Milbitzer Heilanstalten

Ende des 19. Jahrhunderts entstand oberhalb des Geraer Stadtteils Milbitz eine der modernsten medizinischen Einrichtungen der Region. Maßgeblich geprägt wurde das Projekt vom Arzt Dr. Clemens Weisker, der sich nach seinem Studium zunächst in Heinrichsgrün niederließ und später nach Untermhaus wechselte. Gemeinsam mit dem damaligen Landrat Dr. Horn sowie den Stiftern Louis und Christiane Schlutter entwickelte Weisker die Idee eines modernen Landkrankenhauses für die ländlichen Regionen rund um Gera. 1895 gründete die Familie Schlutter schließlich die Stiftung „Land-Bezirkskrankenhaus“, die den Grundstein für die spätere Heilanstalt legte.

Dr. Clemens Weisker formte das Krankenhauskonzept

Mit seiner Ernennung zum leitenden Krankenhausarzt erhielt Weisker weitreichende Befugnisse. Er sicherte sich nicht nur die Leitung der medizinischen Einrichtung auf Lebenszeit, sondern auch Räumlichkeiten für eine eigene Privatpraxis innerhalb des Krankenhauses. Der Mediziner entwickelte ein detailliertes Konzept für eine Klinik, die nach den modernsten Erkenntnissen ihrer Zeit arbeiten sollte. Zwischen 1894 und 1899 begleitete er die Bauarbeiten und war maßgeblich an der Finanzierung sowie der organisatorischen Umsetzung beteiligt.

Feierliche Eröffnung mit hochrangigen Gästen

Im Jahr 1899 wurde das Land-Bezirkskrankenhaus feierlich eröffnet. Zur Einweihung erschienen Vertreter des Fürstenhauses Reuß, Mitglieder der Regierung sowie zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Dr. Clemens Weisker übernahm als erster Direktor die Leitung der neuen Einrichtung. Die Zusammenarbeit mit den Stiftern verlief jedoch nicht dauerhaft harmonisch. Bereits nach zwei Jahren führten Meinungsverschiedenheiten mit der Krankenhauskommission und der Stifterfamilie zu seiner Entlassung. Mit dem Tod des Stifters Louis Schlutter im Jahr 1904 endete die Gründungsphase des Krankenhauses endgültig.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Klinik kontinuierlich weiter. Eine umfangreiche Erweiterung des Komplexes erfolgte 1927 und erhöhte die medizinischen Kapazitäten erheblich. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage als Reservelazarett genutzt. Zeitweise wurden dort rund 150 verwundete Soldaten gleichzeitig versorgt. Nach Kriegsende übernahm die sowjetische Armee das Gelände und nutzte die Gebäude bis zum Abzug der Streitkräfte im Jahr 1990 als Militärkrankenhaus der sowjetischen beziehungsweise später russischen Truppen.

Jahrzehnte des Leerstands und der Verwüstung

Mit dem Ende der militärischen Nutzung begann für die historischen Gebäude eine lange Phase des Niedergangs. Die leerstehenden Häuser wurden über Jahre hinweg Opfer von Vandalismus, Einbrüchen und Bränden. Fenster verschwanden, Dächer wurden beschädigt und zahlreiche Gebäude vollständig entkernt. Was nicht gestohlen wurde, fiel dem Verfall oder Graffiti zum Opfer. Besonders schwer traf das Areal ein Großbrand im Jahr 2017, bei dem eines der Gebäude vollständig zerstört wurde. Heute erinnern nur noch wenige erhaltene Bauwerke an die einstige Bedeutung des Standortes. Das ehemalige Kesselhaus und mehrere Klinikgebäude befinden sich weiterhin in einem kritischen Zustand und warten auf eine Zukunft.

Gescheiterte Investoren und verlorene Chancen

Über Jahrzehnte gab es zahlreiche Ideen für eine Nachnutzung des rund 46.000 Quadratmeter großen Geländes. Bereits Mitte der 1990er Jahre sollte ein Pflegezentrum entstehen, die Pläne scheiterten jedoch an ihrer Größe und den hohen Kosten. Auch Überlegungen für Wohngebiete, Reihenhäuser oder eine Unterkunft für Asylsuchende wurden nie umgesetzt. Selbst eine öffentliche Auktion im Jahr 2018 blieb ohne Erfolg. Die Hoffnung auf eine Rettung des Areals schien damit endgültig verloren.

Neuer Eigentümer plant den „Vitalpark Coryllishöhe“

Erst mit dem Verkauf an die Geraer Heim und Familie Wohnbau GmbH kam wieder Bewegung in die Entwicklung des historischen Standorts. Gemeinsam mit Projektentwicklern arbeitet das Unternehmen seit mehreren Jahren an einem umfassenden Revitalisierungskonzept. Unter dem Namen „Vitalpark Coryllishöhe“ soll auf dem Gelände ein innovativer Gesundheits- und Wohncampus entstehen. Geplant sind generationsübergreifende Wohnformen, Pflegeangebote, Gesundheitsdienstleistungen sowie moderne Konzepte für Betreuung und medizinische Versorgung.

Ein Experimentierfeld für die Pflege der Zukunft

Die Vision der Entwickler reicht deutlich über klassische Wohnprojekte hinaus. Der Standort soll als Modellprojekt für neue Pflege- und Wohnformen dienen. Geplant sind Wohngruppen für Senioren, Familien und Menschen mit Behinderungen ebenso wie Aus- und Weiterbildungseinrichtungen für Pflegepersonal. Digitale Pflegeangebote, intelligente Assistenzsysteme und moderne Gesundheitstechnologien sollen den Standort zu einem sogenannten „Medical Health Care Campus“ machen. Kliniken oder klassische Reha-Einrichtungen sind dagegen ausdrücklich nicht vorgesehen.

Natur- und Artenschutz spielen zentrale Rolle

Rund 40 Prozent des Geländes sollen dauerhaft unbebaut bleiben. Die historischen Waldflächen und Teile des Landschaftsschutzgebietes sollen erhalten werden. Vor Beginn möglicher Bauarbeiten müssen allerdings zunächst geschützte Tierarten berücksichtigt werden. Gutachter fanden auf dem Gelände mehrere Fledermauskolonien mit insgesamt sieben verschiedenen Arten, die vor einer Sanierung umgesiedelt werden müssen.

Die Milbitzer Heilanstalten spiegeln über mehr als ein Jahrhundert deutsche Geschichte wider: gegründet als modernes Landkrankenhaus, genutzt als Lazarett, sowjetisches Militärhospital und schließlich verlassenes Denkmal einer vergangenen Epoche. Ob der geplante Vitalpark Coryllishöhe tatsächlich Realität wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch: Das historische Gelände steht erneut an einem Wendepunkt seiner Geschichte. Nach Jahrzehnten des Verfalls könnte aus der einstigen Ruine erneut ein Ort des Lebens, der Pflege und der Gesundheit entstehen.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

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