Johanniter-Heilstätte Sorge

Hoch oben auf dem Ochsenberg zwischen Sorge, Hohegeiß und Benneckenstein entstand Anfang des 20. Jahrhunderts eine der modernsten Lungenheilstätten Deutschlands. Die Johanniter-Heilstätte Sorge galt über Jahrzehnte als Vorzeigeeinrichtung für die Behandlung von Tuberkulosepatienten und genoss weit über die Grenzen des Harzes hinaus einen hervorragenden Ruf. Heute erinnern nur noch verfallene Gebäude und eingestürzte Dächer an die einst renommierte Klinik, die mittlerweile zu den bekanntesten Lost Places Mitteldeutschlands zählt.

Großzügige Stiftung machte den Bau möglich

Die Geschichte der Heilstätte begann mit einer großzügigen Spende des Unternehmers Werner von Seebach aus Langensalza. Seine finanzielle Unterstützung ermöglichte dem Johanniterorden die Errichtung eines modernen Krankenhauses im damaligen Regierungsbezirk Erfurt. 1899 fiel die Entscheidung zugunsten eines abgelegenen Standortes auf dem 562 Meter hohen Ochsenberg. Ausschlaggebend waren die klimatischen Bedingungen des Hochharzes, die als ideal für die Behandlung von Lungenerkrankungen galten. Die Bauarbeiten erwiesen sich als anspruchsvoll. Zunächst mussten große Waldflächen gerodet und der felsige Untergrund aufwendig bearbeitet werden, bevor die eigentlichen Gebäude entstehen konnten.

Moderne Architektur für die Heilung der Patienten

Die Klinik wurde nach den Plänen der renommierten Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke errichtet, die bereits zahlreiche medizinische Großprojekte in Deutschland realisiert hatten. Das Hauptgebäude beeindruckte durch seine massive Bauweise aus Granit und seine außergewöhnliche Architektur. Zwei große Seitenflügel wurden durch einen zentralen Gebäudeteil verbunden, in dessen Obergeschoss sich eine eigene Kirche mit Glockenturm befand. Besonders charakteristisch waren die offenen Liegehallen mit Südausrichtung, in denen die Patienten stundenlang die damals als heilend geltende Waldluft des Harzes genießen sollten. Ergänzt wurde die Ausstattung durch Wintergärten, Aufenthaltsräume, eine Bibliothek und komfortable Krankenzimmer unterschiedlicher Größe.

Erfolgreiche Tuberkulose-Behandlung im Hochharz

Im Sommer 1902 wurden die ersten Patientinnen aufgenommen. Die Einrichtung war zunächst ausschließlich für Frauen vorgesehen und spezialisierte sich auf die Behandlung von Lungentuberkulose. Unter dem langjährigen Chefarzt Dr. Hans Pigger entwickelte sich die Heilstätte zu einer der angesehensten Einrichtungen ihrer Art. Pigger galt als medizinischer Pionier und führte bereits 1909 moderne Diagnose- und Behandlungsmethoden wie Röntgentechnik und die Lungenkollapstherapie ein. Die Therapie beruhte vor allem auf den damals üblichen Freiluft-Liegekuren sowie kontrollierten Bewegungseinheiten auf speziell angelegten Kurwegen rund um den Ochsenberg.

Die oft mehrere Monate dauernden Aufenthalte führten zu hohen Behandlungserfolgen und begründeten den ausgezeichneten Ruf der Klinik.

Ausbau zum modernen Lungenkrankenhaus

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Anlage kontinuierlich erweitert. Neue Operationssäle, moderne Behandlungsräume und zusätzliche Patientengebäude erhöhten die Kapazität schrittweise auf rund 180 Betten. Mit der Einführung thoraxchirurgischer Eingriffe entwickelte sich die Einrichtung von einem klassischen Sanatorium zu einem spezialisierten Lungenkrankenhaus. Trotz der Erweiterungen blieb der soziale Anspruch des Johanniterordens erhalten: Auch weniger wohlhabende Patienten erhielten finanzielle Unterstützung für ihre Behandlung.

