Schloss Zerbst

Was heute in Zerbst als Schlossruine steht, war einst eine der bedeutendsten Barockresidenzen Mitteldeutschlands. Über mehrere Generationen entstand aus einer mittelalterlichen Burganlage ein repräsentatives Dreiflügelschloss der Fürsten von Anhalt-Zerbst. Heute erinnern nur noch Teile des Corps de logis und der Ostflügel an die einstige Größe. Dazwischen liegen Krieg, politisch motivierter Abriss, jahrzehntelanger Verfall und ein bis heute andauernder Kampf um die Rettung der verbliebenen Bausubstanz.

Vom Burgsitz zur Residenz

Die Geschichte des Ortes reicht bis zu einer mittelalterlichen Wasserburg zurück, die bereits 1196 urkundlich erwähnt wurde. Ende des 17. Jahrhunderts entschied Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst, die überholte und zunehmend baufällige Burg durch eine moderne Residenz zu ersetzen. Am 31. Mai 1681 wurde der Grundstein für das neue Corps de logis gelegt. Der Entwurf stammte vom niederländischen Baumeister Cornelis Ryckwaert.

Der Bau zog sich über Jahrzehnte hin. Giovanni Simonetti vollendete den Haupttrakt, ab 1703 entstand der Westflügel mit Schlosskapelle, später wurde die Anlage unter Johann Christoph Schütze und weiteren Baumeistern erweitert. 1744 begann schließlich der Bau des Ostflügels. Damit entstand eine repräsentative Dreiflügelanlage, deren äußere Architektur vom Barock und deren Innenausstattung teilweise vom friderizianischen Rokoko geprägt war.

Ein Schloss mit berühmter Bewohnerin

Mit dem Zerbster Schloss ist auch eine der bekanntesten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte verbunden. Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst lebte hier zeitweise, bevor sie im Januar 1744 nach Russland abreiste. Als Katharina II. wurde sie später russische Zarin. Das Schloss gehört damit unmittelbar zur frühen Biografie einer der prägenden Herrscherinnen des 18. Jahrhunderts.

Nach dem Erlöschen des Zerbster Fürstenhauses 1793 verlor das Schloss seine Funktion als Residenz. Nach der Abdankung des Herzogshauses 1918 wurde die Anlage Teil der Joachim-Ernst-Stiftung. 1921 öffnete im Schloss ein Museum mit fast 80 Ausstellungsräumen. Auch Archive und weitere städtische Einrichtungen waren im Gebäude untergebracht.

Die Zerstörung von 1945

Am 16. April 1945 wurde das Schloss bei einem Bombenangriff schwer getroffen. Die Anlage brannte weitgehend aus, wertvolle Ausstattungen, Museumsbestände und Teile der Archive gingen verloren. Doch die Ruine war zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs verloren. Große Teile der historischen Bausubstanz standen weiterhin.

Was folgte, gehört zu den besonders bitteren Kapiteln der Zerbster Schlossgeschichte. Zwischen 1948 und 1952 wurden zwei Flügel der ehemaligen Dreiflügelanlage abgebrochen. Nach Angaben des Fördervereins konnten der östliche Flügel und etwa ein Fünftel des Corps de logis nur durch das Veto des damaligen Landeskonservators erhalten werden. Damit vernichtete der Abriss einen erheblichen Teil dessen, was den Krieg überstanden hatte.

Jahrzehnte zwischen Sicherung und Verfall

Die wenigen Sicherungsmaßnahmen der 1950er Jahre reichten nicht aus. In den folgenden Jahrzehnten verschlechterte sich der Zustand der verbliebenen Ruine. Witterung, Vandalismus und der Verlust historischer Bauteile setzten dem Gebäude zu. Nach der politischen Wende kam zusätzlich ein jahrelanger Rechtsstreit hinzu. Ein Investor hatte die Ruine 1990 erworben, doch die geplante Entwicklung blieb aus. Erst 1999 fiel das Schloss endgültig an die Stadt Zerbst/Anhalt zurück.

Bürger retten, was geblieben ist

Eine neue Phase begann 2003 mit der Gründung des Fördervereins Schloss Zerbst. Seitdem engagieren sich Bürger, Fachleute und Unterstützer für die Sicherung und Wiederbelebung der verbliebenen Schlossbereiche. Dabei geht es nicht um eine romantische Rekonstruktion um jeden Preis, sondern zunächst um die Sicherung der vorhandenen historischen Substanz und eine tragfähige Nutzungsperspektive.

Schloss Zerbst ist deshalb heute weniger ein klassischer Lost Place als ein gerettetes und weiterhin gefährdetes Fragment. Die Ruine macht sichtbar, wie viel historische Substanz innerhalb weniger Jahre verloren gehen kann – zunächst durch Krieg, anschließend durch politische Entscheidungen und später durch Vernachlässigung. Gleichzeitig zeigt sie, dass selbst stark beschädigte Baudenkmale nicht zwangsläufig am Ende ihrer Geschichte angekommen sind.

Die erhaltenen Mauern stehen damit nicht nur für den Glanz der ehemaligen Residenz. Sie erzählen ebenso von der Zerstörung, dem Umgang mit Denkmalen in der Nachkriegszeit und dem langen Atem derjenigen, die sich Jahrzehnte später ihrer Rettung angenommen haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert