Gleis 13 – Von Harald Kissinger

Foto: KI
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Der Bahnhof lag am Ende einer Nebenstrecke, die seit Jahren in keinem Fahrplan mehr auftauchte. Zwischen bewaldeten Hügeln und stillgelegten Gleisanlagen hatte das kleine Empfangsgebäude die Zeit beinahe unverändert überstanden. Die Fenster waren blind, der Putz blätterte von den Wänden und auf dem Bahnsteig wuchsen Birken zwischen den Pflastersteinen. Drei Gleise waren vollständig überwuchert, ein viertes endete nach wenigen hundert Metern im Wald. Ein fünftes Gleis führte hinter dem Bahnhof in Richtung eines Tunnels, der längst zugemauert worden war. Zumindest glaubten das die Menschen im nahe gelegenen Dorf. Von Gleis 13 sprach dort niemand gern. Es war auf keinem aktuellen Plan eingezeichnet und hatte offiziell nie existiert. Trotzdem erzählte man sich, dass manchmal nachts ein Zug dort hielt. Immer um 23.17 Uhr. Immer ohne Fahrplan. Und immer mit geschlossenen Türen.

Paul hielt solche Geschichten für Unsinn. Er arbeitete als Fotograf und war auf der Suche nach alten Bahnhöfen und vergessenen Bahnstrecken. Als er von dem verlassenen Bahnhof erfuhr, war sein Interesse sofort geweckt. Besonders die Geschichte vom geheimnisvollen Gleis 13 gefiel ihm. Sie klang nach einer typischen Dorflegende, die über Jahrzehnte immer weiter ausgeschmückt worden war. An einem kalten Novemberabend fuhr er zum Bahnhof. Der Himmel war wolkenverhangen, leichter Regen lag in der Luft. Paul stellte seinen Wagen auf dem alten Parkplatz ab und ging mit seiner Kamera über den verwilderten Bahnsteig. Der Bahnhof wirkte im letzten Tageslicht beinahe friedlich. Über dem Eingang hing noch eine alte Bahnhofsuhr, deren Zeiger bei 23.17 Uhr stehen geblieben waren.

Paul fotografierte die Uhr und bemerkte erst danach ein rostiges Schild hinter dem Bahnhofsgebäude. Darauf stand: Gleis 13. Dahinter führte ein überwucherter Bahnsteig zwischen dicht stehenden Bäumen in den Wald. Paul runzelte die Stirn. Auf keinem der alten Pläne, die er vor seinem Besuch eingesehen hatte, war ein dreizehntes Gleis verzeichnet. Trotzdem folgte er dem Bahnsteig. Je weiter er ging, desto dichter wurde der Wald. Die Schienen waren fast vollständig von Moos bedeckt, doch zwischen den Bäumen konnte Paul erkennen, dass sie noch immer weiterführten. Nach etwa zweihundert Metern entdeckte er ein altes Wartehäuschen. Die Scheiben waren zerbrochen, eine Bank lag umgestürzt auf dem Boden. An der Rückwand hing ein vergilbter Fahrplan. Die Schrift war kaum noch zu entziffern, doch eine Verbindung war deutlich erkennbar: 23.17 Uhr – Zug nach Nordtal. Darunter stand: Letzter Halt.

Paul machte ein Foto von dem Fahrplan. In diesem Moment hörte er hinter sich ein entferntes Pfeifen. Er drehte sich um, konnte zwischen den Bäumen aber nichts erkennen. Wenige Sekunden später ertönte das Pfeifen erneut, diesmal deutlich näher. Paul sah auf seine Uhr. Es war 23.11 Uhr. Er versuchte sich einzureden, dass das Geräusch von einem Fahrzeug oder vielleicht einem weit entfernten Zug stammen musste. Doch dann begann das alte Wartehäuschen zu vibrieren. Die Schienen unter seinen Füßen klirrten, und aus dem Wald drang ein dumpfes Dröhnen. Zwischen den Bäumen erschienen zwei Lichtpunkte. Scheinwerfer. Ein Zug kam auf Gleis 13 zu.

Die Lokomotive war alt, eine schwere Diesellokomotive mit dunkler, verwitterter Lackierung. Dahinter folgten mehrere Personenwagen, deren Bauart aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen schien. Der Zug fuhr langsam an Paul vorbei. Kein Motor war zu hören, kein Quietschen der Räder, nur das gleichmäßige Klacken der Schienenstöße. Hinter den Fenstern saßen Menschen. Hunderte, vielleicht mehr. Alle blickten geradeaus. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Dann blieb der Zug stehen. Direkt vor Paul. Mit einem leisen Zischen öffneten sich die Türen.