Das Ende der Tuberkulose-Heilstätte

Der medizinische Fortschritt veränderte nach dem Zweiten Weltkrieg die Situation grundlegend. Mit der Einführung wirksamer Medikamente gegen Tuberkulose gingen die Patientenzahlen kontinuierlich zurück. Die klassische Heilstättentherapie verlor zunehmend an Bedeutung. Um wirtschaftlich überleben zu können, öffnete die Klinik Anfang der 1960er Jahre erstmals auch für männliche Patienten. Dennoch wurde der Betrieb der traditionsreichen Einrichtung Ende 1967 überraschend eingestellt.

Von der Heilstätte zum Kurheim der NVA

Nach der Schließung übernahm zunächst der Kreis Wernigerode die Nutzung des Areals und vermietete die Gebäude an die Nationale Volksarmee und die Grenztruppen der DDR weiter. Die ehemalige Lungenheilstätte wurde zu einem Kur- und Erholungszentrum für Soldaten und Offiziere umfunktioniert. Behandelt wurden vor allem Wirbelsäulen-, Herz- und Kreislauferkrankungen. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zur innerdeutschen Grenze befand sich das gesamte Gelände innerhalb des Sperrgebiets und war streng bewacht. Unter Soldaten erhielt die Einrichtung schnell Spitznamen wie „Wasserburg“ oder sogar „Faultierfarm“, da viele die Aufenthalte eher mit Erholung als mit medizinischer Behandlung verbanden.

Die Wende bringt das endgültige Aus

Mit dem Ende der DDR verlor die Bundeswehr das Interesse an einer weiteren Nutzung der Anlage. 1992 wurde die Heilstätte an den Johanniterorden zurückgegeben. Zwar befanden sich die Gebäude damals noch in vergleichsweise gutem Zustand, doch die notwendigen Investitionen für eine Modernisierung hätten Millionenbeträge verschlungen. Mehrere Ideen für eine Nachnutzung – darunter ein Kinderheim, ein SOS-Kinderdorf oder ein Müttergenesungsheim – scheiterten aus wirtschaftlichen Gründen.

In den folgenden Jahren begann der langsame Verfall des weitläufigen Komplexes. Fenster wurden zerstört, Dächer stürzten ein und die Witterung setzte den Gebäuden immer stärker zu. Gleichzeitig entwickelte sich die ehemalige Klinik zu einem beliebten Ziel für Fotografen, Urban Explorer und Geschichtsinteressierte. Zeitweise wurde das Gelände als sogenanntes Lost-Place-Erlebniscamp genutzt und zog Besucher aus ganz Deutschland an. Seit 2022 ist das Betreten der Anlage offiziell jedoch nicht mehr möglich.

Filmkulisse mit düsterem Ruf

Die besondere Atmosphäre des verlassenen Klinikkomplexes machte die Johanniter-Heilstätte Sorge auch für Filmproduktionen interessant. Unter anderem entstanden hier Szenen für den Horror-Thriller „Ostzone“, dessen Handlung eine fiktive Geschichte rund um die verlassene Heilstätte erzählt. Die Kombination aus monumentaler Architektur, Abgeschiedenheit und Verfall verleiht dem Ort bis heute eine einzigartige Wirkung.

Zukunft ungewiss

Mehr als 120 Jahre nach ihrer Eröffnung steht die Zukunft der Johanniter-Heilstätte Sorge weiterhin in den Sternen. Der einstige Hoffnungsträger für Tuberkulosepatienten im Hochharz gehört heute zu den eindrucksvollsten und zugleich gefährdetsten historischen Klinikensembles Deutschlands. Ob die Gebäude eines Tages gerettet werden können oder der Verfall weiter voranschreitet, bleibt offen.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

Sie haben aktuelle Informationen zum Objekt? Dann schreiben Sie diese gerne (mit Quellenangabe) in die Kommentare. Oder kontaktieren Sie uns unter kontakt@rottenplaces.de.

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