Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk Magdeburg im Stadtteil Salbke gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Eisenbahngeschichte der Landeshauptstadt. Fast ein Jahrhundert lang wurden auf dem weitläufigen Gelände Eisenbahnwagen repariert, Bauteile gefertigt und Fahrzeuge für den Einsatz auf Deutschlands Schienen vorbereitet. Zeitweise arbeiteten hier bis zu 4.000 Menschen. Heute stehen große Teile des historischen Areals leer. Verfallene Werkhallen, alte technische Gebäude und verbliebene Gleisanlagen erinnern an einen Betrieb, der einst das Leben im Magdeburger Südosten prägte. Gleichzeitig gibt es Pläne, das ehemalige RAW-Gelände neu zu entwickeln und dabei Teile der historischen Bausubstanz einzubeziehen.

Die Anfänge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück
Die Geschichte des späteren Reichsbahnausbesserungswerks beginnt im Zuge des rasanten Ausbaus der Eisenbahn. Magdeburg entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Für die ständig wachsende Zahl an Lokomotiven und Wagen wurden leistungsfähige Wartungs- und Reparaturwerkstätten benötigt. Nachdem der preußische Staat 1882 das Gelände der Magdeburg-Leipziger Eisenbahn übernommen hatte, wurde zunächst die Eisenbahn-Hauptwerkstatt in Buckau ausgebaut. Schon bald zeigte sich jedoch, dass zusätzliche Kapazitäten erforderlich waren. 1893 begann deshalb im damals noch selbstständigen Salbke der Bau einer weiteren Eisenbahnreparaturwerkstatt. Die preußische Eisenbahnverwaltung hatte dafür rund 33 Hektar Ackerland zwischen der Bahnstrecke Magdeburg–Halle und der damaligen Dorfstraße erworben.

1895 nimmt die Werkstatt ihren Betrieb auf
Nach rund zweijähriger Bauzeit nahm die neue Werkstatt am 1. Oktober 1895 ihren Betrieb auf. Aus der zunächst als Königliche Eisenbahnhauptwerkstatt bezeichneten Anlage entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein bedeutender Industriebetrieb. Der neue Arbeitgeber veränderte Salbke nachhaltig. Aus dem landwirtschaftlich geprägten Dorf wurde zunehmend ein Industrieort. Die Zahl der Beschäftigten stieg schnell: 1899 arbeiteten bereits rund 400 Menschen im Werk, 1912 waren es etwa 800. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte der Betrieb sogar mehr als 1.000 Menschen. Die Eisenbahn wurde damit zum entscheidenden Motor der Entwicklung Salbkes.

Ein eigenes Viertel für die Eisenbahner
Der wachsende Betrieb benötigte nicht nur Werkhallen, sondern auch Wohnraum für seine Beschäftigten. Rund um das Werk entstanden deshalb neue Wohngebiete. Besonders markant ist der zwischen 1904 und 1913 angelegte Freundschaftsweg mit seinen gleichartig gestalteten Doppelhäusern. Die Siedlung war Teil der Infrastruktur rund um den Eisenbahnbetrieb und sollte den Arbeitern und ihren Familien geeigneten Wohnraum bieten. Auch der Salbker Wasserturm steht unmittelbar mit der Geschichte des Werkes in Verbindung. Er wurde 1893/94 im Auftrag der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin errichtet, um die nahe gelegene Eisenbahnhauptwerkstatt mit Wasser zu versorgen. Damit entstand rund um das RAW eine komplette Arbeits- und Lebenswelt.

Vom Reparaturbetrieb zum Großstandort
Die Aufgaben des Werkes wurden kontinuierlich erweitert. Neben Güterwagen wurden auch Spezialgüterwagen und Personenwagen bearbeitet. Mit der zunehmenden Industrialisierung des Eisenbahnverkehrs mussten die Werkstätten immer größere Mengen an Fahrzeugen bewältigen. 1910 entstand im südlichen Bereich des Geländes eine eigene Weichenwerkstatt. Später kamen weitere spezialisierte Produktionsbereiche hinzu. Die verschiedenen Abteilungen machten das Werk zu einem komplexen technischen Großbetrieb. Die Arbeiten reichten von der eigentlichen Fahrzeugreparatur bis zur Fertigung und Aufarbeitung von Bauteilen. Schmiede, Dreherei, Lackiererei, Holzbearbeitung und weitere Fachbereiche waren für den täglichen Betrieb erforderlich.

