Pumpwerk Krefeld-Uerdingen

Am Rheinufer in Krefeld-Uerdingen steht ein ungewöhnliches Zeugnis der frühen Stadtentwässerung: das ehemalige Klärwerk und Hochwasserpumpwerk der Stadt Krefeld. Zwischen 1908 und 1910 entstand der markante Jugendstilbau als Teil einer modernen Infrastruktur, die mit dem rasanten Wachstum der Industriestadt notwendig geworden war. Heute ist das denkmalgeschützte Gebäude restauriert und wird kulturell genutzt. Dazwischen liegen Jahrzehnte des Betriebs, der Umnutzung, des Verfalls und eines spektakulären Dornröschenschlafs.

Jugendstil für die Stadthygiene

Entworfen wurde die Anlage nach Plänen von Georg Bruggaier unter Beteiligung des Oberbaurats Hubert Hentrich und des städtischen Ingenieurs Krawinkel. Die Architektur ist für einen technischen Zweckbau ungewöhnlich aufwendig. Rundbogenfenster, Kacheln, Terrazzo mit Mosaikverzierungen und die großzügige Haupthalle verbinden Ingenieurbau und Jugendstil. Die Klärhalle misst rund 30 Meter in der Länge und 17 Meter in der Breite.

Das Werk gehörte zu den frühen Anlagen der modernen Stadtentwässerung im Rheinland. Das Abwasser wurde zunächst mechanisch gereinigt. Gleichzeitig gehörte ein Hochwasserpumpwerk zur Anlage, mit dem gereinigtes Wasser in Richtung Rhein gefördert wurde. Damit war das Gebäude Teil einer Infrastruktur, die für eine wachsende Industriestadt von zentraler Bedeutung war.

1962 endet der Klärbetrieb

Nach rund fünf Jahrzehnten war die technische Anlage überholt. 1962 wurde das Klärwerk außer Betrieb genommen. Abrisspläne gab es bereits in den 1970er Jahren, doch das historische Gebäude blieb erhalten. Stattdessen erfolgte eine ungewöhnliche zweite industrielle Nutzung: Das ehemalige Klärwerk wurde zum Abwasserpumpwerk umgebaut und förderte das Abwasser zum neueren Klärwerk. Die Umnutzung hatte allerdings gravierende Folgen für die historische Bausubstanz. Die veränderte Abwasserbelastung führte zu biogener Schwefelsäurekorrosion. Beton, Terrazzo, technische Einbauten und weitere Bauteile wurden angegriffen. Trotz Sanierungsmaßnahmen verschlechterte sich der Zustand des Denkmals zunehmend.

Vom Denkmal zum Lost Place

1984 wurde das Hauptgebäude mit Maschinenhaus und Bremsberghaus unter Denkmalschutz gestellt. Das schützte die Anlage jedoch zunächst nicht vor ihrem weiteren Niedergang. 1996 endete auch die Nutzung als Pumpwerk. Danach standen die Gebäude leer, verfielen und wurden zunehmend von Vegetation überwuchert. Vandalismus verschärfte die Situation. Aus dem technischen Denkmal wurde ein weithin bekannter Lost Place.

Gerade dieser Zustand machte das ehemalige Klärwerk für die Lost-Place-Szene interessant. Hinter den verschlossenen Türen blieben die ungewöhnliche Architektur und zahlreiche Spuren der ursprünglichen Nutzung sichtbar. Doch der Verfall war nicht romantisch, sondern bedrohte zunehmend die historische Substanz.

Rettung statt Abriss

2018 kam die entscheidende Wende. Eine Gruppe von vier Unternehmern erwarb die Anlage und begann, das ehemalige Klärwerk schrittweise zu sichern und instand zu setzen. Ziel war nicht die möglichst glatte Modernisierung, sondern der Erhalt der vorhandenen historischen Substanz. Seit 2019 wird das Gebäude restauriert und zugleich kulturell aktiviert. Heute ist aus dem einst verlassenen Pumpwerk wieder ein zugänglicher Ort geworden. Führungen, Ausstellungen, Veranstaltungen und weitere kulturelle Nutzungen bringen Leben in die historischen Räume. Die ehemalige Pumpenhalle wird unter anderem als Veranstaltungsraum genutzt; erhaltene Kacheln, Terrazzo und die Jugendstilfenster prägen weiterhin das Erscheinungsbild.

Ein Denkmal der Stadtgeschichte

Das Krefelder Pumpwerk zeigt eindrucksvoll, wie eng Industrialisierung, Stadthygiene und technische Infrastruktur miteinander verbunden waren. Es erzählt aber ebenso von den Problemen, die entstehen, wenn solche Anlagen nach ihrer Stilllegung jahrzehntelang ohne tragfähiges Nutzungskonzept bleiben. Dass ausgerechnet ein ehemaliger Lost Place heute wieder als Industriedenkmal genutzt wird, macht die Geschichte besonders bemerkenswert.

Das Gebäude ist damit weit mehr als eine schöne Jugendstilfassade. Es dokumentiert den frühen Umgang mit Abwasser, die Entwicklung der kommunalen Infrastruktur und den Wandel eines technischen Zweckbaus zum Kulturort. Was einst Abwasser aus der Industriestadt beförderte, ist heute selbst zum historischen Inhalt geworden.

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