Gelenau. Die 1906 errichtete Aktienspinnerei in Gelenau ist einstiger Stolz der regionalen Textilindustrie – heute ist sie ein Sanierungsfall mit ungewisser Zukunft. Zerbrochene Fenster, durchfeuchtetes Mauerwerk und zunehmende Dachschäden setzen dem markanten Backsteinbau massiv zu. Bürgermeister Knut Schreiter warnt: Sollte das Dach einstürzen, sei das Gebäude kaum noch zu retten.
In den vergangenen Wochen hat sich der Zustand weiter verschärft. Fehlende Scheiben bieten Wind und Wetter freie Bahn, Frost und Feuchtigkeit beschleunigen den Substanzverlust. Mit jedem Monat steigen die Kosten – und das Risiko, dass am Ende nur der Abriss bleibt.
Industriegeschichte im Dornröschenschlaf
Die Aktienspinnerei versorgte einst Strumpfwirker mit Garn, zeitweise arbeiteten mehr als 400 Menschen an rund 50.000 Spindeln. Nach der Verstaatlichung in der DDR wurde der Betrieb Teil des VEB Feinspinnerei Erzgebirge, 1990 folgte die Schließung. Seitdem steht der Komplex leer.
Obwohl die Immobilie nicht der Gemeinde gehört, musste sie mehrfach eingreifen, um Gefahren für Passanten abzuwenden. Rückschnitt von Bewuchs, Sicherung loser Bauteile – rund 20.000 Euro an Arbeitsleistungen sind bislang geflossen. Für eine echte Rettung reicht das nicht.
Streit um Eigentum blockiert Lösung
2022 standen 50.000 Euro Fördermittel zur Sicherung bereit. Doch Kostenschätzungen von über 200.000 Euro für Gerüst und Dacharbeiten führten dazu, dass die Gemeinde das Geld zurückgab. Ohne Eigentum wollte man kein finanzielles Risiko eingehen.
Der Versuch, das Gebäude zu übernehmen, scheiterte bislang. Nachdem der Gemeinderat einen Kaufpreis von rund 130.000 Euro ablehnte, wurde die Immobilie für einen niedrigen vierstelligen Betrag weiterverkauft. Die Gemeinde zog ihr denkmalrechtliches Vorkaufsrecht – doch der Eigentumsübergang ist bis heute nicht vollzogen. Kontaktversuche blieben nach Angaben der Kommune erfolglos. Juristische Schritte werden geprüft.
Eigentümer kündigt Sicherung an
Der im Ausland lebende Eigentümer Hans Jieqing Liu erklärt per E-Mail, er wolle das Gebäude behalten und im Originalzustand bewahren. Vorrang habe eine Notsicherung – Reparaturen an Dach und Fenstern sowie die Beseitigung von Bewuchs. Dafür suche er eine verlässliche Firma vor Ort.
Doch die Zeit läuft. Bürgermeister Schreiter spricht von einem engen Zeitfenster: In drei Jahren, so seine Einschätzung, könne es zu spät sein. Zwischen ambitionierten Ideen für Loftwohnungen mit Gewerbeanteil und realem Substanzverlust steht die Aktienspinnerei nun an einem Wendepunkt – Symbol einer Industrieära, deren letzter Rest zu verschwinden droht.
