Hoch oben im Harz gibt es Wälder, in denen der Nebel selbst an sonnigen Tagen lange zwischen den Bäumen hängen bleibt. Dort, wo die alten Fichten dicht an dicht stehen und der Boden unter einer dicken Schicht aus Nadeln und Moos verschwindet, liegt ein Gebäude, das seit Jahrzehnten niemand mehr braucht. Das Sanatorium steht auf einer Anhöhe über einem kleinen Tal. Früher kamen Menschen hierher, um sich zu erholen. Die Höhenluft sollte ihren Lungen guttun, die Ruhe den Nerven. Auf alten Fotografien sieht man Patienten in Liegestühlen vor dem Gebäude, Ärzte mit weißen Kitteln und Krankenschwestern, die vor der breiten Eingangstreppe stehen. Es wirkt beinahe idyllisch. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Die Fenster sind zerbrochen, der Putz fällt von den Fassaden und die Natur hat sich das Grundstück zurückgeholt. Birken wachsen aus den Dachrinnen, Efeu klettert über die Mauern und im ehemaligen Kurpark stehen die Bäume so dicht, dass man das Gebäude erst bemerkt, wenn man bereits davorsteht.
Die Menschen aus dem nächsten Ort erzählen sich, dass man nachts manchmal eine Klingel hört. Eine alte Patientenklingel, dreimal hintereinander. Niemand weiß genau, woher die Geschichte stammt. Manche behaupten, sie gehe auf eine Patientin zurück, die in den siebziger Jahren in dem Sanatorium gestorben sein soll. Andere halten das Ganze für eine jener Geschichten, die sich an verlassenen Orten fast zwangsläufig entwickeln. Jonas glaubte jedenfalls nicht daran. Er fotografierte seit einigen Jahren verlassene Gebäude und wusste, dass Lost Places ihre eigenen Geräusche erzeugen. Wind bewegte lose Türen, alte Rohre knackten und Regen tropfte durch beschädigte Dächer. Ein Gebäude, das seit Jahrzehnten leer stand, konnte sich durchaus so anhören, als würde es noch leben.
Zimmer 214
An einem Novembernachmittag fuhr Jonas zum Sanatorium. Es war bereits dunkel, als er den alten Forstweg erreichte. Nebel lag zwischen den Bäumen und nahm den letzten Rest Tageslicht aus dem Wald. Jonas nahm seine Kamera, eine Taschenlampe und seinen Rucksack und ging das letzte Stück zu Fuß. Nach etwa einer Stunde tauchte das Sanatorium plötzlich vor ihm auf. Es war größer, als er erwartet hatte: vier Stockwerke hoch, mit einem langen Mitteltrakt und zwei Seitenflügeln. Die Fassade war von schwarzen Wasserläufen gezeichnet, Birken wuchsen aus den Dachrinnen und in einigen zerbrochenen Fenstern hingen noch Gardinen, die sich im Luftzug bewegten.
Im Inneren roch es nach feuchtem Holz, Schimmel und kalter Erde. Eine breite Treppe führte in die oberen Stockwerke, an den Wänden hingen noch alte Schilder mit Aufschriften wie „Behandlungsräume“, „Krankengymnastik“ und „Station II“. Im ersten Stock entdeckte Jonas einen langen Stationsflur mit zahlreichen verlassenen Patientenzimmern. Die Türen standen offen, die Tapeten lösten sich von den Wänden und unter seinen Schuhen knirschte Glas. Dann blieb er vor einer Tür stehen. Über ihr war noch deutlich die Zahl 214 zu erkennen.
Jonas hob die Kamera und fotografierte die Tür. In diesem Moment hörte er ein leises Geräusch. Eine Klingel. Er hielt inne und lauschte. Wenige Sekunden später ertönte sie erneut, diesmal deutlicher. Schließlich folgte ein drittes Klingeln. Jonas blickte den dunklen Flur hinunter, konnte aber niemanden sehen. Er wartete einige Sekunden, dann hörte er das Geräusch erneut – diesmal schien es direkt aus Zimmer 214 zu kommen.
Die Tür ließ sich überraschend leicht öffnen. Dahinter lag ein fast vollständig leergeräumtes Patientenzimmer. Ein altes Bett stand an der Wand, daneben ein kleiner Nachttisch. Über dem Bett hing eine verrostete Metallklingel, deren Kabel irgendwo in der Wand verschwand. Jonas leuchtete sie mit der Taschenlampe an und fotografierte sie. Als er sich umdrehte, bemerkte er auf dem Nachttisch ein dünnes, vergilbtes Heft. Es war ein Patientenprotokoll.
