Der Flugplatz Großenhain zählt zu den ältesten noch aktiven Flugplätzen Deutschlands und blickt auf eine außergewöhnliche Geschichte zurück. Seit mehr als 110 Jahren ist das Gelände nördlich der sächsischen Stadt eng mit der Entwicklung der deutschen und europäischen Luftfahrt verbunden. Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Luftwaffe, Kalter Krieg und zivile Luftfahrt – kaum ein anderer Flugplatz in Deutschland vereint so viele Epochen der Luftfahrtgeschichte an einem Ort. Doch trotz seiner historischen Bedeutung könnte die Ära des Flugbetriebs bald enden. Die Politik verfolgt Pläne, das Areal künftig in ein großflächiges Industriegebiet umzuwandeln.
Die Anfänge der sächsischen Militärfliegerei
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte das Königreich Sachsen die strategische Bedeutung der jungen Luftfahrt. Nachdem sächsische Offiziere zunächst in preußischen Fliegereinheiten ausgebildet worden waren, fiel die Entscheidung zum Aufbau einer eigenen Fliegerstation auf sächsischem Boden in Großenhain. Unter Leitung des Offiziers Horst von Minckwitz entstand bis Anfang 1914 ein moderner Militärflugplatz. Am 21. Februar 1914 landete mit einer DFW Stahl-Taube erstmals ein Flugzeug auf dem neuen Flugfeld – die offizielle Geburtsstunde des Flugplatzes Großenhain. Bereits in der Anfangsphase war die Anlage für rund 60 Flugzeuge ausgelegt und gehörte damit zu den größten militärischen Luftfahrtstandorten des Deutschen Kaiserreiches.

Ausbildungszentrum des Ersten Weltkriegs
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die ursprünglich in Großenhain stationierte Fliegerkompanie an die Front verlegt. Stattdessen entwickelte sich der Standort zu einem der wichtigsten Ausbildungszentren der deutschen Luftstreitkräfte. Die Flieger-Ersatz-Abteilung 6 bildete Piloten, Beobachter, Bordschützen, Luftbildfotografen und Bombenabwerfer aus. Insgesamt durchliefen bis zum Kriegsende rund 60.000 Soldaten die Ausbildung in Großenhain. Unter ihnen befand sich auch einer der berühmtesten Piloten der Luftfahrtgeschichte: Manfred Freiherr von Richthofen, besser bekannt als der „Rote Baron“, absolvierte hier seine Ausbildung zum Beobachter.

Revolution und Abrüstung nach dem Krieg
Die politischen Umbrüche des Jahres 1918 erreichten auch die Garnisonsstadt Großenhain. Im Zuge der Novemberrevolution bildeten Soldaten, Arbeiter und Angehörige der Fliegertruppe gemeinsame Arbeiter- und Soldatenräte. Mit dem Versailler Vertrag wurde Deutschland der Besitz militärischer Luftstreitkräfte untersagt. Trotz einzelner Versuche, den Flugbetrieb in begrenztem Umfang fortzuführen, wurde der Flugplatz 1920 offiziell geschlossen und ein Großteil der Infrastruktur zurückgebaut.
Die geheime Rückkehr der Luftwaffe
Erst Mitte der 1920er Jahre wurde das Gelände wieder sporadisch genutzt, zunächst lediglich als Notlandeplatz und später durch akademische Fliegergruppen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann jedoch der verdeckte Wiederaufbau des Flugplatzes als zukünftiger Luftwaffenstandort. Unter dem Deckmantel ziviler Flugausbildung wurden bereits ab 1934 Militärpiloten vorbereitet. Ab 1935 entwickelte sich Großenhain erneut zu einem bedeutenden Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe.

Aufklärer und Jagdflieger starten in den Krieg
Während des Zweiten Weltkriegs diente Großenhain zunächst vor allem der Ausbildung von Aufklärungspiloten. Später wurden auch Fernaufklärer, Jagdflieger und Schlachtgeschwader auf dem Flugplatz stationiert. Insbesondere in den letzten Kriegsmonaten starteten von Großenhain aus Einsätze gegen die vorrückende Rote Armee. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen am 2. Mai 1945 endete die Nutzung des Flugplatzes durch die deutsche Luftwaffe.

