Das Reichsbahnausbesserungswerk Gotha, kurz RAW Gotha, steht beispielhaft für den Aufstieg und Niedergang großer Eisenbahnbetriebe in Thüringen. Über Jahrzehnte wurden in Gotha Eisenbahnfahrzeuge repariert, Wagen instand gesetzt, Gleisbauteile aufgearbeitet und später auch zahlreiche Sonderaufgaben übernommen. Der Standort war zugleich ein wichtiger Arbeitgeber und prägte die industrielle Entwicklung der Stadt. Heute sind die großen Zeiten des Eisenbahnwerks vorbei. Teile des ehemaligen Betriebsgeländes an der Südstraße stehen leer und erinnern an die Zeit, als Gotha ein bedeutender Eisenbahnknoten und Reparaturstandort war. Die Geschichte des Areals reicht dabei deutlich weiter zurück als bis zur Gründung des RAW.

Die Eisenbahn kommt nach Gotha
Die Wurzeln des späteren Eisenbahnwerks reichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Der Standort entwickelte sich aus einem Betrieb, der zunächst Fahrzeuge und später Eisenbahnwagen fertigte beziehungsweise reparierte. Nach Angaben der heutigen Gothaer Fahrzeugachsen GmbH wurde der Betrieb bereits 1874 von der Eisenbahn übernommen und als „Königlich-Preußische Eisenbahnreparaturwerkstatt“ weitergeführt. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Werkstatt zu einem der größten fabrikmäßigen Betriebe Gothas. Zeitweise beschäftigte sie mehrere Hundert Menschen. Das Aufgabenspektrum war breit. Neben der Reparatur von zwei-, drei- und vierachsigen Fahrzeugen entstanden unter anderem Lackiererei, Holzbearbeitung, Sattlerei, Dreherei, Schmiede und Eisengießerei. Auch eine Weichenwerkstatt gehörte zum Betrieb.

Damit wurde bereits früh die Grundlage für die spätere Spezialisierung des Gothaer Eisenbahnstandorts gelegt.
1924 beginnt das Zeitalter des RAW
Mit der Neuordnung der Deutschen Reichsbahn erhielt der Betrieb 1924 offiziell die Bezeichnung Reichsbahnausbesserungswerk, kurz RAW Gotha. Die Hauptaufgabe lag nun in der Reparatur und Instandhaltung von Personen- und Güterwagen. Eine zusätzliche Aufgabe kam mit der Aufarbeitung von Gleislaschen hinzu. Dabei handelte es sich um Verbindungselemente, mit denen Eisenbahnschienen miteinander verbunden wurden. Das RAW war damit nicht nur Reparaturbetrieb für Wagen, sondern übernahm auch Aufgaben für die Infrastruktur des Eisenbahnnetzes. Der Standort wuchs weiter und entwickelte sich zu einem wichtigen technischen Zentrum der Reichsbahn in Thüringen.

Ein Werk mit zahlreichen Spezialabteilungen
Die Größe des RAW spiegelte sich auch in seiner inneren Organisation wider. Für die unterschiedlichen Arbeiten waren zahlreiche Fachbereiche erforderlich. Metallverarbeitung, Holzbearbeitung, Lackierung, Schmiede- und Gießereiarbeiten gehörten ebenso zum Alltag wie die Wartung und Reparatur der Eisenbahnwagen. Die Beschäftigten benötigten ein breites Spektrum an handwerklichen und technischen Fähigkeiten. Schlosser, Dreher, Schmiede, Lackierer, Tischler und weitere Fachkräfte arbeiteten auf engem Raum zusammen. Aus einem vergleichsweise klassischen Eisenbahnbetrieb war damit ein komplexer Industriebetrieb geworden.

Die Mitropa-Werkstätten an der Südstraße
Ein wichtiger Bestandteil der Geschichte des später häufig als RAW Gotha bezeichneten Geländes ist die Entwicklung der Mitropa-Werkstätten. Das Areal an der heutigen Südstraße war zuvor unter anderem durch die von Fritz Bothmann gegründete Waggonbaufabrik genutzt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die 1916 gegründete Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft – kurz Mitropa – das Gelände. Am 23. März 1922 erfolgte der offizielle Besitzerwechsel. Auf dem rund 15.000 Quadratmeter großen Areal gab es Gleisanlagen, eine Schiebebühne und einen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Die Werkstätten wurden auf die Reparatur von Schlaf-, Speise- und Salonwagen spezialisiert. Bis zu rund 700 Beschäftigte fanden dort zeitweise Arbeit. Damit entstand in Gotha ein weiterer bedeutender Eisenbahnreparaturstandort. Diese miteinander verbundenen Entwicklungslinien sind wichtig, weil die Bezeichnung „RAW Gotha“ in späteren Darstellungen teilweise für unterschiedliche, historisch miteinander verbundene Betriebsteile verwendet wird.

