Hotel Fürst zu Stolberg Heinrich Heine

Das ehemalige Hotel Fürst zu Stolberg gehörte einst zu den renommierten Adressen im Harz. In Schierke, am Fuße des Brockens, entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert ein repräsentativer Hotelkomplex, der anspruchsvollen Gästen Komfort, Erholung und Wintersportmöglichkeiten bieten sollte. Später wurde das Haus als Hotel Heinrich Heine bekannt und entwickelte sich in der DDR zu einem beliebten Ferienziel für Politiker, Künstler und Kulturschaffende.

Nach der Wiedervereinigung verlor das traditionsreiche Hotel jedoch zunehmend an Bedeutung. Leerstand, ausbleibende Investitionen und massive Bauschäden besiegelten schließlich sein Schicksal. 2016 wurde das denkmalgeschützte Gebäude abgerissen. Damit verschwand ein bedeutendes Stück Schierker Tourismusgeschichte, dessen wechselvolle Vergangenheit eng mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden war.

Ernst Niewerth entwarf das Grandhotel

Die Geschichte des Hauses reicht bis in das Jahr 1898 zurück. Nach Plänen des Wernigeröder Architekten Ernst Niewerth entstand ein Luxushotel im landschaftlich geprägten Reformstil, dessen Gestaltung sich an der Architektur des Harzes orientierte. Anfang 1900 wurde das Hotel Fürst zu Stolberg feierlich eröffnet. Bereits 1904 erhielt die Anlage einen zusätzlichen Wohnflügel, um weitere Gäste aufnehmen zu können. Das Hotel war für seine Zeit bemerkenswert ausgestattet. Eine eigene Konditorei, ein Wiener Restaurant, Billardräume, Zentralheizung und elektrische Beleuchtung gehörten zum Angebot. Selbst eine Tankstelle war vorhanden. Auf dem Gelände gab es außerdem Tennisplätze und eine Rodelbahn, die insbesondere für sportlich interessierte Urlauber attraktiv waren.

Die Ausstattung und das Freizeitangebot verdeutlichen den Anspruch des Hauses: Schierke sollte sich als gehobener Erholungsort etablieren, und das Hotel Fürst zu Stolberg bildete einen wichtigen Bestandteil dieser touristischen Entwicklung. Die Verbindung aus repräsentativer Architektur, komfortabler Unterbringung und der unmittelbaren Nähe zur Harzer Berglandschaft machte das Gebäude zu einer besonderen Adresse.

Prominente Gäste und bewegte Jahre vor 1945

Das Hotel zog bereits in seiner frühen Geschichte prominente Gäste an. Unter anderem sollen der spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg sowie die niederländische Prinzessin Juliana und ihr Ehemann Bernhard zur Lippe-Biesterfeld zu den Besuchern gehört haben.

1938 verstarb der damalige Eigentümer Georg Schwarz. In der Folge wurde das Haus zwangsversteigert und unter einem neuen Besitzer umgestaltet. Dabei gingen zahlreiche architektonische Verzierungen verloren. 1939 erhielt das Hotel durch eine Kieler Schiffbaufirma zusätzliche Ausstattungselemente wie Holzintarsien, Holzsäulen und Vertäfelungen.

Während des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Nutzung grundlegend. Bis 1945 diente das Gebäude als Entbindungsheim. Nach Kriegsende wurde es zunächst von sowjetischen Offizieren in Anspruch genommen. Damit endete die erste Phase seiner Geschichte als privatwirtschaftlich betriebenes Luxushotel.

Hotel Heinrich Heine: Die neue Rolle in der DDR

1946 erhielt das Haus den Namen Hotel Heinrich Heine. Mit der Umbenennung und der späteren staatlichen Einbindung veränderte sich auch die Funktion des Hotels. Aus dem früheren Grandhotel wurde eine wichtige Adresse des DDR-Tourismus, die insbesondere für privilegierte Urlauber und prominente Gäste eine besondere Bedeutung besaß. Schierke entwickelte sich während der DDR zu einem gefragten Erholungsort. Die Nähe zum Brocken, die Wintersportmöglichkeiten und die landschaftliche Lage machten den Ort attraktiv. Der Brocken selbst war allerdings über Jahrzehnte Sperrgebiet und für die Allgemeinheit nicht zugänglich.

