Schlossbrauerei Wiesenburg

Am Ortseingang von Wiesenburg/Mark erinnert heute nur noch eine stark verfallene Gebäudegruppe an eine Zeit, in der Bier zu den wichtigsten Wirtschaftsgütern des Ortes gehörte. Die ehemalige Schlossbrauerei Wiesenburg entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem bedeutenden Betrieb der Region und ist heute ein markanter Lost Place im Fläming. Die Brautradition in Wiesenburg reicht sogar bis ins 15. Jahrhundert zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ Curt Friedrich Ernst von Watzdorff schließlich eine neue, deutlich größere Brauerei errichten. Nach rund zweijähriger Bauzeit konnte am 1. Februar 1866 am neuen Standort der Braubetrieb aufgenommen werden.

Bier für die Gaststätten der Region

Für die damaligen Schlossherren war die Brauerei nicht nur ein Produktionsbetrieb, sondern eine wichtige Einnahmequelle. In den Gaststätten der Brandtsheide bestand ein sogenannter Bierzwang: In den betreffenden Dorfkrügen durfte ausschließlich Bier aus der Schlossbrauerei ausgeschenkt werden. Das Sortiment war entsprechend vielfältig. Gebraut wurden unter anderem Braunbier, bayerisches Bier, Exportbier und Bockbier. Die Brauerei belieferte Gaststätten und Händler weit über Wiesenburg hinaus und wurde zu einem wichtigen Bestandteil der regionalen Wirtschaft.

Ein Fass Fürstenbräu für Otto von Bismarck

Eine besondere Episode der Brauereigeschichte stammt aus dem Jahr 1887. Zum Geburtstag von Reichskanzler Otto von Bismarck schickte die Gräflich Fürstensteinsche Schlossbrauerei ein eigens gebrautes Bier nach Berlin. Das „Fürstenbräu“ wurde in einem Fass als Geschenk an Bismarck versandt. Der Reichskanzler bedankte sich anschließend persönlich für die Aufmerksamkeit. Die Episode ist heute ein bemerkenswertes Detail aus der Geschichte des Wiesenburger Braubetriebs.

Vom fürstlichen Betrieb zum VEB

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderten sich die Eigentumsverhältnisse grundlegend. Die Brauerei wurde zunächst in Gemeindetreuhand überführt und 1948 enteignet. Ein Jahr später entstand daraus der VEB Brauerei Wiesenburg. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Betrieb mehrfach organisatorisch neu eingeordnet. Ab 1972 gehörte die Brauerei schließlich zum Getränkekombinat Potsdam. Damit war aus der ehemaligen fürstlichen Schlossbrauerei ein volkseigener Industriebetrieb geworden.

Nach der Wende kam das Aus

Mit dem Ende der DDR begann auch für die Brauerei eine schwierige Phase. Versuche, den Betrieb nach der Wiedervereinigung zu privatisieren und dauerhaft weiterzuführen, scheiterten. 1994 wurde die Brauerei endgültig geschlossen. Damit endete eine Brautradition, die an diesem Standort mehr als 125 Jahre bestanden hatte.

Der Verfall beginnt

Nach der Stilllegung wurde das Gelände nicht mehr dauerhaft genutzt. Die Gebäude verfielen zunehmend. Dächer wurden undicht, Bauteile beschädigt und die Natur eroberte das ehemalige Betriebsgelände zurück. Aus dem einst wirtschaftlich bedeutenden Unternehmen wurde eine verlassene Industrieanlage. Historische Produktionsräume, Keller und technische Überreste erinnern noch an die ursprüngliche Funktion. Gleichzeitig hat der jahrzehntelange Leerstand deutliche Spuren hinterlassen. Zeitgenössische Berichte beschreiben Teile der Anlage bereits als abrissreif.

Ein Lost Place mit besonderem Charme

Anders als bei vielen verlassenen Industrieanlagen ist ihre Geschichte unmittelbar mit der Entwicklung des Ortes verbunden. Historische Architektur, Produktionsbereiche und die Spuren des jahrzehntelangen Verfalls treffen hier aufeinander. Zwischen überwucherten Gebäuden und beschädigten Dächern lässt sich noch erahnen, wie geschäftig das Gelände einst gewesen sein muss. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Wo früher Bier gebraut, gelagert und verladen wurde, herrscht heute weitgehend Stille.

Gemeinde will die Industriebrache neu entwickeln

Das Ende der Schlossbrauerei muss allerdings nicht zwangsläufig das Ende des Areals bedeuten. Die Gemeinde Wiesenburg/Mark konnte das Grundstück 2021 zurückerlangen und verfolgt seitdem Pläne für eine neue Nutzung. Eine Machbarkeitsstudie sollte klären, welche Entwicklungsmöglichkeiten das Gelände bietet. 2024 leitete die Gemeinde schließlich das Bebauungsplanverfahren Nr. 24 „ehemalige Brauerei Wiesenburg“ ein. Ziel ist es, die planungsrechtlichen Voraussetzungen für eine Revitalisierung zu schaffen. Vorgesehen sind grundsätzlich Gewerbe- und Wohnnutzungen. Das Plangebiet umfasst rund 15.300 Quadratmeter.

Fledermäuse statt Bierflaschen

Bei der geplanten Entwicklung spielt inzwischen auch der Naturschutz eine Rolle. In den über Jahrzehnten leerstehenden Gebäuden hat sich ein Fledermaushabitat entwickelt. Die Gemeinde lässt deshalb untersuchen, welche geschützten Arten auf dem Areal vorkommen und wie eine künftige Nutzung damit vereinbar sein kann. Damit bekommt die ehemalige Brauerei eine ungewöhnliche neue Dimension: Was einst ein Ort industrieller Produktion war und später zum Lost Place wurde, ist inzwischen auch Lebensraum für geschützte Tiere.

Das Ende eines Lost Places?

Die Zukunft der Schlossbrauerei ist damit längst nicht mehr allein eine Frage des Denkmalschutzes. Es geht um die schwierige Balance zwischen Industriegeschichte, Bausubstanz, Naturschutz und neuer Nutzung. Ob die historischen Gebäude vollständig erhalten, teilweise integriert oder letztlich abgerissen werden, hängt von der weiteren Entwicklung ab. Die Gemeinde sieht in der ehemaligen Brauerei jedenfalls einen städtebaulichen Missstand und möchte das Gelände wieder nutzbar machen.

Vom Fürstenbier zur Industriebrache

Die Geschichte der Schlossbrauerei Wiesenburg ist ein Spiegelbild deutscher Geschichte. Fürstliche Gutsbrauerei, volkseigener Betrieb, DDR-Getränkekombinat, Stilllegung und Lost Place – kaum ein anderer Industriebau in Wiesenburg vereint so viele unterschiedliche Epochen. Heute stehen die verfallenen Gebäude für das Ende einer langen Brautradition. Gleichzeitig könnte auf dem Gelände ein neues Kapitel beginnen. Vielleicht wird die Schlossbrauerei eines Tages verschwunden sein. Ihre Geschichte aber bleibt – und mit ihr die Erinnerung an ein Bier, das einst sogar Otto von Bismarck erreichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert