Arbeitgeber der Stadt.

Das Ende nach der Wende

Mit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft verlor auch die Farbchemie ihre bisherige Grundlage. 1990 wurde aus den Resten des VEB die Wilbra Chemie GmbH, die schließlich zum 1. Januar 1993 an den Alteigentümer zurückübertragen wurde. Doch die Rückkehr in private Hände konnte den Standort nicht dauerhaft retten. Anfang 2004 endete die Chemieproduktion in Quedlinburg endgültig.

Die Fabrik wird zum Lost Place

Nach der Stilllegung begann der Verfall. Das rund 13.000 Quadratmeter große Gelände entwickelte sich zu einer typischen Industriebrache. Leerstehende Produktionsgebäude, alte Anlagen und der markante Schornstein erinnerten noch lange an die industrielle Vergangenheit. Mehrfach kam es zudem zu Bränden auf dem verlassenen Areal. Der Standort war außerdem mit der Frage möglicher Altlasten verbunden. Bei der späteren Entwicklung wurde deshalb eine umfangreiche Untersuchung und Sanierung des Geländes erforderlich.

Aus der Industriebrache wird ein neues Quartier

Lange schien die Zukunft des alten Fabrikgeländes ungewiss. 2014 begannen schließlich konkrete Planungen für eine Revitalisierung. Das ehemalige Industrieareal sollte nicht vollständig verschwinden, sondern teilweise in die neue Nutzung einbezogen werden. Das Ergebnis trägt heute den Namen „Brauns Quartier“ – eine bewusste Erinnerung an den ursprünglichen Firmengründer Wilhelm Brauns. Das historische Kontorgebäude von 1905 konnte erhalten und modernisiert werden. Auch einige Backsteinbauten und der markante Schornstein blieben bestehen. Auf den übrigen Flächen entstanden neue Mehrfamilienhäuser mit Wohnungen und Grünflächen direkt an der Bode. Die ehemalige Fabrik ist damit heute kein Lost Place mehr, sondern Teil einer neuen innerstädtischen Entwicklung.

Ein Stück Quedlinburger Industriegeschichte

Die Geschichte des VEB Farbchemie Quedlinburg zeigt den Wandel eines Industriestandortes über mehr als ein Jahrhundert: von der privaten Anilinfarbenfabrik über den volkseigenen DDR-Betrieb bis zur verlassenen Industriebrache und schließlich zur Revitalisierung. Ein Teil der historischen Bausubstanz ist erhalten geblieben. Damit verschwindet die Geschichte des Standortes nicht vollständig – sie bekommt lediglich eine neue Funktion. Wo einst Farben, Klebstoffe und chemische Produkte hergestellt wurden, wohnen heute Menschen. Aus dem ehemaligen VEB Farbchemie ist ein neues Stück Quedlinburg entstanden.

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