Auf einer Anhöhe über der Mandau steht eines der außergewöhnlichsten Schlösser der Oberlausitz: Schloss Hainewalde. Zwischen 1749 und 1755 ließ der königlich-preußische Kammerherr Samuel Friedrich von Kanitz die heutige barocke Dreiflügelanlage errichten. Über eine terrassierte Gartenanlage steigt der Blick zum Schloss an – eine Inszenierung, die dem Ensemble einst den Beinamen „Sanssouci der Oberlausitz“ einbrachte. Die Geschichte des Ortes reicht allerdings noch wesentlich weiter zurück. Bereits im 16. Jahrhundert entstand unter Hans Ulrich von Nostitz ein Renaissance-Wasserschloss. Von diesem „Alten Schloss“ blieb nach dem Abriss von 1780 vor allem das historische Torhaus erhalten. Das heutige Schloss entstand unmittelbar daneben.
Vom Barock zur repräsentativen Fabrikantenfassade
Im 19. Jahrhundert änderte sich das Erscheinungsbild erheblich. 1882/83 wurde das Schloss nach Plänen des Zittauer Architekten Hugo Müller umfassend umgebaut. Zahlreiche barocke Gestaltungselemente verschwanden, stattdessen erhielt die Fassade aufwendige Sgraffito-Verzierungen. Aus dem barocken Herrensitz wurde damit ein historistisch überformtes Schloss. 1927 war die große Zeit der adeligen Herrschaft endgültig vorbei. Moritz Joachim Ernst von Kyaw verkaufte Schloss und Rittergut aus wirtschaftlichen Gründen an die Gemeinde Großschönau. Damit begann eine völlig neue, zugleich aber schwierige Phase in der Geschichte des Gebäudes.
Ein dunkles Kapitel der Schlossgeschichte
Besonders belastet ist die Geschichte des Schlosses während der NS-Zeit. Zwischen April und August 1933 wurde hier ein sogenanntes Schutzhaftlager eingerichtet. Später diente das Schloss bis 1945 unter anderem als Wehrertüchtigungslager. Nach Kriegsende wurden Flüchtlinge untergebracht; anschließend wurde das Gebäude noch jahrzehntelang als Wohnraum genutzt. 1972 endete die Nutzung weitgehend. Es folgte ein Leerstand, der sich über Jahrzehnte hinzog. Erst 1996 verkaufte die Gemeinde das Schloss an einen Investor – doch dessen geplante Entwicklung scheiterte. Das Gebäude blieb zurück.

25 Jahre Stillstand
Der jahrzehntelange Leerstand hinterließ deutliche Spuren. Dächer, Fassaden und Tragwerk waren gefährdet, Teile des Schlosses mussten gesichert werden. Lange Zeit schien das Gebäude tatsächlich dem Schicksal vieler ostdeutscher Schlösser zu folgen: historische Substanz vorhanden, Geld knapp, Nutzung unklar. Dann formierte sich Widerstand gegen den weiteren Verfall. Der Förderverein zur Erhaltung des Kanitz-Kyawschen Schlosses wurde 2001 gegründet. Freiwillige räumten Müll aus Gebäudeteilen und Kellern, legten den zugewachsenen Park frei und begannen, erste Sicherungsarbeiten zu organisieren.
Schritt für Schritt zurück ins Leben
Inzwischen hat sich das Bild grundlegend verändert. Seit 2007 laufen Sanierungsarbeiten in verschiedenen Bauabschnitten. Besonders der Nordanbau wurde statisch ertüchtigt, vom Hausschwamm befreit, mit einem neuen Dach versehen und restauriert. Historische Sandsteinelemente und die aufwendigen Sgraffito-Arbeiten wurden gesichert beziehungsweise rekonstruiert.
Ein sichtbares Zeichen des Erfolgs folgte 2020: Die markante Turmlaterne, die wegen Einsturzgefahr rund 25 Jahre zuvor abgenommen worden war, kehrte nach originalgetreuem Vorbild auf das Schloss zurück. Für die Sanierung eines Bauabschnitts investierte die Gemeinde rund 800.000 Euro, davon 90 Prozent Fördermittel.
Kein Lost Place mehr – aber noch lange nicht fertig
Heute ist Schloss Hainewalde deshalb kein klassischer Lost Place mehr. Führungen, Veranstaltungen und kulturelle Projekte bringen wieder Leben in das Gebäude. Der Förderverein verfolgt ausdrücklich das Ziel, das Schloss samt Park touristisch, kulturell und künstlerisch zu nutzen. Doch von einer abgeschlossenen Rettung kann noch keine Rede sein. Der Verein weist aktuell weiterhin auf dringend notwendige Arbeiten an den historischen Terrassen hin und bittet um Unterstützung für deren Sanierung.
Ein Denkmal, das nicht aufgegeben wurde
Schloss Hainewalde zeigt damit die andere Seite der Lost-Places-Geschichte. Hier wurde der Verfall nicht einfach hingenommen. Ein Gebäude, das jahrzehntelang leer stand und bereits als kaum noch zu retten galt, wird Stück für Stück zurückgewonnen.
Das Ergebnis ist noch immer eine Baustelle der Denkmalpflege – aber eben keine Ruine. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Geschichte, die Hainewalde heute erzählt: Manchmal braucht ein Denkmal nicht den großen Retter, sondern Menschen, die einfach anfangen, es zu retten.
