Haidemühl/Gózdź ist heute ein Ortsteil von Spremberg und wirkt auf den ersten Blick wie eine vergleichsweise junge Siedlung. Tatsächlich steckt hinter dem Ort eine ungewöhnliche Geschichte: Haidemühl wurde komplett neu gebaut, weil der ursprüngliche Ort dem Braunkohletagebau Welzow-Süd weichen musste. Zwischen 2004 und Ende 2006 erfolgte die Umsiedlung der Bewohner an einen neuen Standort östlich von Sellessen. Seit Januar 2006 ist das neue Haidemühl ein eigenständiger Ortsteil von Spremberg.

Vom Mühlenstandort zum Industrieort
Die Geschichte des ursprünglichen Haidemühl reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Der Name geht auf eine Mahl- und Schneidemühle zurück, die bereits 1823 urkundlich erwähnt wurde. Mit der Industrialisierung veränderte sich das Dorf grundlegend. Eine Glashütte entstand, später kamen mit dem Braunkohlebergbau weitere industrielle Arbeitsplätze hinzu. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde eine Brikettfabrik errichtet, daneben entstand die Arbeitersiedlung Werminghoff. Glaswerk und Brikettfabrik prägten Haidemühl über Jahrzehnte. Der Ort wuchs zu einer Industriegemeinde heran, deren Entwicklung eng mit der Lausitzer Braunkohle verbunden war. Der Tagebau Welzow-Süd begann bereits 1959 in unmittelbarer Nachbarschaft.

Der Tagebau bestimmt die Zukunft
Spätestens Anfang der 1990er-Jahre war klar, dass Haidemühl dem fortschreitenden Tagebau weichen musste. 1993 wurde die bergbaubedingte Umsiedlung konkret. Am 30. Juni 2000 unterzeichneten die Gemeinde und die damalige Lausitzer Braunkohle AG den sogenannten Haidemühlvertrag, der die Grundlage für die Umsiedlung bildete. Für die Bewohner bedeutete das den Verlust ihrer gewachsenen Heimat. Straßen, Häuser, Arbeitsplätze und vertraute Landschaften sollten verschwinden. Gleichzeitig wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, den neuen Standort mitzugestalten.

Haidemühl wird neu gebaut
Der neue Standort entstand auf einer rund 90 Hektar großen Fläche östlich von Sellessen. Ab 2002 wurde gebaut. Entstanden sind unter anderem 176 Mietwohnungen und 58 Eigenheime, eine Grundschule mit Kindertagesstätte, eine Turnhalle und ein Dorfgemeinschaftshaus. Auch Sportanlagen und ein größerer Angelteich gehören zur neuen Siedlung. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Form von Ortsgeschichte: Der Name, die Gemeinschaft und ein Teil der Identität wurden an einen neuen Standort übertragen, während der ursprüngliche Ort verschwand.







Alt-Haidemühl verschwindet
Ab 2004 begann der großflächige Abriss der alten Ortslage. Ende 2006 war die Umsiedlung abgeschlossen. Das ehemalige Gemeindegebiet wurde zum 1. Januar 2006 der Stadt Welzow zugeordnet. In den folgenden Jahren fraß sich der Tagebau weiter in die Landschaft vor. 2018 erreichte der Tagebau Welzow-Süd schließlich den früheren Standort von Haidemühl. Damit verschwand der Ort nicht nur von der Landkarte. Auch seine ursprüngliche Landschaft wurde Teil der Bergbaufolgelandschaft.

Industriegeschichte unter der Erde
Mit Haidemühl gingen auch wichtige Zeugnisse der Lausitzer Industrie verloren. Die Brikettfabrik war bereits Anfang der 1990er-Jahre abgerissen worden, das Glaswerk wurde ebenfalls nach der politischen Wende stillgelegt. Die beiden Betriebe hatten das wirtschaftliche und soziale Leben des Ortes über Jahrzehnte bestimmt. Die Geschichte des Ortes ist deshalb eng mit der Geschichte der Lausitzer Energie- und Rohstoffwirtschaft verbunden. Haidemühl entstand durch die Industrialisierung – und verschwand letztlich ebenfalls durch die industrielle Nutzung des Bodens.

Ein Ort ohne alte Häuser
Das heutige Haidemühl ist damit eine Besonderheit unter den Spremberger Ortsteilen. Die Stadt selbst weist darauf hin, dass hier kein Gebäude älter als rund 15 Jahre ist. Aussichtsturm, Brunnen, Parkanlage und Erinnerungsobjekte sollen an den alten Ort erinnern. Der neue Ort ist also kein gewachsenes Dorf, sondern das Ergebnis einer geplanten Umsiedlung. Seine Geschichte beginnt gleichzeitig mit dem Ende eines anderen Haidemühl.

Haidemühl zeigt auf eindringliche Weise, was Braunkohletagebau bedeutet: Nicht nur Landschaften verschwinden. Mit ihnen können ganze Dörfer, Industrieanlagen und über Generationen gewachsene Lebensräume ausgelöscht werden. In Spremberg steht heute ein neues Haidemühl – das alte liegt dort, wo einst die Bagger des Tagebaus Welzow-Süd vorrückten.
