Mitten in den Wäldern des Oberharzes entstand ab 1935 unter strengster Geheimhaltung eine der bedeutendsten Rüstungsanlagen des nationalsozialistischen Deutschlands. Das unter dem Decknamen „Werk Tanne“ errichtete Sprengstoffwerk am Rand von Clausthal-Zellerfeld entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum drittgrößten Sprengstoff- und Munitionswerk des Deutschen Reiches. Hier wurden riesige Mengen TNT hergestellt sowie Bomben, Minen und Granaten für den Krieg befüllt. Noch heute gilt das Gelände als eine der größten Rüstungsaltlasten Niedersachsens.
Arbeitslosigkeit ebnete den Weg für die Rüstungsindustrie
Nach der Schließung der letzten Oberharzer Bergwerke Anfang der 1930er Jahre herrschte in der Region hohe Arbeitslosigkeit. Für das NS-Regime bot Clausthal-Zellerfeld ideale Voraussetzungen für den Bau einer geheimen Rüstungsfabrik: eine zentrale Lage im Reich, ausreichend Fachkräfte, gute Verkehrsanbindungen und vor allem dichte Wälder, die das Werk aus der Luft tarnen konnten.
Bereits wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen die Planungen. 1935 wurde das rund 120 Hektar große Gelände erworben, ehe zwischen 1935 und 1938 die gigantische Fabrikanlage errichtet wurde. Betreiber war eine Tochtergesellschaft der Dynamit Nobel AG.

Produktion auf Hochtouren für den Krieg
Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm das Werk seinen Betrieb auf. Hauptprodukt war Trinitrotoluol (TNT), das unter der Bezeichnung Füllpulver 02 hergestellt wurde. Monatlich konnten mehrere tausend Tonnen produziert werden. Hinzu kamen Anlagen zum Befüllen von Artilleriegranaten, Bomben und Minen. Mit zunehmender Kriegsdauer stieg die Bedeutung der Fabrik enorm. In den Jahren 1943 und 1944 erreichte Werk Tanne mit rund 28.000 Tonnen TNT die höchste Produktionsmenge aller Sprengstoffwerke im Deutschen Reich. Die Anlage arbeitete nahezu rund um die Uhr und gehörte zu den wichtigsten Zulieferern der deutschen Rüstungsindustrie.

Explosionen und Luftangriffe forderten zahlreiche Todesopfer
Die Arbeit mit hochbrisanten Chemikalien war äußerst gefährlich. Immer wieder kam es zu schweren Unfällen. Besonders verheerend war die Explosion der Nitrierungsanlage am 6. Juni 1940. Dabei verloren 61 Menschen ihr Leben. Die Druckwelle zerstörte Fensterscheiben in Clausthal-Zellerfeld, Trümmerteile wurden kilometerweit durch die Luft geschleudert.
Am 7. Oktober 1944 griffen amerikanische Bomber das Werk an. Innerhalb kurzer Zeit wurden rund 70 Gebäude zerstört. Mindestens 88 Menschen kamen ums Leben, darunter zahlreiche Zwangsarbeiter. Obwohl die eigentliche TNT-Produktion danach nicht mehr aufgenommen werden konnte, lief die Bombenfüllung bis kurz vor Kriegsende weiter.

Tausende Zwangsarbeiter unter lebensgefährlichen Bedingungen eingesetzt
Mit zunehmender Dauer des Krieges fehlten der deutschen Industrie Arbeitskräfte. Deshalb setzte das NS-Regime ab 1942 immer stärker auf Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Zeitweise arbeiteten rund 2.600 Menschen im Werk, etwa die Hälfte davon stammte aus den von Deutschland besetzten Ländern.
Die ausländischen Arbeitskräfte waren in zahlreichen Barackenlagern rund um Clausthal-Zellerfeld untergebracht. Sie mussten die gefährlichsten Tätigkeiten übernehmen und kamen täglich mit hochgiftigem TNT in Kontakt. Vergiftungen gehörten zum Arbeitsalltag und wurden häufig nur unzureichend behandelt. Gleichzeitig verblieben leitende Funktionen ausschließlich in deutscher Hand.

Nach Kriegsende blieb ein verseuchtes Erbe zurück
Nach dem Einmarsch der US-Armee wurden Maschinen und Produktionsanlagen demontiert. Viele der massiven Stahlbetongebäude blieben jedoch erhalten, da ihre Sprengung zu aufwendig gewesen wäre.
Während des Betriebs waren große Mengen giftiger Chemikalien unkontrolliert in Boden und Gewässer gelangt. Rückstände befinden sich bis heute auf dem ehemaligen Werksgelände, in den angrenzenden Pfauenteichen und sogar im Grundwasser. Die damaligen Abwasserleitungen reichten bis nach Osterode, wo belastete Flüssigkeiten in den Untergrund eingeleitet wurden und noch immer Umweltprobleme verursachen.

Aufwendige Sanierung dauert bis heute an
Seit den 1990er Jahren laufen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen. Belastete Böden wurden entfernt, Aktivkohleanlagen und Rückhaltebecken errichtet, um schadstoffhaltiges Wasser zu reinigen. Dennoch gelten große Bereiche des ehemaligen Werks weiterhin als kontaminiert, da viele Altablagerungen bis heute nicht vollständig lokalisiert werden konnten.
Ein wichtiger Meilenstein wurde Ende 2024 erreicht: Mit der Inbetriebnahme einer groß angelegten Pflanzenkläranlage soll das belastete Wasser künftig auf natürliche Weise von sprengstofftypischen Schadstoffen gereinigt werden. Die Sanierung des Areals wird jedoch voraussichtlich noch viele Jahre in Anspruch nehmen.

Zwischen Vergangenheit und neuer Nutzung
Das ehemalige Werksgelände befindet sich inzwischen in privater Hand und wird unter dem Namen Forstgut Eickhof forstwirtschaftlich genutzt. Einige Gebäude wurden vermietet, auf Teilen des Geländes entstand ein Solarpark. Darüber hinaus existieren Pläne für Windkraftanlagen.
Trotz dieser neuen Nutzung bleibt Werk Tanne ein historisch bedeutsamer Ort. Die weitgehend erhaltenen Industrieanlagen, die Geschichte der Zwangsarbeit sowie die bis heute bestehenden Umweltbelastungen machen das ehemalige Sprengstoffwerk zu einem eindrucksvollen Mahnmal für die Folgen der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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