Versteckt in den Wäldern oberhalb des Mescheder Ortsteils Beringhausen erhebt sich eines der eindrucksvollsten Klinikgebäude Nordrhein-Westfalens. Die ehemalige Auguste-Viktoria-Knappschaftsheilstätte, später als Veramedklinik bekannt, galt bei ihrer Eröffnung Anfang des 20. Jahrhunderts als medizinisches Vorzeigeprojekt für die Behandlung von Lungenerkrankungen. 1904 wurde die Heilstätte mit einer Kapazität von zunächst 118 Betten fertiggestellt. Verantwortlich für die Planung war der renommierte Architekt Heino Schmieden, der bereits zahlreiche Krankenhaus- und Heilanlagen im Deutschen Reich entworfen hatte.
Besonders außergewöhnlich war die Architektur des Gebäudes: Die Klinik wurde in einer geschwungenen Form errichtet, die einem Parabolspiegel ähnelte. Dadurch erhielten sämtliche Patientenzimmer eine nahezu identische Sonnenausrichtung – ein entscheidender Faktor in der damaligen Tuberkulosebehandlung, bei der Licht und frische Luft als zentrale Therapieelemente galten.

Seilbahn brachte Patienten und Besucher zur Waldklinik
Die abgelegene Lage mitten im Wald stellte die Betreiber früh vor logistische Herausforderungen. Um die Klinik dennoch bequem erreichen zu können, wurde eigens eine Seilbahn für Fußgänger errichtet. Sie verband den Ort mit der hoch gelegenen Heilstätte und erleichterte den Transport von Patienten und Besuchern erheblich. Von dieser ungewöhnlichen Infrastruktur sind heute nur noch die Fundamente erhalten. Zum Klinikkomplex gehörten darüber hinaus ein eigenes Maschinen- und Kesselhaus sowie umfangreiche technische Anlagen. Das Heizwerk orientierte sich an den damals modernen Versorgungseinrichtungen der berühmten Beelitzer Heilstätten und galt als wegweisend für Krankenhausbauten jener Zeit.

Ausbau, Krieg und Wiederaufbau
Zwischen 1913 und 1921 entstand die noch heute genutzte Zufahrtsstraße zur Klinik. Die Seilbahn verlor dadurch zunehmend an Bedeutung und wurde bereits wenige Jahre später außer Betrieb genommen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Einrichtung als Reservelazarett genutzt. Die Zahl der Betten stieg auf rund 200 an, um verwundete Soldaten versorgen zu können. Trotz der Kriegsjahre blieb die Anlage weitgehend unbeschädigt. Nach dem Ende des Krieges übergaben die Alliierten die Heilstätte im Frühjahr 1946 wieder an die Ruhrknappschaft in Bochum. Der Krankenhausbetrieb wurde unmittelbar wieder aufgenommen und die Klinik entwickelte sich erneut zu einem wichtigen medizinischen Standort der Region.

Von der Tuberkuloseklinik zur Bundesknappschaftsklinik
Mit dem medizinischen Fortschritt änderten sich auch die Aufgaben der Einrichtung. Umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen in den Jahren 1979 und 1980 führten zu einer Neuausrichtung der Klinik. Fortan wurde das Haus unter dem Namen Bundesknappschaftsklinik Tannenberg geführt. Gleichzeitig reduzierte man die Bettenkapazität auf 130 Plätze und passte die Einrichtung an moderne medizinische Standards an. Doch die Veränderungen im Gesundheitswesen machten auch vor der traditionsreichen Klinik nicht Halt.
Gesundheitspolitik besiegelt das Ende der Knappschaftsklinik
1986 fiel die Entscheidung zur Schließung der Einrichtung durch die Knappschaft. Hintergrund waren Änderungen bei der Finanzierung der Tuberkulosebehandlung. Die Kosten wurden fortan nicht mehr von der Rentenversicherung, sondern von den Krankenkassen getragen. Damit verlor die Spezialklinik ihre wirtschaftliche Grundlage. Noch im selben Jahr wurde das Gelände verkauft. Zwei Jahre später übernahm die Veramedgesellschaft die Anlage auf Basis eines langfristigen Pachtvertrages und führte den Betrieb unter dem Namen Veramedklinik weiter. Bis zur endgültigen Schließung im Jahr 2009 wurden dort vor allem Krebspatienten behandelt. Die Klinik verfügte zuletzt über 120 Betten.