Schlafwagen, Speisewagen und Salonwagen
Die Mitropa-Werkstätten hatten eine besondere Aufgabe innerhalb des Eisenbahnwesens. Anders als klassische Güterwagenwerkstätten beschäftigten sie sich mit hochwertigen Reise- und Bewirtungswagen. 1928 gehörten nach historischen Darstellungen 310 Schlafwagen, 271 Speisewagen und sieben Salonwagen zum Bestand der in Gotha betreuten Fahrzeuge. Mit dem wachsenden Wagenpark stieß der Standort schließlich an seine Kapazitätsgrenzen. Ein weiterer Mitropa-Standort entstand deshalb in Falkensee bei Berlin. Die Gothaer Werkstätten waren damit Teil eines Eisenbahnsystems, das den internationalen und innerdeutschen Fernverkehr mit komfortablen Schlaf- und Speisewagen ermöglichte.



Der Zweite Weltkrieg verändert den Betrieb
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich auch der Charakter der Arbeiten. Die Werkstätten mussten zunehmend Fahrzeuge für die Kriegswirtschaft instand setzen. Dazu gehörten unter anderem Front- und Lazarettwagen. Auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden während des Krieges im Gothaer Eisenbahnbetrieb eingesetzt. Historische Unterlagen dokumentieren, dass Ende 1944 insgesamt 176 Kriegsgefangene im Betrieb beschäftigt waren. Die Geschichte des RAW und der angeschlossenen Werkstätten ist deshalb auch Teil der Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit. Besonders bemerkenswert ist zudem die Verbindung zur Gothaer Flugzeugindustrie. In den Werkstätten wurde nach historischen Darstellungen auch am Nurflüglerprojekt Ho 229 gearbeitet.

Bombenangriff zerstört große Teile des Werks
Am 6. Februar 1945 traf ein schwerer alliierter Luftangriff die Stadt Gotha. Das Bahnhofsviertel wurde massiv zerstört. Auch das Eisenbahnwerk blieb nicht verschont. Nach Angaben der heutigen Gothaer Fahrzeugachsen GmbH wurden rund 85 Prozent des RAW zerstört. Andere historische Darstellungen weisen ebenfalls auf die schweren Schäden hin. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt zwar fast beendet, doch für den Betrieb begann damit eine neue, schwierige Phase. Werkhallen, Anlagen und Infrastruktur waren teilweise zerstört oder schwer beschädigt.

Neustart nach dem Krieg
Trotz der Zerstörungen wurde die Arbeit bereits kurze Zeit später wieder aufgenommen. Nach Angaben der heutigen Gothaer Fahrzeugachsen GmbH begann am 11. Juni 1945 der Wiederaufbau. Die vorhandenen Anlagen wurden notdürftig repariert, gleichzeitig musste der Betrieb unter schwierigsten Bedingungen wieder organisiert werden. In der sowjetischen Besatzungszone war die Eisenbahn von besonderer Bedeutung. Der Wiederaufbau des Schienennetzes und die Instandhaltung des vorhandenen Wagenparks waren dringend erforderlich. Das Gothaer Werk leistete dabei auch Reparationsarbeiten. Gemeinsam mit anderen Betrieben entstanden unter anderem spezielle Fahrzeuge und Einrichtungen für die Sowjetunion.

Das Werk wird zum wichtigen DDR-Betrieb
In den ersten Nachkriegsjahren entwickelte sich der Standort erneut zu einem bedeutenden Eisenbahnbetrieb. Die Arbeiten beschränkten sich nicht auf klassische Reparaturen. Es wurden Personen- und Güterwagen instand gesetzt, Bahnpostwagen bearbeitet und Sonderfahrzeuge hergestellt. Auch spezielle Einzelanfertigungen gehörten zum Aufgabenbereich. So entstand beispielsweise ein Wagen für die Oberweißbacher Bergbahn. Die Thüringer Bergbahn bestätigt, dass der Wagenkasten eines Steilbahn-Personenwagens 1959/60 durch das RAW Gotha erneuert wurde. Der Betrieb wurde damit zu einem vielseitigen technischen Dienstleister innerhalb der Deutschen Reichsbahn.

12.000 reparierte Reisezugwagen
Wie groß die Bedeutung des Standorts in der DDR war, zeigt eine Zahl aus der Betriebsgeschichte: Im Dezember 1956 verließ der 12.000. reparierte Reisezugwagen das Werk. Die Zahl macht deutlich, welche Dimension die Instandhaltungsarbeiten erreicht hatten. Über Jahre wurden hier Fahrzeuge aufgearbeitet, die anschließend wieder im Personenverkehr eingesetzt werden konnten. Parallel dazu wurde die soziale Infrastruktur des Betriebs ausgebaut. 1954 entstand beispielsweise eine Betriebskinderkrippe. Auch die Ausbildung spielte eine wichtige Rolle. Der Betrieb verfügte über eigene Möglichkeiten zur beruflichen Qualifizierung und unterstützte damit den Nachwuchs für die technischen Berufe.
Der Betrieb wird Teil der Deutschen Reichsbahn
1964 wurde das Mitropa-Werk in den Bereich der Deutschen Reichsbahn eingegliedert und als RAW Gotha bezeichnet. Damit wurden die unterschiedlichen Entwicklungslinien des Eisenbahnstandorts organisatorisch enger zusammengeführt. Der Standort blieb weiterhin ein wichtiger Arbeitgeber in Gotha. Vor der politischen Wende arbeiteten dort rund 400 Menschen. Doch während die Eisenbahnindustrie in der DDR über Jahrzehnte relativ stabile Aufgaben hatte, veränderte sich die Situation nach 1989/90 fundamental.

