Zwischen Duisburg-Beeck, Meiderich und Ruhrort stand einst eine der markanten Industrieanlagen des Duisburger Nordens: die Sinteranlage der Phoenix-Rheinrohr AG. Heute erinnert kaum noch etwas an den gewaltigen Komplex. Wo früher Erz, Koks, Kalk und Schlacke verarbeitet wurden, befindet sich inzwischen ein Bestandteil des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Die Geschichte des Areals steht beispielhaft für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Aus einer leistungsfähigen Anlage der Stahlindustrie wurde zunächst eine weithin bekannte Industriebrache, später ein gefährlicher Lost Place und schließlich eine neu gestaltete Landschaft.

1957 geht die Sinteranlage in Betrieb
Die Sinteranlage wurde 1957 in Betrieb genommen. Bauherr war die Phoenix-Rheinrohr AG Vereinigte Hütten- und Röhrenwerke. Ihre Aufgabe bestand darin, feinkörnige Ausgangsstoffe für den Hochofenprozess aufzubereiten. Beim Sintern werden unter anderem Feinerze, Koks und Kalk unter Zugabe von Wasser zu einem festen Sinterprodukt verarbeitet. Dieses Material konnte anschließend in den Hochöfen eingesetzt werden. Das Verfahren verbessert die Eigenschaften des Einsatzstoffes und verhindert unter anderem, dass lose Feinerze den Hochofenprozess beeinträchtigen.
Die Duisburger Anlage war entsprechend kein kleiner Nebenbetrieb. Während ihrer Betriebszeit arbeiteten dort rund 100 Menschen. Die Produktionsleistung lag bei bis zu 4.000 Tonnen Sinter pro Tag. Für die Zwischenlagerung standen Bunker mit einem Fassungsvermögen von bis zu 200.000 Tonnen zur Verfügung.

Stahlkrise beendet den Betrieb
Mit der Krise der Stahlindustrie veränderten sich die Produktionsstrukturen im Duisburger Norden grundlegend. Die Sinteranlage gehörte zuletzt zum Thyssen-Konzern. Der Konzern konzentrierte seine Aktivitäten zunehmend auf den Standort der August-Thyssen-Hütte in Hamborn. 1983 wurde die Sinteranlage stillgelegt. Damit begann der lange Niedergang des rund 31 Hektar großen Geländes.
Das Areal war allerdings nicht sofort vollständig aufgegeben. Bereiche, auf denen bereits vor dem Bau der Sinteranlage Hochofenschlacke abgelagert worden war, wurden noch bis 1995 für die Schlackenverwertung genutzt. Unter anderem fand das Material Verwendung im Straßenbau. Danach blieb das Gelände weitgehend sich selbst überlassen.









Aus der Industriebrache wird ein Lost Place
Mit der Stilllegung begann eine zweite, ungewöhnliche Phase in der Geschichte der Sinteranlage. Die verlassenen Gebäude entwickelten sich zu einem bekannten Ziel für Neugierige, Fotografen und sogenannte Urbexer. Das weitläufige Gelände mit seinen Stahlkonstruktionen, Bunkern, Treppen, Stegen und industriellen Relikten besaß eine enorme Anziehungskraft. Gleichzeitig wurde die Anlage zunehmend zum Sicherheitsproblem. Teile der Konstruktionen waren bereits demontiert, andere durch jahrelangen Verfall geschwächt. Die Kombination aus maroder Bausubstanz und unbefugtem Zutritt machte den Lost Place zu einem gefährlichen Ort.

Tödlicher Unfall erschüttert Duisburg
Besonders tragisch zeigte sich diese Gefahr im Juli 2013. Vier Jugendliche gelangten trotz Verbot und Warnhinweisen auf das Gelände der ehemaligen Sinteranlage. Eine 15-Jährige stürzte beim Überqueren eines teilweise demontierten Verbindungsstegs mehr als 20 Meter in die Tiefe und starb. Nach damaligen Ermittlungen war die Gruppe über eine Feuerleiter in einen höher gelegenen Bereich gelangt. An einem Verbindungssteg zwischen zwei ehemaligen Gasreinigungsbehältern waren bereits Bodensegmente entfernt worden. Die Jugendlichen nutzten jedoch die verbliebenen Stahlstreben, um den Bereich zu überqueren. Dabei verlor das Mädchen den Halt.
Das Unglück rückte den gefährlichen Zustand der Industriebrache schlagartig in den Mittelpunkt. Die damalige Berichterstattung verwies zugleich auf die schwierige Situation des weitläufigen Geländes: Es gab Warnschilder und Absperrungen, dennoch gelangten immer wieder Menschen auf das Areal.

