FDGB Erholungsheim „Fritz Heckert“

Mitten in der Harzlandschaft entstand Anfang der 1950er-Jahre eines der ehrgeizigsten Tourismusprojekte der jungen DDR. Das FDGB-Erholungsheim „Fritz Heckert“ in Gernrode wurde zwischen 1952 und 1954 als erstes vollständig neu errichtetes Ferienheim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) gebaut und am 11. Juli 1954 feierlich eröffnet. Die Anlage galt als Vorzeigeobjekt des staatlichen Feriendienstes und setzte neue Maßstäbe für den Erholungsurlaub der Werktätigen.

Benannt wurde das Ferienheim nach dem Politiker Fritz Heckert (1884–1936), einer prägenden Persönlichkeit der deutschen Arbeiterbewegung. Der Entwurf stammt vom halleschen Ingenieurbüro Maedecke und orientierte sich architektonisch an der Klassischen Moderne. Besonders auffällig sind der halbrund gestaltete Eingangsbereich mit seinen Terrassen sowie die charakteristischen Laubengänge an der Südseite des Bettentraktes. Auch gestalterisch erinnerte die Anlage an das Olympische Dorf von Berlin aus dem Jahr 1936.

Komfort, der seiner Zeit voraus war

Für die damalige Zeit bot das Ferienheim einen außergewöhnlich hohen Standard. Rund 147 Urlaubsgäste konnten hier ganzjährig ihre Ferien verbringen. Insgesamt standen 85 modern ausgestattete Zimmer mit fließendem Warm- und Kaltwasser zur Verfügung – ein Komfort, der Anfang der 1950er-Jahre keineswegs selbstverständlich war. Hinzu kamen zwölf Wannenbäder, sechs Duschräume, mehrere Klubräume, ein Schachzimmer, eine Bibliothek mit Leseraum, ein Fernsehraum sowie ein Billardzimmer. Sport- und Freizeitangebote ergänzten das Erholungskonzept. Selbst an kalten Wintertagen herrschten angenehme Temperaturen, denn das Gebäude verfügte bereits über eine moderne Ölheizung.

Im Inneren beeindruckte das Haus mit einem großzügigen Vestibül und repräsentativen Sälen auf mehreren Etagen. Das Ferienheim entwickelte sich schnell zu einem beliebten Urlaubsziel des FDGB-Feriendienstes und wurde 1959 sogar auf einer Briefmarke der DDR verewigt – eine besondere Auszeichnung für ein Bauwerk des sozialistischen Tourismus.

Ausbau in den 1970er-Jahren

Mit der wachsenden Nachfrage nach Urlaubsplätzen wurde die Anlage Ende der 1960er-Jahre erheblich erweitert. 1969 beziehungsweise 1970 entstand ein zusätzliches Bettenhaus mit rund 150 weiteren Schlafplätzen. Gleichzeitig wurden neue gastronomische Einrichtungen mit Gaststätte und Bar geschaffen. Damit entwickelte sich das Ensemble zu einem der größten und modernsten Ferienkomplexe des FDGB im Harz. Über viele Jahre verbrachten tausende Urlauber hier ihre Ferien. Das Erholungsheim war ein wichtiger Bestandteil des staatlich organisierten Urlaubssystems der DDR und prägte den Fremdenverkehr in der Region nachhaltig.

Nach der Wiedervereinigung begann der Niedergang

Mit dem Ende der DDR verlor auch der FDGB-Feriendienst seine Grundlage. Bereits 1990 wurde das Ferienheim geschlossen. Was folgte, war ein jahrzehntelanger Leerstand, der dem Gebäude schwer zusetzte. Das später errichtete Bettenhaus wurde 1998 abgerissen. Das historische Haupthaus blieb zwar erhalten, verfiel jedoch zunehmend. Vandalismus, eindringende Feuchtigkeit und ausbleibende Sicherungsmaßnahmen hinterließen deutliche Spuren. Aus dem einstigen Prestigeobjekt entwickelte sich einer der bekanntesten Lost Places im Harz. Auch die vor dem Gebäude aufgestellte Plastik „Junge Familie“ des Bildhauers Heinz Beberniß verschwand vom Gelände. Sie wurde bereits 1999 gesichert und an einem neuen Standort in Gernrode wieder aufgestellt.

Denkmalgeschütztes Bauwerk mit besonderem Wert

Trotz seines schlechten baulichen Zustands besitzt das ehemalige Ferienheim bis heute einen hohen denkmalpflegerischen Stellenwert. Es ist unter der Erfassungsnummer 094 21160 als Baudenkmal in das Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt eingetragen. Das Gebäude dokumentiert eindrucksvoll die Architektur des frühen DDR-Tourismus sowie den gesellschaftlichen Stellenwert des staatlich organisierten Erholungswesens. Seine architektonische Gestaltung und seine Geschichte machen das Bauwerk weit über die Region hinaus zu einem bedeutenden Zeugnis der Nachkriegsmoderne. Zusätzliche Bekanntheit erlangte das leerstehende Gebäude durch zahlreiche Fotografen und Urban Explorer sowie durch den Dokumentarfilm Vergessen im Harz II von Enno Seifried, der den fortschreitenden Verfall eindrucksvoll dokumentierte.

Neue Eigentümer planen umfassende Wiederbelebung

Lange schien die Zukunft des ehemaligen Ferienheims ungewiss. Erst mit dem Eigentümerwechsel eröffnete sich eine neue Perspektive für das historische Ensemble. Die Investoren planen eine umfassende Kernsanierung des denkmalgeschützten Gebäudes. Nach den bisherigen Planungen sollen moderne Ferienapartments, Sport- und Wellnessbereiche sowie gastronomische Angebote entstehen. Ziel ist es, den historischen Charakter des Bauwerks zu erhalten und gleichzeitig eine zeitgemäße touristische Nutzung zu ermöglichen.

Die umfangreichen Bauarbeiten sollen beginnen und die Wiedereröffnung der Anlage ist derzeit bis 2028 vorgesehen. Gelingt das Vorhaben, könnte eines der bedeutendsten Ferienheime der DDR nach fast vier Jahrzehnten des Leerstands zu neuem Leben erwachen und erneut Besucher in den Harz locken.

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