Mitten in den Wäldern des Südharzes entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine der modernsten Spezialkliniken für Bergleute im Deutschen Reich. Die Knappschafts-Heilstätte auf dem Steierberg in Sülzhayn wurde speziell für die Behandlung von Atemwegs- und Lungenerkrankungen errichtet, die unter Bergarbeitern besonders verbreitet waren. Mehr als ein Jahrhundert lang prägte die Klinik das Leben des kleinen Harzortes. Heute stehen die Gebäude leer, Teile sind bereits eingestürzt oder abgerissen, andere kämpfen gegen den fortschreitenden Verfall.
Der rasante industrielle Aufschwung des späten 19. Jahrhunderts brachte nicht nur wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch erhebliche gesundheitliche Belastungen für die Beschäftigten im Bergbau mit sich. Staublunge, Tuberkulose und andere Atemwegserkrankungen gehörten zu den größten Risiken der Bergleute. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ließ die Norddeutsche Knappschafts-Pensionskasse in Halle an der Saale zwischen 1896 und 1898 die Knappschafts-Heilstätte Sülzhayn errichten. Die Planung übernahm der Architekt Gustav Hasse, während der renommierte Mediziner und Sanitätsrat Emil Kremser als erster leitender Arzt verpflichtet wurde. Bereits am 17. Januar 1898 wurden die ersten Patienten aufgenommen, die feierliche Einweihung folgte wenige Monate später im Oktober desselben Jahres.

Frische Harzluft als Therapie gegen die Tuberkulose
Wie viele Heilstätten jener Zeit setzte auch die Einrichtung in Sülzhayn auf die damals moderne Kombination aus Ruhe, gesunder Ernährung und frischer Gebirgsluft. Die Lage auf dem bewaldeten Steierberg galt als ideal für die Behandlung von Tuberkulose und anderen Lungenerkrankungen. Vor allem Bergleute aus den norddeutschen Revieren fanden hier Aufnahme und verbrachten oft mehrere Monate in den weitläufigen Liegehallen und Kuranlagen. Die Heilstätte entwickelte sich rasch zu einer wichtigen medizinischen Einrichtung für die Knappschaftsversicherung.

Nutzung als Lazarett in Kriegszeiten
Während der beiden Weltkriege änderte sich die Funktion der Klinik grundlegend. Wie viele medizinische Einrichtungen jener Zeit wurde auch die Knappschafts-Heilstätte als Lazarett genutzt, um verwundete und erkrankte Soldaten zu versorgen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm zunächst die sowjetische Armee die Anlage und nutzte die Gebäude für militärische Zwecke. Erst später kehrte die Klinik wieder zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurück und behandelte erneut Patienten mit Tuberkulose und anderen schweren Lungenerkrankungen, deren Zahl in den Nachkriegsjahren stark angestiegen war.

Spezialklinik für Querschnittgelähmte in der DDR
Mit dem medizinischen Fortschritt verlor die klassische Tuberkulose-Heilstätte zunehmend an Bedeutung. Die Klinik in Sülzhayn erhielt deshalb Ende der 1960er Jahre eine völlig neue Aufgabe. Aus der ehemaligen Lungenheilstätte wurde ein Rehabilitationszentrum für Menschen mit Querschnittlähmungen. Die Einrichtung entwickelte sich in der DDR zu einer wichtigen Spezialklinik für die Behandlung und Betreuung schwer verletzter Patienten. Die unmittelbare Nähe zur innerdeutschen Grenze spielte bei dieser Umwidmung vermutlich ebenfalls eine Rolle.

Nach der Wiedervereinigung folgt das Aus
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung blieb die Klinik zunächst in Betrieb. Doch die Gebäude entsprachen immer weniger den modernen medizinischen Anforderungen und konnten mit westdeutschen Standards nicht mehr mithalten. Schließlich entschied man sich für den Bau einer neuen und zeitgemäßen Klinik im Ort. Mit der Eröffnung des Neubaus verlor die historische Anlage ihre Funktion. Am 15. März 1997 wurde die alte Knappschafts-Heilstätte endgültig geschlossen.
Jahrzehnte des Leerstands und zunehmender Verfall
Seit der Schließung steht das einstige Klinikgebäude leer. Jahrzehntelang suchten Eigentümer und Kommunen nach Investoren und Nutzungskonzepten, doch kein Projekt konnte umgesetzt werden. Witterung, Vandalismus und fehlende Sicherungsmaßnahmen hinterließen deutliche Spuren an der historischen Bausubstanz. Das Gebäude entwickelte sich zu einem bekannten Lost Place im Südharz. Besonders schwere Schäden entstanden durch mehrere Stürme, die Teile der Dächer und Gebäudestrukturen zerstörten.

Das Sanatorium Dr. Kremser: Die kleinere Schwester der Heilstätte
Zeitgleich mit der großen Knappschafts-Heilstätte entstand in unmittelbarer Nähe das deutlich kleinere Sanatorium Dr. Kremser. Auch dieses Haus wurde von der Norddeutschen Knappschafts-Pensionskasse errichtet und von Gustav Hasse geplant. Die Einrichtung verfügte über lediglich zehn Betten und richtete sich an eine exklusive Patientengruppe. Zu den bekanntesten Gästen gehörte der niederländische Nobelpreisträger und Chemiker Jacobus Henricus van ’t Hoff, der zeitweise in Sülzhayn behandelt wurde. Bereits 1918 wurde das kleine Sanatorium geschlossen.
Vom Ärztehaus zur Ruine
Nach der Aufgabe des Sanatoriums wurden die Gebäude zu Wohn- und Unterkunftszwecken für Mitarbeiter der Heilstätte umgebaut. Über Jahrzehnte lebten hier Ärzte, Pflegekräfte und weiteres Klinikpersonal. Erst mit der Schließung des gesamten Klinikstandortes im Jahr 1997 endete diese Nutzung endgültig. Die Gebäude verfielen in den folgenden Jahren zunehmend. Mehrere Gebäudeteile stürzten infolge von Sturmschäden teilweise ein.

Teilabriss im Jahr 2019
Die fortschreitenden Schäden machten schließlich Maßnahmen unumgänglich. Im Jahr 2019 wurden Teile des ehemaligen Sanatoriums aus Sicherheitsgründen abgerissen. Andere Gebäudeteile blieben erhalten und erinnern bis heute an die lange Geschichte des medizinischen Standortes. Die ehemalige Knappschafts-Heilstätte Sülzhayn steht exemplarisch für viele historische Lungenheilstätten Deutschlands: einst Zentren moderner Medizin, später Opfer des medizinischen Fortschritts und fehlender Nutzungskonzepte. Ob die verbliebenen Gebäude eines Tages gerettet und einer neuen Nutzung zugeführt werden können oder der Verfall weiter voranschreitet, bleibt weiterhin offen.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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