Rückbau und Sprengungen verändern das Areal
Nach dem Unglück begann der Rückbau der wesentlichen Anlagen. Dabei ging es nicht nur um die Beseitigung einsturzgefährdeter Gebäudeteile. Auch Boden und Bausubstanz mussten untersucht und belastete Materialien fachgerecht behandelt werden. Die ehemalige Sinteranlage war erheblich kontaminiert. Deshalb konnten große Teile der historischen Industriearchitektur nicht erhalten werden. Die Anlagen wurden schrittweise zurückgebaut; verbliebene markante Bauwerke folgten später.
2015 endete die Geschichte der sichtbaren Sinteranlage endgültig. Der 121 Meter hohe Kamin, die Kaue und weitere Gebäudeteile wurden gesprengt. Damit verschwand ein weiteres markantes Stück Duisburger Industriegeschichte aus dem Stadtbild.

Aus der Altlast entsteht eine neue Landschaft
Der vollständige Verlust der historischen Sinteranlage bedeutete jedoch nicht das Ende des Areals. Vielmehr wurde die industrielle Vergangenheit in die Landschaftsplanung des Landschaftsparks Duisburg-Nord integriert. Das ehemalige Sintergelände bildet heute den sogenannten Sinterpark. Die Gestaltung stammt aus dem Umfeld des Landschaftsarchitekten Peter Latz und verbindet die vorhandenen industriellen Strukturen mit einer neuen Parklandschaft.
An die Stelle der früheren Produktionsflächen sind Wiesen, Gehölze und Aufenthaltsbereiche getreten. Gleichzeitig blieben wichtige Relikte der industriellen Vergangenheit sichtbar. Dazu gehören unter anderem Reste der Kranbahn und ein rund 300 Meter langer Hochsteg über der früheren Bunkeranlage.

Bunker werden zu Gärten
Besonders ungewöhnlich ist der Umgang mit den ehemaligen Sinterbunkern. Die massiven Betonmauern, die einst Erz, Kohle, Kalk und Asche aufnahmen, wurden nicht vollständig beseitigt. Stattdessen bilden sie heute den Rahmen für unterschiedliche Gartenräume. In den alten Bunkertaschen finden sich unter anderem versiegelte Altlastenbereiche, aufgeschüttete Böden, Wasserflächen und bepflanzte Gartenbereiche. Damit wurde aus der technischen Infrastruktur einer ehemaligen Schwerindustrieanlage ein Bestandteil einer postindustriellen Parklandschaft. Die Vergangenheit wurde nicht vollständig ausgelöscht, sondern in die neue Nutzung integriert.

Ein Beispiel für den Strukturwandel im Ruhrgebiet
Die Geschichte der Sinteranlage Duisburg-Beeck zeigt auf ungewöhnliche Weise, wie radikal sich Industriestandorte verändern können. Innerhalb weniger Jahrzehnte wandelte sich das Areal von einem leistungsfähigen Bestandteil der Stahlproduktion zu einer verlassenen Industriebrache. Die anschließende Entwicklung war geprägt von Verfall, illegalen Erkundungen, einem tödlichen Unfall, Rückbau, Altlastensanierung und schließlich einer landschaftsplanerischen Neugestaltung.
Heute ist der Sinterpark deshalb mehr als eine Grünfläche. Die verbliebenen Bunker, Stege und technischen Relikte erinnern an die industrielle Vergangenheit des Duisburger Nordens. Gleichzeitig zeigt das Gelände, wie sich belastete und aufgegebene Industrieflächen in neue öffentliche Räume verwandeln lassen.
Die Sinteranlage selbst ist verschwunden. Ihre Spuren sind jedoch weiterhin Bestandteil des Landschaftsparks Duisburg-Nord – und damit der Industriegeschichte des Ruhrgebiets.