Der Erste Weltkrieg bringt neue Aufgaben
Der Erste Weltkrieg veränderte auch den Arbeitsalltag im Salbker Eisenbahnwerk. Die Eisenbahn wurde zu einem unverzichtbaren Bestandteil der militärischen Logistik. Neben dem normalen Eisenbahnbetrieb mussten zusätzliche Fahrzeuge und Ausrüstung für die Kriegswirtschaft bereitgestellt und instand gehalten werden. Der Krieg führte gleichzeitig zu einer hohen Belastung des Personals und der Produktionskapazitäten. Die Bedeutung des Werkes als großer Eisenbahnbetrieb nahm weiter zu. Nach dem Ende des Krieges folgte allerdings zunächst eine schwierige Phase.

Krise nach dem Ersten Weltkrieg
Nach 1918 geriet der Betrieb aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unter Druck. Im Januar 1920 wurde die Werkstatt wegen mangelnder Rentabilität zunächst geschlossen. Die Beschäftigten wehrten sich gegen die Stilllegung. Der Widerstand hatte Erfolg: Das Werk wurde wieder geöffnet. Allerdings ging die Wiederaufnahme des Betriebs mit erheblichen Einschnitten einher. Rund 600 Arbeitsplätze entfielen, während die verbliebenen Mitarbeiter unter anderem mit Akkordarbeit konfrontiert wurden. Ab 1924 konzentrierte sich der Standort zunehmend auf die Reparatur von Güterwagen. Damit begann eine Spezialisierung, die das Werk für viele Jahrzehnte prägen sollte.

Ausbau in der Zwischenkriegszeit
In den 1930er-Jahren wurde das Werk erneut erheblich erweitert. Ab 1935 entstanden eine Zentralschmiede und eine Zentraldreherei, die 1938 fertiggestellt wurden. Hier konnten die für die Reparatur der Eisenbahnwagen benötigten Ersatzteile direkt im Werk hergestellt werden. Die Deutsche Reichsbahn plante darüber hinaus eine der neuen großen Zentralschmieden in Salbke. Es entstand eine rund 117,5 Meter lange und 24 Meter breite Schmiedehalle. Ergänzt wurde sie durch weitere Werkstätten für Gesenkbau und Materialbearbeitung. Das RAW entwickelte sich damit immer stärker zu einem selbstständigen Produktions- und Instandhaltungszentrum.
Der Zweite Weltkrieg hinterlässt schwere Schäden
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk erneut in die deutsche Kriegswirtschaft einbezogen. Die Eisenbahn hatte für den Transport von Truppen, Material und Rohstoffen eine zentrale Bedeutung. Die strategische Lage machte die Magdeburger Eisenbahnanlagen zugleich zu einem Angriffsziel. Bei den schweren Bombenangriffen auf Magdeburg 1944 und 1945 wurde das Eisenbahnwerk erheblich beschädigt. Nach Angaben der Stadt Magdeburg wurden bis zu 80 Prozent des Werksgeländes zerstört. Trotz der massiven Schäden blieb das Werk nicht dauerhaft außer Betrieb.

Neubeginn als volkseigener Betrieb
Nach dem Krieg wurde nur der Salbker Betrieb wieder aufgebaut und weitergeführt. In der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR wurde das Werk zu einem volkseigenen Betrieb beziehungsweise Reichsbahnausbesserungswerk. Der Wiederaufbau war unter schwierigen Bedingungen eine enorme Aufgabe. Beschädigte Gebäude mussten instand gesetzt, Maschinen repariert und die Produktion neu organisiert werden. Die Eisenbahn benötigte dringend funktionsfähige Wagen. Gleichzeitig musste die Deutsche Reichsbahn mit einem erheblich reduzierten Fahrzeugbestand und den Folgen der Kriegszerstörungen umgehen.
Spezialisierung auf Güterwagen
In der DDR entwickelte sich das RAW Magdeburg-Salbke zunehmend zum Spezialisten für die Reparatur von Güterwagen. Der Standort war damit ein wichtiger Bestandteil des Eisenbahnwesens der DDR. Wie groß die Produktionsleistung war, zeigt eine bemerkenswerte Zahl: 1954 verließ bereits der 100.000. Güterwagen das Gelände. Damit war der Betrieb längst zu einem industriellen Großstandort geworden. Die Werkhallen waren auf hohe Stückzahlen ausgelegt und beschäftigten zeitweise mehrere Tausend Menschen.

