Waldklinik Wintermoor

Tief im Wald zwischen Schneverdingen und Handeloh lag über Jahrzehnte ein Krankenhauskomplex mit einer ungewöhnlichen und bewegten Geschichte. Das Waldkrankenhaus Wintermoor entstand während des Zweiten Weltkriegs als Ausweichkrankenhaus für Hamburg. Später wurde es Tuberkuloseklinik, Fachklinik für Atemwegserkrankungen und schließlich Teil der bekannten ENDO-Klinik. Nach Jahren des Leerstands verfiel das Gelände und wurde zum Lost Place. Inzwischen ist die Klinik Geschichte: Die Gebäude wurden 2021 und 2022 abgerissen.

Krankenhaus fernab der Bomben

Die Geschichte begann während des Zweiten Weltkriegs. Wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf Hamburg wurden Krankenhauskapazitäten in das Umland verlagert. In Wintermoor entstand deshalb ab 1941/42 eine umfangreiche Klinik. Am 8. Februar 1943 wurden die ersten Patienten aufgenommen. Das Krankenhaus verfügte zunächst über rund 400 Betten. Noch im selben Jahr wurde die Kapazität auf etwa 825 Betten erweitert. Zur Ausstattung gehörten unter anderem Abteilungen für innere Medizin, Infektions- und Lungenerkrankungen, Chirurgie, Operationsräume, ein Röntgenlabor und eine eigene Apotheke.

Zwangsarbeiter mussten beim Bau helfen

Der Bau des Krankenhausareals gehört zugleich zu den dunklen Kapiteln seiner Geschichte. Nach historischen Recherchen waren rund 100 sowjetische Kriegsgefangene beziehungsweise Zwangsarbeiter an den Bauarbeiten beteiligt. Sie mussten unter anderem das Gelände aufschütten und vorbereiten. Auch während des späteren Klinikbetriebs wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Die Geschichte des Ortes ist deshalb nicht nur eine Geschichte medizinischer Versorgung, sondern auch ein Zeugnis der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft.

Nach dem Krieg wird Wintermoor zur Lungenklinik

Nach dem Ende des Krieges änderte sich die Aufgabe des Krankenhauses. Die Nachkriegsjahre waren von einer hohen Zahl an Tuberkuloseerkrankungen geprägt. 1947/48 wurde die Einrichtung deshalb zu einer Tuberkuloseklinik umgebaut. 1949 erhielt sie den Namen „Hamburgisches Krankenhaus Wintermoor“. Zeitweise standen mehr als 750 Betten zur Verfügung. Als die Tuberkulose durch bessere Behandlungsmöglichkeiten zurückging, veränderte sich auch das medizinische Profil. Ab 1968 firmierte die Einrichtung als Fachklinik für Erkrankungen der Atemwege.

Die ENDO-Klinik übernimmt

1976 gab die Stadt Hamburg den Klinikstandort auf. Ein Teil des Geländes wurde anschließend von der ENDO-Klinik Hamburg-Altona übernommen, einer auf Knochen- und Gelenkchirurgie spezialisierten Einrichtung. Der Standort Wintermoor wurde modernisiert. Unter anderem entstanden neue Operationsbereiche, eine Intensivstation und weitere medizinische Einrichtungen. Am 2. Februar 1976 wurde der erste Patient aufgenommen. Die Klinik spezialisierte sich insbesondere auf Rehabilitation und septische Chirurgie.

1997 kommt das endgültige Aus

Doch auch diese Nutzung endete. Die ENDO-Klinik gab den Standort Wintermoor Ende 1997 auf. Rund 307 Betten und etwa 290 Beschäftigte waren zuletzt betroffen. Der Versuch, den Standort anschließend als eigenständiges Krankenhaus weiterzuführen, scheiterte unter anderem an der fehlenden Aufnahme in den niedersächsischen Krankenhausplan. Damit begann der endgültige Niedergang des ehemaligen Klinikstandorts.

Vom Krankenhaus zum Lost Place

1999 wurde ein Teil des Areals noch einmal als Pflegezentrum genutzt. Doch auch diese Nutzung konnte den Standort nicht dauerhaft retten. 2005 standen die Gebäude endgültig leer. In den folgenden Jahren entwickelte sich Wintermoor zu einem bekannten Lost Place. Verlassene Patientenzimmer, lange Flure und die teilweise noch erkennbare Krankenhausstruktur machten das Gelände zu einem beliebten Ziel für Fotografen und Lost-Place-Interessierte. Gleichzeitig verfielen die Gebäude zunehmend. Vandalismus und mehrere Brände verschärften die Situation.

Die Klinik verschwindet aus dem Wald

Eine dauerhafte Zukunft gab es für die alten Gebäude nicht mehr. Das Gelände wurde schließlich von der Stadt Schneverdingen beziehungsweise einer städtischen Gesellschaft erworben. Zwischen 2021 und 2022 wurden die ehemaligen Klinikgebäude abgerissen. Damit verschwand ein Lost Place, der über Jahrzehnte immer wieder eine völlig andere Funktion erhalten hatte.

Ein Ort mit vielen Kapiteln

Das Waldkrankenhaus Wintermoor war weit mehr als ein verlassenes Krankenhaus. Es war Ausweichkrankenhaus im Krieg, Tuberkuloseklinik, Fachklinik für Atemwegserkrankungen und später Spezialklinik für Knochen- und Gelenkchirurgie. Gerade diese wechselvolle Geschichte macht den Standort außergewöhnlich. Heute erinnern vor allem historische Fotografien, Dokumente und Zeitzeugenberichte an die Gebäude im Wald.

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