Sowjetische Luftmacht in Sachsen
Unmittelbar nach Kriegsende übernahmen die sowjetischen Streitkräfte das Gelände und bauten den Flugplatz zu einer ihrer wichtigsten Luftwaffenbasen in der DDR aus. Die Start- und Landebahnen wurden erweitert, neue technische Anlagen errichtet und die Infrastruktur massiv ausgebaut. Von 1951 bis 1993 befand sich in Großenhain der Stab der 105. Fliegerdivision der sowjetischen Luftstreitkräfte. Zahlreiche Jagdbomber- und Kampffliegereinheiten der 16. Luftarmee waren hier stationiert oder nutzten den Platz regelmäßig.
Atomwaffenlager und strategischer Knotenpunkt
Während des Kalten Krieges spielte Großenhain eine bedeutende Rolle innerhalb der militärischen Planungen des Warschauer Paktes. Auf dem Gelände entstand ein Sonderwaffenlager zur Lagerung sowjetischer Kernwaffen. Gleichzeitig entwickelte sich der Flugplatz zu einem wichtigen Logistik- und Verteilungspunkt für die sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland. Selbst Flugzeuge der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot landeten regelmäßig auf dem Militärflugplatz.
Spektakuläre Flucht eines sowjetischen Piloten
Internationale Aufmerksamkeit erhielt der Standort im Jahr 1973, als ein sowjetischer Pilot mit einer Suchoi Su-7 in Richtung Westen floh. Der Pilot sprang über Niedersachsen mit dem Fallschirm ab, während das Flugzeug nahe Braunschweig abstürzte. Der Vorfall sorgte während des Kalten Krieges weltweit für Schlagzeilen.

Das Ende der Militärära
Mit der deutschen Wiedervereinigung begann der Rückzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland. Im März 1993 starteten die letzten russischen Kampfflugzeuge von Großenhain, wenige Monate später folgten die letzten Transportmaschinen Richtung Russland. Nach fast 80 Jahren militärischer Nutzung endete damit eines der bedeutendsten Kapitel der Flugplatzgeschichte.
Schwieriger Neustart als ziviler Flugplatz
Bereits kurz nach dem Abzug der russischen Streitkräfte begann die zivile Nutzung des Geländes. Flugschulen, Rundfluganbieter und Luftfahrtunternehmen siedelten sich an. Doch wirtschaftliche Schwierigkeiten, Sturmschäden und technische Probleme führten mehrfach zu Rückschlägen. Nach einer Insolvenz und umfangreichen Reparaturarbeiten konnte der Flugbetrieb ab 2011 wieder vollständig aufgenommen werden. Heute stehen sowohl Asphalt- als auch Grasbahn sowie ein Segelfluggelände zur Verfügung.

Industrie statt Flugzeuge?
Im Jahr 2022 kündigten der Freistaat Sachsen, der Landkreis Meißen und die Stadt Großenhain an, den Flugbetrieb langfristig einstellen zu wollen. Auf dem rund 145 Hektar großen Gelände soll perspektivisch ein Industrie- und Gewerbestandort entstehen. Damit könnte einer der traditionsreichsten Flugplätze Deutschlands seine letzte Landung erlebt haben.
Noch heute erinnern zahlreiche historische Gebäude an die lange Luftfahrtgeschichte des Standortes. Einige der alten Flugzeughallen werden inzwischen von Unternehmen genutzt, darunter auch die älteste erhaltene deutsche Flugzeugwerft. Ein besonderes Highlight ist das „Fliegende Museum – Historische Flugzeuge Josef Koch“, das mehrere seltene flugfähige Oldtimer-Maschinen betreibt und Besucher in die Frühzeit der Luftfahrt zurückversetzt.
Filmkulisse mit Geschichte
Auch die Filmindustrie entdeckte den historischen Flugplatz für sich. Teile des Kinofilms „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ wurden auf dem Gelände und in den historischen Werfthallen gedreht. Der Flugplatz Großenhain bleibt damit nicht nur ein bedeutendes Zeugnis deutscher Luftfahrtgeschichte, sondern auch ein lebendiger Erinnerungsort für mehr als ein Jahrhundert Fluggeschichte.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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