Patientenaktenskandal macht Klinik bundesweit bekannt
Nach der Schließung begann der langsame Verfall des Gebäudes. Bundesweite Aufmerksamkeit erhielt die ehemalige Klinik allerdings nicht wegen ihrer Architektur oder Geschichte, sondern aufgrund eines Datenschutzskandals. Zahlreiche Patientenakten blieben nach dem Aus der Klinik offenbar ungesichert in den Gebäuden zurück. Die sensiblen Unterlagen wurden über Jahre hinweg nicht vollständig entfernt, wodurch sich ein juristischer Streit über die Verantwortung und Sicherung der Daten entwickelte. Der Fall sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen und warf Fragen zum Umgang mit medizinischen Unterlagen nach Klinikschließungen auf.

Lost Place zieht Abenteurer und Einsatzkräfte an
Parallel entwickelte sich die ehemalige Veramedklinik zu einem der bekanntesten Lost Places in Nordrhein-Westfalen. Immer wieder verschafften sich Neugierige, Urban Explorer, Fotografen und sogenannte Geisterjäger Zugang zum Gebäude. Auch Airsoft-Spieler nutzten die leerstehenden Gebäude regelmäßig für ihre Aktivitäten, was wiederholt Polizeieinsätze auslöste. Der zunehmende Vandalismus und die illegale Nutzung verschärften die Probleme rund um das Areal zusätzlich.

Investoren wollen die Klinik neu erfinden
2015 und 2016 keimte erstmals wieder Hoffnung auf eine Zukunft der historischen Anlage auf. Die Investorengruppe Sanatel Grundbesitz GbR präsentierte ein umfangreiches Nutzungskonzept für das Gebäude. Geplant war eine moderne medizinische Einrichtung mit Hotelcharakter, die Gesundheit, Prävention und Erholung miteinander verbinden sollte. Unter dem Leitbild eines „Ortes der Gesundheit und Vitalität“ sollte die ehemalige Klinik erneut Patienten und Gäste empfangen. Die Investoren verwiesen dabei auf die außergewöhnliche Lage im Sauerland, die Nähe zur Kreisstadt Meschede sowie die gute Verkehrsanbindung.
Behörden müssen für neue Nutzung grünes Licht geben
Die Umsetzung der Pläne hängt jedoch maßgeblich von planungsrechtlichen Entscheidungen ab. Der bestehende Flächennutzungsplan sieht für das Gelände ausschließlich eine klinische Nutzung vor. Für die angestrebte Kombination aus Gesundheitszentrum und Hotelbetrieb wären daher Änderungen der bestehenden Vorgaben notwendig. Die Investoren appellierten deshalb an Politik und Behörden, die rechtlichen Voraussetzungen für eine Wiederbelebung der historischen Anlage zu schaffen.

Erfahrenes Team setzt auf behutsame Sanierung
Hinter dem Projekt stehen Architekten, Bauingenieure, Ärzte und Kaufleute mit Erfahrung im Umgang mit denkmalgeschützten Immobilien und historischen Gebäuden. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die ehemalige Knappschaftsheilstätte nicht nur zu erhalten, sondern ihr langfristig eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft zu ermöglichen. Ob der traditionsreiche Klinikkomplex tatsächlich noch einmal zu einem Ort der Heilung wird oder weiterhin als verlassene Ruine über dem Sauerland wacht, bleibt jedoch weiterhin offen.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
Sie haben aktuelle Informationen zum Objekt? Dann schreiben Sie diese gerne (mit Quellenangabe) in die Kommentare. Oder kontaktieren Sie uns unter kontakt@rottenplaces.de.
