An der Fringsstraße im Düsseldorfer Hafen stand bis 2018 ein Stück rheinischer Industriegeschichte: die Papierfabrik Hermes. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 1878 zurück, als Hugo Hermes in Düsseldorf ein Unternehmen für Papier und Packmaterial gründete. Nach der Übernahme beziehungsweise Zusammenführung mehrerer Papierfabriken wurde der Standort im Düsseldorfer Hafen 1911 in Betrieb genommen. Der Umzug an den Rhein war eine Reaktion auf das starke Wachstum. Die alten Produktionsstandorte in Bilk waren zu klein geworden. Am neuen Standort an der Fringsstraße entstanden deutlich größere Produktionsmöglichkeiten. Das Stadtarchiv Düsseldorf führt die Papierfabrik Hermes entsprechend als bedeutendes Unternehmen der Düsseldorfer Industriegeschichte.

Karton für Persil
Hermes produzierte nicht nur Papier. Besonders bekannt wurde das Werk für Kartonagen, unter anderem für Henkel und dessen Waschmittel Persil. Damit war die Fabrik eng mit einem der bekanntesten Düsseldorfer Industrieunternehmen verbunden. Bemerkenswert war zudem der Einsatz von Altpapier als Rohstoff. Recycling im heutigen Sinn war das zwar noch nicht, doch die Wiederverwertung von Papier war bereits Bestandteil des Produktionsprozesses. Die Fabrik war damit Teil eines industriellen Kreislaufs, der lange vor der heutigen Diskussion über Ressourcenschonung existierte.

Fast ein Jahrhundert am Rhein
Über Jahrzehnte blieb die Papierfabrik ein wichtiger Produktionsstandort im Düsseldorfer Hafen. Die Fabrik überstand politische und wirtschaftliche Umbrüche und wurde nach dem Tod von Hugo Hermes von seiner Familie weitergeführt. Später wechselten die Eigentumsverhältnisse. 2003 übernahm die Curtis 1000 Europe AG die Papierfabrik. Für das Unternehmen entwickelte sich die Papierproduktion allerdings zunehmend zum Problem. Steigende Rohstoff- und Energiekosten belasteten die Produktion erheblich.









2008 kommt das Aus
Am 29. Juli 2008 musste die Papierfabrik Hermes Insolvenz anmelden. Die Düsseldorfer Stadtchronik nennt insbesondere die hohen Energie- und Rohstoffkosten als Gründe. Rund 90 Beschäftigte waren betroffen. Damit endete eine fast 100-jährige Ära am Hafenstandort. Die Produktionsanlagen wurden später verkauft, die Gebäude jedoch blieben zunächst stehen.

Vom Werk zum Lost Place
Nach dem Produktionsende begann der langsame Verfall. Die weitläufigen Hallen standen leer, Fenster und Türen wurden beschädigt, Graffiti breiteten sich aus. Das Gelände entwickelte sich zu einem bekannten Lost Place in Düsseldorf. Immer wieder kam es zu Bränden. Besonders 2013 wurde die Feuerwehr mehrfach zur ehemaligen Papierfabrik gerufen. Auch danach blieb das Gelände ein Problemstandort. Die fehlende Sicherung machte die Ruine zudem zu einem gefährlichen Ort für Unbefugte.

Die Fabrik wurde damit zu einem typischen Beispiel für die schwierige Phase zwischen industrieller Vergangenheit und neuer Nutzung: Die Produktion war längst Geschichte, eine Nachnutzung aber zunächst nicht in Sicht.

2018 verschwindet die Fabrik
Nach jahrelangem Leerstand kam schließlich der Abriss. Im Februar 2018 begannen die Arbeiten, die historischen Fabrikgebäude wurden vollständig beseitigt. Das rund 2,8 Hektar große Grundstück sollte anschließend neu entwickelt werden. Heute erinnert vor Ort kaum noch etwas an die Papierfabrik. Auf dem ehemaligen Werksgelände entstand mit den C-View Offices eine neue Büroentwicklung. Die Industriegeschichte des Grundstücks wurde damit baulich nahezu vollständig überschrieben.

Ein Lost Place, der verschwunden ist
Die Papierfabrik Hermes ist heute ein Lost Place im eigentlichen Sinn: ein verlorener Ort. Nicht weil seine Gebäude noch leer stehen, sondern weil sie nicht mehr existieren. Mit dem Abriss verschwand ein bedeutender Düsseldorfer Produktionsstandort, der über Jahrzehnte Papier und Karton für die Industrie hergestellt hatte. Geblieben sind historische Unterlagen im Stadtarchiv, Fotografien und Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter. Der Archivbestand der Papierfabrik Hermes umfasst Dokumente aus der Zeit von 1878 bis 2008.

Die Geschichte der Hermes-Fabrik zeigt, wie schnell ein funktionierender Industriestandort aus dem Stadtbild verschwinden kann. Wo einst Papiermaschinen liefen und Persilkartons produziert wurden, stehen heute Büros. Die Produktion ist Geschichte – der Standort hat eine neue Funktion bekommen.