Paul hätte weglaufen sollen. Stattdessen ging er näher. Auf dem Bahnsteig stand ein Schaffner. Er trug eine dunkelblaue Uniform, eine alte Schirmmütze und hielt eine Lochzange in der Hand. Sein Gesicht war auffallend blass und eingefallen. „Fahrkarte?“, fragte er. Paul schüttelte den Kopf. „Ich will nicht mitfahren.“ Der Schaffner sah ihn lange an. Dann sagte er: „Das sagen sie alle.“ Hinter ihm lagen die Wagen im Dunkeln. Plötzlich ging irgendwo im Zug eine einzelne Lampe an. Paul blickte in einen der Wagen und sah eine Frau, die ein kleines Kind auf dem Schoß hielt. Er kannte diese Frau nicht persönlich, aber er kannte ihr Gesicht. Es war auf einem alten Foto abgebildet gewesen, das er wenige Wochen zuvor in einem Archiv gesehen hatte. Eine Aufnahme von einem Zugunglück aus dem Jahr 1974. Damals war auf dieser Strecke ein Zug entgleist. Mehr als fünfzig Menschen waren ums Leben gekommen.

Paul wich zurück. „Was ist das hier?“ Der Schaffner hob langsam seine Lochzange. „Der letzte Zug.“ Paul starrte ihn an. „Wohin fährt er?“ Der Mann sah in Richtung des dunklen Waldes. „Dorthin, wo er damals hätte ankommen sollen.“ Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

Paul rannte. Er hörte den Schaffner nicht hinter sich, nur das dumpfe Schließen der Türen und das langsame Anfahren des Zuges. Er erreichte das Bahnhofsgebäude und schlug die Eingangstür hinter sich zu. Keuchend lehnte er sich gegen die Wand und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Vielleicht hatte er sich alles nur eingebildet. Vielleicht war der Zug eine historische Sonderfahrt gewesen. Vielleicht gab es für alles eine vernünftige Erklärung. Dann hörte er die alte Bahnhofsuhr schlagen.

Einmal. Zweimal.

Paul sah nach oben. Die Zeiger standen nicht mehr auf 23.17 Uhr. Sie bewegten sich langsam rückwärts. 23.16. 23.15. 23.14. Dann blieb die Uhr stehen. 23.13 Uhr. Im selben Augenblick hörte Paul ein leises Klopfen. Es kam aus dem alten Fahrkartenschalter. Er ging näher und blickte durch die staubige Scheibe. Dahinter stand plötzlich ein Mann. Ein alter Bahnbeamter in einer Uniform, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr getragen wurde.

„Sie haben den Zug gesehen“, sagte der Mann.

Paul brachte kein Wort hervor.

Der Bahnbeamte nickte langsam. „Dann wird er morgen wiederkommen.“

„Warum?“

Der Mann sah auf die Uhr.

„Weil einer fehlt.“

Am nächsten Morgen fand ein Förster Pauls Kamera auf dem Bahnsteig. Von Paul selbst fehlte jede Spur. Die Polizei suchte den Bahnhof und das umliegende Waldgebiet ab, doch sie fanden weder eine Leiche noch Kleidung oder andere persönliche Gegenstände. Nur die Kamera blieb zurück. Auf der Speicherkarte befanden sich 64 Aufnahmen. Die ersten zeigten den verlassenen Bahnhof, das Wartehäuschen und die überwucherten Gleise. Danach folgten Bilder des Zuges. Auf einem war der Schaffner zu sehen, auf einem anderen die reglosen Passagiere hinter den Fenstern. Das letzte Foto war verwackelt.

Es zeigte den Eingang des ersten Wagens.

Im Türrahmen stand Paul.

Er trug seine Kamera um den Hals und blickte direkt in die Dunkelheit des Zuges. Hinter ihm standen die Passagiere. Alle sahen in dieselbe Richtung. Auf der Rückseite der Kamera fand die Polizei später einen alten Papierfahrschein. Darauf stand: Gleis 13 – 23.17 Uhr. Eine Fahrt. Kein Rückweg.

Seitdem wird der Bahnhof nachts von den Menschen aus dem Dorf gemieden. Doch manchmal, wenn Nebel zwischen den Bäumen liegt und kein Wind geht, hört man tief im Wald ein entferntes Pfeifen. Dann beginnt die alte Bahnhofsuhr wieder zu laufen. Wer genau hinsieht, kann für einen kurzen Moment ein dreizehntes Gleis erkennen, das zwischen den Bäumen verschwindet. Dort steht ein Zug. Die Türen sind geöffnet, die Innenbeleuchtung brennt und irgendwo im ersten Wagen wartet ein freier Sitzplatz.

Für den nächsten Fahrgast.

Harald Kissinger

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