Bis zu 4.000 Beschäftigte
In seiner Hochphase war das RAW einer der bedeutendsten Arbeitgeber im Magdeburger Südosten. Zeitweise arbeiteten bis zu 4.000 Menschen auf dem Gelände. Für die Region hatte das weitreichende Folgen. Das Werk bot Arbeitsplätze für Facharbeiter und technische Spezialisten und prägte damit ganze Generationen. Auch Ausbildung und betriebliche Sozialstrukturen gehörten zum Alltag. Wie bei anderen großen Reichsbahnbetrieben entstand eine eigene Arbeitswelt mit Werkfeuerwehr, sozialen Einrichtungen und einer umfangreichen betrieblichen Infrastruktur. Das RAW war damit nicht einfach eine Reparaturwerkstatt – es war eine kleine industrielle Welt innerhalb Magdeburgs.
Die letzten Jahrzehnte der Deutschen Reichsbahn
Mit dem technischen Wandel der Eisenbahn änderten sich auch die Anforderungen an das Werk. Die DDR setzte zunehmend auf standardisierte Produktions- und Reparaturverfahren. Das Salbker RAW blieb auf Güterwagen spezialisiert und konnte dadurch lange Zeit eine wichtige Funktion innerhalb der Deutschen Reichsbahn erfüllen. Doch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der späten 1980er-Jahre stellten das gesamte System infrage. Mit dem Ende der DDR begann auch für das Magdeburger Werk ein dramatischer Umbruch.

Nach 1989 schrumpft die Belegschaft
Nach der politischen Wende wurde der Betrieb schrittweise verkleinert. Zahlreiche Arbeitsplätze gingen verloren. Ausbildungsbereiche wurden reduziert, Abteilungen zusammengelegt und Aufgaben neu organisiert. Anfang der 1990er-Jahre arbeiteten noch mehr als 1.000 Menschen im Werk. Danach setzte sich der Personalabbau fort. 1993 waren es nach historischen Angaben noch etwa 800 Beschäftigte, 1994 rund 630. Am Ende blieben nur noch ungefähr 150 Mitarbeiter. 1994 wurde das RAW in die neu gegründete Deutsche Bahn AG eingegliedert. Doch auch diese Neuordnung konnte die Zukunft des Standorts nicht sichern.
1998 schließen die Werkstore
Ende 1998 war endgültig Schluss. Das traditionsreiche Ausbesserungswerk wurde geschlossen. Damit endete eine Geschichte, die mehr als ein Jahrhundert zuvor als Königliche Eisenbahnhauptwerkstatt begonnen hatte. Über Generationen hatten Arbeiter und Angestellte in den Werkhallen Eisenbahnwagen repariert und Bauteile gefertigt. Aus einem der größten Arbeitgeber Salbkes wurde innerhalb weniger Jahre eine verlassene Industriefläche.

2000 wird der Betrieb nach Rothensee verlagert
Mit der Schließung des alten Standorts war die Geschichte des Magdeburger Eisenbahnreparaturbetriebs jedoch nicht vollständig beendet. Im Jahr 2000 wurde das Werk nach Rothensee verlagert. Für Salbke bedeutete die Entwicklung einen weiteren schweren wirtschaftlichen Einschnitt. Auch andere große Industriebetriebe im Umfeld verschwanden. Arbeitsplätze gingen verloren und die Bevölkerungszahl sank. Das ehemalige RAW wurde damit zu einem Symbol des industriellen Strukturwandels in Magdeburg.
Eine Industriebrache mit historischem Wert
Nach der endgültigen Stilllegung begann der langsame Verfall. Große Teile der Gleisanlagen wurden entfernt, Gebäude standen leer und die Natur eroberte Teile des Areals zurück. Gleichzeitig wurden die Gebäude durch Vandalismus und Witterung zunehmend beschädigt. Der ehemalige Kultursaal stürzte ein und wurde später beräumt. Für Lost-Place-Fotografen und Industriehistoriker entwickelte sich das RAW zu einem außergewöhnlichen Ort. Verlassene Hallen, alte Werkstattstrukturen und technische Details machten die Dimensionen des ehemaligen Großbetriebs noch lange sichtbar.