Das Hotel Heinrich Heine wurde zu einem Treffpunkt für Politiker, Künstler, Intellektuelle und Kulturschaffende. Zu den mit dem Haus verbundenen prominenten Namen zählen der DDR-Präsident Wilhelm Pieck, der Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler, der Musiker Kurt Masur und die Schriftstellerin Christa Wolf. Auch weitere bekannte Persönlichkeiten aus Kultur und Politik verbrachten hier ihre Ferien. Das Hotel war damit mehr als eine gewöhnliche Unterkunft. Es spiegelte die gesellschaftlichen Strukturen der DDR wider, in denen bestimmte Einrichtungen als bevorzugte Erholungsorte für ausgewählte Personenkreise dienten. Die Geschichte des Hauses erzählt deshalb nicht nur von Tourismus, sondern auch von Privilegien, staatlicher Organisation und dem gesellschaftlichen Stellenwert des Urlaubs.

Der letzte große Umbau

1968 begann eine größere Renovierungsphase. Im Anschluss verfügten nach den überlieferten Angaben rund 80 Prozent der Zimmer über eine eigene Toilette sowie ein Bad oder eine Dusche und zwei Waschbecken. Das Haus wurde damit an die steigenden Erwartungen seiner Gäste angepasst. In den folgenden Jahrzehnten blieb das Hotel eine gefragte Ferienadresse. Zeitweise war es nahezu vollständig ausgelastet. Die besondere Atmosphäre des traditionsreichen Gebäudes, seine Lage und die Bedeutung Schierkes als Urlaubsort trugen dazu bei, dass das Hotel Heinrich Heine seinen Ruf bewahrte.

Doch die intensive Nutzung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die bauliche Substanz zunehmend in die Jahre kam. Viele Einrichtungen stammten aus früheren Jahrzehnten, während sich die Anforderungen an Komfort und Ausstattung fortlaufend veränderten. Eine umfassende Modernisierung hätte erhebliche Investitionen erfordert.

Nach der Wende: Der Niedergang beginnt

Mit dem Ende der DDR veränderten sich die touristischen Rahmenbedingungen grundlegend. Reisende konnten nun zwischen einer größeren Zahl von Urlaubszielen wählen, während sich die Ansprüche an Hotelzimmer, Sanitäranlagen und Service erhöhten. Schierke und seine traditionsreichen Beherbergungsbetriebe mussten sich in einem neuen Wettbewerbsumfeld behaupten. Das Hotel Heinrich Heine konnte mit diesen Entwicklungen immer weniger Schritt halten. Die Ausstattung galt als veraltet, notwendige Modernisierungen blieben aus, und die Zahl der Gäste ging zurück. 1993 wurde das Objekt im Zuge der Privatisierung von der Treuhandanstalt an eine Eigentumsgesellschaft verkauft. Die erhoffte nachhaltige Investition in den Standort blieb jedoch aus.

Zum Jahreswechsel 1994/95 schloss das Hotel endgültig seine Türen. Damit endete eine mehr als neun Jahrzehnte währende Geschichte als Hotelstandort. Was zuvor ein belebtes Haus mit Restaurantbetrieb und Feriengästen gewesen war, wurde zum leer stehenden Gebäude.

Ein denkmalgeschütztes Hotel verfällt zum Lost Place

Nach der Schließung wechselte das Objekt erneut den Besitzer. Eine nachhaltige Sanierung kam nicht zustande. Das Gebäude blieb über Jahre hinweg ungenutzt und verfiel zunehmend. Feuchtigkeit, bauliche Schäden und die ausbleibende Instandhaltung setzten der historischen Substanz erheblich zu. Das ehemalige Grandhotel entwickelte sich zu einem Lost Place im Harz. Wo einst Gäste ihre Ferien verbracht hatten, dominierten zunehmend verlassene Räume und eine marode Bausubstanz. Das einst repräsentative Erscheinungsbild verlor sich immer weiter.

2013 kam das Hotel im Rahmen einer Zwangsversteigerung erneut auf den Markt. Die Stadt Wernigerode, zu der Schierke seit 2009 gehört, erwarb das Objekt und prüfte Möglichkeiten, die Anlage zumindest teilweise zu sichern. Ziel war es, die historische Identität des Ortes zu bewahren und zugleich neue touristische Perspektiven zu schaffen. Ein Gutachten aus dem Jahr 2014 zeichnete jedoch ein ernüchterndes Bild. Ein erheblicher Teil des Gebäudekomplexes galt als stark geschädigt. Zur Diskussion standen ein vollständiger Abriss, der Erhalt einzelner Gebäudeteile oder eine umfassendere Rekonstruktion. Jede dieser Varianten hätte unterschiedliche finanzielle und bauliche Herausforderungen mit sich gebracht.