Die Wende bringt den tiefen Einschnitt
Mit der deutschen Wiedervereinigung änderten sich die Strukturen der Deutschen Reichsbahn grundlegend. Die Deutsche Reichsbahn wurde mit der Deutschen Bundesbahn zusammengeführt, zahlreiche Werkstätten wurden überprüft und Aufgaben neu verteilt. Auch das RAW Gotha geriet unter zunehmenden wirtschaftlichen Druck. Die Beschäftigtenzahl sank. Nach historischen Angaben waren 1993 noch rund 325 Mitarbeiter im Betrieb tätig. Die einstige Bedeutung als zentraler Reparaturstandort ließ sich unter den neuen Rahmenbedingungen nicht aufrechterhalten.
1998 schließen sich die Werkstore
Für den Gothaer Standort kam schließlich das Ende. 1998 wurde der traditionsreiche Betrieb endgültig geschlossen. Damit endete eine Eisenbahngeschichte, deren Wurzeln bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Der Verlust traf nicht nur ehemalige Beschäftigte. Mit der Schließung verschwand auch ein bedeutender Teil der industriellen Identität Gothas. Über Generationen hatten Menschen in den Werkstätten gearbeitet und ihre berufliche Existenz mit der Eisenbahn verbunden. Aus einem lebendigen Produktionsstandort wurde innerhalb weniger Jahre ein leerstehendes Industrieareal.

Heute erinnert ein Lost Place an die Eisenbahnvergangenheit
Das ehemalige Gelände an der Südstraße ist heute vor allem als Lost Place bekannt. Auf einer Fläche von mehr als 15.000 Quadratmetern blieben historische Werk- und Lagergebäude sowie weitere bauliche Spuren der früheren Nutzung erhalten. Das Areal liegt zwischen der Südstraße und der Bahntrasse. Besonders auffällig ist das viergeschossige Verwaltungs- und Sozialgebäude, das erst in den 1960er-Jahren errichtet wurde. Die Werk- und Lagerhallen sind dagegen deutlich älter. Nach der Stilllegung stand das Gelände über Jahre weitgehend leer. Die Deutsche Bahn beziehungsweise ihre Vorgängerorganisationen suchten nach einer neuen Nutzung beziehungsweise einem Käufer. Auch die mögliche Belastung einzelner Teilflächen durch Altlasten erschwerte eine Entwicklung.
Zwischen Verfall und Industriegeschichte
Heute vermittelt das ehemalige RAW Gotha ein ungewöhnliches Bild. Wo einst Eisenbahnwagen repariert, lackiert, geschreinert und technisch überholt wurden, bestimmen Leerstand und Verfall das Erscheinungsbild. Dabei erzählen die Gebäude von mehreren Generationen deutscher Geschichte: vom Eisenbahnboom des Kaiserreichs über Reichsbahn und Nationalsozialismus bis zur DDR und dem Strukturbruch nach der Wiedervereinigung. Gerade diese unterschiedlichen Zeitschichten machen den Standort historisch interessant. Das Gelände steht zugleich für die technische Entwicklung der Eisenbahn und für den tiefgreifenden Strukturwandel, der viele ehemalige Bahnstandorte in Ostdeutschland nach 1990 erfasste.

Ein Stück Eisenbahngeschichte bleibt erhalten
Die Geschichte des RAW Gotha endet nicht vollständig mit der Schließung. Teile der industriellen Tradition leben in Gotha bis heute weiter. Die heutige Gothaer Fahrzeugachsen GmbH führt die lange Entwicklung des Standorts in einem modernen industriellen Umfeld fort und verweist ausdrücklich auf die historische Verbindung von Eisenbahnreparatur, Fahrzeugbau und späterer Achsenfertigung. Damit ist das RAW Gotha mehr als ein verlassener Ort. Es steht für fast anderthalb Jahrhunderte Industriegeschichte, in denen sich Produktion, Technik und Arbeitswelt immer wieder verändert haben.
Die verlassenen Hallen an der Südstraße erinnern heute an eine Zeit, in der Gotha ein bedeutender Eisenbahnstandort war. Was einst von Lärm, Maschinen, Arbeitern und rollenden Wagen geprägt wurde, ist inzwischen weitgehend verstummt. Gerade deshalb besitzt das ehemalige RAW Gotha für die Industrie- und Eisenbahngeschichte Thüringens einen besonderen Stellenwert.