Denkmalschutz bewahrt wichtige Gebäude
Trotz des Verfalls sind bedeutende Teile des ehemaligen Werkes erhalten geblieben. Das RAW Salbke ist als Kulturdenkmal in das Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt eingetragen. Zu den erhaltenen historischen Anlagen gehören unter anderem die große Wagenhalle, das Kesselhaus mit Schornstein, die Zentralschmiede, die Großteileaufarbeitung sowie das Stellwerk mit Unterflurgestänge. Gerade diese Gebäude vermitteln noch heute einen Eindruck von der industriellen Dimension des einstigen Reichsbahnausbesserungswerks.

Der Salbker Wasserturm bleibt ein Wahrzeichen
Besonders eng mit der Geschichte des RAW verbunden ist der Salbker Wasserturm. Der markante Bau entstand bereits 1893/94 und diente der Wasserversorgung der damaligen Eisenbahnhauptwerkstatt. Nach jahrzehntelangem Leerstand wurde der Turm schließlich saniert. Die Stadt Magdeburg erwarb das Ensemble 2010 von der Deutschen Bahn. Die Sanierung kostete insgesamt rund 2,1 Millionen Euro und wurde überwiegend mit EFRE-Mitteln finanziert. 2013 wurde der restaurierte Wasserturm offiziell übergeben. Damit zeigt sich beispielhaft, wie einzelne Bestandteile des historischen Eisenbahnstandorts erhalten und einer neuen Nutzung zugeführt werden können.

Neue Pläne für das ehemalige RAW-Gelände
Das riesige Areal soll langfristig nicht vollständig dem Verfall überlassen bleiben. Seit 2022 gibt es Pläne für eine umfassende Neubebauung des ehemaligen Werksgeländes. Vorgesehen ist ein neues urbanes Quartier mit überwiegender Wohnnutzung sowie Büroflächen, Einzelhandel, Gesundheitsangeboten, Freizeitnutzungen und sozialen Einrichtungen. Die historische Bausubstanz soll dabei teilweise einbezogen werden. Die Stadt Magdeburg verfolgt dafür ein eigenes Bebauungsplanverfahren. Der Geltungsbereich umfasst das frühere RAW-Gelände zwischen Alt Salbke, der Bahntrasse, dem Lüttgen-Salbker Weg und der Ferdinand-Schrey-Straße. Dabei müssen unter anderem Altlasten und die angrenzenden gewerblichen Nutzungen berücksichtigt werden.

Zwischen Lost Place und Zukunftsquartier
Das ehemalige RAW Magdeburg steht damit heute an einem Wendepunkt. Einerseits ist das Gelände ein außergewöhnlicher Lost Place mit mehr als 100 Jahren Eisenbahngeschichte. Andererseits besteht die Chance, die Industriebrache in ein neues Stadtquartier zu verwandeln. Die Herausforderung besteht darin, beides miteinander zu verbinden: die notwendige Entwicklung des Areals und den Erhalt jener historischen Bauwerke, die von der Geschichte des Standorts erzählen.

Ein Ort, der Magdeburgs Industriegeschichte erzählt
Das Reichsbahnausbesserungswerk Magdeburg-Salbke war über ein Jahrhundert hinweg eng mit der Entwicklung der Stadt verbunden. Es entstand aus dem Eisenbahnboom des Kaiserreichs, überstand Krieg und Zerstörung, wurde in der DDR zu einem Großbetrieb mit bis zu 4.000 Beschäftigten und verschwand schließlich im Zuge des Strukturwandels. Heute sind die Werkhallen still. Wo einst tausende Menschen arbeiteten und täglich Güterwagen repariert wurden, bestimmen Leerstand und Verfall das Bild. Doch das RAW Salbke ist kein bedeutungsloser Lost Place. Die erhaltenen Hallen, das Kesselhaus, die Schmiede, das Stellwerk und der Wasserturm sind materielle Zeugnisse einer Epoche, in der die Eisenbahn zu den wichtigsten Motoren der Industrialisierung gehörte.
Die Geschichte des ehemaligen RAW Magdeburg zeigt deshalb nicht nur den Niedergang eines einzelnen Betriebs. Sie erzählt vom Aufstieg der Eisenbahn, von industrieller Arbeit, Krieg und Wiederaufbau, vom wirtschaftlichen Wandel nach 1990 – und von der schwierigen Frage, wie eine Stadt mit ihrem industriellen Erbe umgeht.