Abriss 2016: Das Ende eines historischen Grandhotels

Im Februar 2016 stimmte der Stadtrat von Wernigerode dem Abriss des ehemaligen Hotels zu. Die Verantwortlichen sahen angesichts des baulichen Zustands keine realistische Möglichkeit mehr, den historischen Komplex zu erhalten. Damit war das Schicksal des denkmalgeschützten Gebäudes besiegelt. Am 28. Juni 2016 begannen offiziell die Abbrucharbeiten. Die Stadt kündigte an, das Gelände für eine neue Ferienanlage vorzubereiten. Bis September sollte der Gebäudekomplex vollständig beseitigt werden. Die Abrissfirma rechnete mit 15.000 bis 18.000 Tonnen Bauschutt sowie rund 650 Tonnen Altholz. Die Materialien sollten getrennt und fachgerecht entsorgt werden.

Der Abriss bedeutete den unwiederbringlichen Verlust eines historischen Bauwerks, das über Jahrzehnte das Ortsbild von Schierke mitgeprägt hatte. Zwar wurden einzelne historische Elemente geborgen, darunter Portalsteine, Granitsockel und die Leuchtschrift des Hotels. Die ursprüngliche Architektur und die überlieferte Raumstruktur ließen sich dadurch jedoch nicht bewahren.

Die Entscheidung steht beispielhaft für den schwierigen Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden, deren Sanierung nach langjährigem Leerstand hohe Kosten verursacht. Gleichzeitig wirft sie die Frage auf, ob frühere Investitionen und eine rechtzeitige Nutzungsperspektive den Verlust hätten verhindern können.

Das Heinrich-Heine-Resort: Eine neue touristische Nutzung

Auf dem ehemaligen Hotelgelände entstand anschließend eine neue Ferienanlage. Die Heinrich-Heine-Resort GmbH plante ein Feriendorf mit Ferienhäusern, Empfangsgebäude und Gastronomie. Die Investitionssumme wurde 2016 mit rund 13 bis 14 Millionen Euro angegeben. Am 18. November 2016 erfolgte der offizielle Spatenstich. Das Projekt sollte Schierke als Urlaubsort stärken und neue Übernachtungsmöglichkeiten schaffen. Die Architektur der Ferienhäuser orientierte sich an einer modernen Interpretation regionaler Bauformen.

Am 15. Dezember 2017 wurde die Anlage unter dem Namen „Das Schierke – Harzresort am Brocken“ eröffnet. Damit erhielt der Standort eine neue touristische Funktion. Die Nutzung als Beherbergungsstandort blieb also bestehen, während das historische Gebäude vollständig verschwunden war. Die Verantwortlichen hatten angekündigt, ausgewählte historische Elemente und Erinnerungen an das frühere Hotel in das neue Konzept einzubeziehen. Eine solche Integration kann die Geschichte eines Ortes sichtbar halten, ersetzt jedoch nicht den Erhalt eines originalen Baudenkmals.

Heinrich Heine und das Hotel: Was steckt hinter dem Namen?

Der Name Hotel Heinrich Heine sorgt bis heute für eine naheliegende Frage nach einer Verbindung zum Dichter. Das Hotel wurde allerdings erst 1946 nach Heinrich Heine benannt. Das ursprüngliche Luxushotel trug den Namen Fürst zu Stolberg. Eine direkte persönliche Verbindung zwischen Heinrich Heine und dem Hotel ist in den herangezogenen Quellen nicht belegt. Die Namensgebung ist daher vor allem im historischen Kontext der Nachkriegszeit und der DDR zu betrachten. Sie darf nicht mit einem nachgewiesenen Aufenthalt des Dichters oder einer besonderen Beziehung zum Gebäude gleichgesetzt werden.

Ein verlorenes Baudenkmal der Harzer Tourismusgeschichte

Das Hotel Fürst zu Stolberg beziehungsweise Hotel Heinrich Heine vereinte mehrere Epochen deutscher Geschichte unter einem Dach. Es begann als luxuriöses Grandhotel, wurde im Zweiten Weltkrieg als Entbindungsheim genutzt, entwickelte sich in der DDR zu einer prominenten Ferienadresse und endete nach der Wiedervereinigung als verfallener Lost Place. Mit dem Abriss im Jahr 2016 verschwand ein bedeutendes historisches Gebäude aus dem Ortsbild von Schierke. Die neue Ferienanlage führt zwar die touristische Nutzung des Standorts fort, doch die originale Architektur und die historischen Innenräume sind unwiederbringlich verloren.

Die Geschichte des Hauses zeigt, wie eng Denkmalschutz, wirtschaftliche Interessen und touristische Entwicklung miteinander verknüpft sind. Ein Gebäude kann über Jahrzehnte prägend für einen Ort sein und dennoch verschwinden, wenn Sanierung, Nutzung und Finanzierung nicht rechtzeitig zusammenfinden. Das ehemalige Hotel Fürst zu Stolberg bleibt damit ein Beispiel für den Verlust historischer Bausubstanz – und für die Frage, wie viel Vergangenheit ein touristischer Neubeginn bewahren sollte.

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