Bad Rippoldsau-Schapbach. Einbrüche, Vandalismus und Polizeieinsätze – die ehemalige Schwarzwaldklinik im baden-württembergischen Bad Rippoldsau sorgt inzwischen aus den falschen Gründen für Schlagzeilen. Seit 14 Jahren steht der riesige Gebäudekomplex im Kreis Freudenstadt leer. Wo einst Kranke Heilung suchten und prominente Gäste kurten, ist heute ein verlassener Ort entstanden, der sinnbildlich für den Niedergang einer jahrhundertealten Erfolgsgeschichte steht.
Die Anfänge reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Mönche entdeckten damals die Heilkraft der mineralhaltigen Quellen im Wolftal. Über Jahrhunderte entwickelte sich Bad Rippoldsau zu einem renommierten Kurort, der weit über den Schwarzwald hinaus bekannt wurde. Einen entscheidenden Schub erhielt das Bad 1777, als die Familie Goeringer eine Kuranlage pachtete, aus der später die Schwarzwaldklinik hervorging.
Im 19. Jahrhundert erlebte das Bad seine Blütezeit. Als familiengeführtes Mineral- und Moorbad zog es internationale Berühmtheiten an. Johannes Brahms suchte hier Erholung, Victor Hugo und Rainer Maria Rilke ließen sich von der Landschaft inspirieren. Rilke schwärmte von den „lauteren Quellen“ und den Wäldern Rippoldsaus – Worte, die den Ruf des Kurortes in die Welt trugen.
Doch der Glanz verblasste früh. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam der Kurbetrieb nahezu vollständig zum Erliegen. Der mühsame Neuanfang scheiterte an sinkenden Gästezahlen. 1922 verkauften die Goeringers ihre Anteile – ein finanzielles Desaster, da die Inflation den Erlös entwertete. In den folgenden Jahrzehnten wechselten die Nutzungen häufig: Seminarbetrieb, französische Besatzung, Caritas, Ordensschwestern – eine klare Perspektive fehlte.
1977 eröffnete schließlich die Rippoldsauer Schwarzwaldklinik als Rehabilitationszentrum. Historische Gebäude waren modernen Zweckbauten gewichen. Doch der Neubeginn blieb ohne Erfolg. Der Betrieb galt als unpersönlich, der Konkurrenzdruck unter den Kurorten wuchs. Der Ortschronist sprach bereits Ende der 1970er-Jahre von einer „betonierten“ Anlage, der es an Charme fehle.
Der endgültige Niedergang folgte 1998 mit einem Großbrand, der nur mit massivem Einsatz gelöscht werden konnte. Zwar überlebten alle Patienten, doch der Wiederaufbau verschlang 13 Millionen D-Mark. Die wirtschaftlichen Folgen waren gravierend: Nach jahrelangen Problemen meldete die Betreibergesellschaft 2011 zum zweiten und letzten Mal Insolvenz an.
Heute ist die Schwarzwaldklinik ein sogenannter „Lost Place“. Auf rund 30.000 Quadratmetern wachsen Bäume aus Dachflächen, Fenster sind eingeschlagen, Eindringlinge hinterlassen Spuren der Verwahrlosung. Immer wieder muss die Polizei illegale Feiern auflösen. Der Mythos lebt jedoch weiter – nicht zuletzt durch einen Irrtum: Die bekannte Fernsehserie „Die Schwarzwaldklinik“ wurde nie hier gedreht. Die ikonischen Bilder entstanden im Glottertal, nicht in Bad Rippoldsau.
Was bleibt, ist ein eindrucksvolles Mahnmal für den Strukturwandel im Kurwesen – und für eine Klinik, deren Geschichte einst Weltruhm, heute aber Verfall bedeutet.
