Oberschöneweide. Wo einst getanzt, gefeiert und Kino geschaut wurde, wächst heute der Verfall: Pilze durchbrechen den PVC-Boden, Putz hängt in Fetzen von der Decke, Feuchtigkeit hat den großen Saal in eine stille Ruine verwandelt. Mehr als 30 Jahre stand das ehemalige Kulturhaus an der Wilhelminenhofstraße im Berliner Südosten leer – ein Gebäude, das Speisesaal, Lazarett, Theater und Treffpunkt eines ganzen Viertels war und nach der Wende in Vergessenheit geriet.
Nun steht das Haus vor einem radikalen Neuanfang. Der Immobilienentwickler Trockland will das denkmalgeschützte Gebäude unter dem Namen „Wilhelmine“ bis 2028 in ein öffentlich zugängliches Ensemble aus Gastronomie, Hotel, Veranstaltungsräumen, Läden und Büros verwandeln. Herzstück bleibt der große Saal, dessen morbider Charme bewusst nicht vollständig getilgt werden soll. Architektin Claudia Kruschel-Bücker, spezialisiert auf Denkmalpflege, setzt auf behutsame Transformation statt glatter Sanierung. Verfall, so ihre Überzeugung, gehört zur Identität des Ortes und soll in Spuren sichtbar bleiben.
Das Projekt liegt in einem boomenden Umfeld. Rund um den HTW-Campus und das Behrens-Ufer entsteht ein neuer Berliner Innovationskorridor. Während moderne Neubauten wachsen, soll die Wilhelmine die industrielle und kulturelle Vergangenheit des Quartiers bewahren – und zugleich wirtschaftlich funktionieren. Der große Saal wird künftig vom Berliner Unternehmen Malzfabrik betrieben, weitere Flächen sind bereits größtenteils vermietet.
Die Erwartungen sind hoch, auch im Kiez. Viele Anwohner hoffen, dass das lange verschlossene Haus wieder zum Treffpunkt wird, wie es einst war. Die Wilhelmine soll kein Museumsstück sein, sondern ein lebendiger Ort – offen, zugänglich und fest im Viertel verankert. Ob dieser Balanceakt zwischen Denkmalschutz, Kommerz und Erinnerung gelingt, wird sich erst zeigen. Sicher ist: Der Verfall hat bald ausgedient, das nächste Kapitel dieses Hauses hat begonnen.