Der Name der Patientin lautete Elisabeth Kramer, 32 Jahre alt, Aufnahme am 4. November 1973, Zimmer 214. Die letzten Einträge waren handschriftlich und wurden zunehmend kürzer. „Patientin klagt über Stimmen im Nebel.“ Danach: „Patientin behauptet, nachts eine Frau auf dem Flur zu sehen.“ Der nächste Eintrag lautete: „Patientin weigert sich, Zimmer zu verlassen.“ Der letzte Satz war kaum lesbar: „Patientin heute Nacht verstorben.“ Jonas blätterte weiter. Auf der folgenden Seite stand nur noch ein später hinzugefügter Vermerk: „Zimmer wird nicht mehr belegt.“ Darunter, offenbar Jahre später geschrieben, fanden sich vier Worte: „Warum klingelt es weiterhin?“
Der Nebel kommt
Als Jonas das Gebäude verlassen wollte, war es draußen vollständig dunkel geworden. Der Nebel hatte sich inzwischen so dicht zwischen den Bäumen gesammelt, dass die Umgebung nur noch wenige Meter weit zu erkennen war. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in die weiße Wand und suchte den Weg, auf dem er gekommen war. Vergeblich. Schließlich beschloss er, noch einmal ins Gebäude zurückzugehen, bis der Nebel sich etwas lichtete.
Kaum hatte er den Eingangsbereich betreten, hörte er die Klingel wieder. Diesmal kam das Geräusch aus dem oberen Stockwerk. Jonas blieb stehen und lauschte. Nach wenigen Sekunden ertönte es erneut. Er stieg die Treppe hinauf und folgte dem Geräusch bis in den zweiten Stock. Zimmer 214 stand offen.
Auf dem Bett saß eine Frau.
Jonas blieb mitten im Flur stehen. Die Frau trug ein weißes Nachthemd und hatte langes dunkles Haar, das ihr über die Schultern fiel. Zunächst dachte Jonas, jemand müsse sich einen makabren Scherz erlaubt haben. Dann bewegte sich die Frau langsam und drehte den Kopf zu ihm.
Ihr Gesicht war auffallend blass. Nicht alt, nicht entstellt, sondern jung. Vielleicht Anfang dreißig.
„Sie haben die Klingel gehört“, sagte sie.
Jonas brachte zunächst kein Wort hervor. Schließlich fragte er, wer sie sei. Die Frau antwortete nicht direkt. Stattdessen sah sie an ihm vorbei in den Flur und sagte leise: „Sie müssen gehen.“
„Warum?“
Die Frau sah ihn nun direkt an. „Weil sie gleich kommen.“
Die Nacht von 1973
Im selben Augenblick vernahm Jonas Schritte auf dem Flur. Er drehte sich um und sah eine Gestalt am anderen Ende des Korridors. Eine Krankenschwester stand dort, reglos, in einer altmodischen weißen Uniform. Hinter ihr erschien ein Mann im Arztkittel. Dann weitere Personen. Patienten. Männer und Frauen, einige ältere, andere kaum älter als Kinder. Alle trugen Kleidung, die aussah, als stammte sie aus einer längst vergangenen Zeit.
Niemand sprach.
Die Frau auf dem Bett beugte sich leicht nach vorn. „Wenn sie anfangen zu zählen, dürfen Sie nicht antworten.“
Jonas verstand die Warnung nicht. „Wer sind diese Menschen?“
Die Frau sah ihn mit einem Ausdruck an, der beinahe Mitleid war. „Die, die nie gegangen sind.“
Dann begann jemand im Flur zu zählen.
„Eins.“
Die Stimme klang männlich und erstaunlich ruhig.
„Zwei.“
Die Gestalten drehten gleichzeitig ihre Köpfe.
„Drei.“
Jonas wich zurück.
„Vier.“
Er sah noch einmal zu der Frau auf dem Bett. Doch dort war niemand mehr.
Die Treppe
Jonas rannte. Er stürmte die Treppe hinunter, während hinter ihm weiterhin gezählt wurde. Die Schritte der Gestalten blieben ruhig und gleichmäßig, kamen aber unaufhaltsam näher. Im Erdgeschoss angekommen, wollte Jonas zur Eingangstür. Doch dort, wo sie gewesen war, befand sich nun eine massive Wand.
Er riss seine Taschenlampe hoch und rannte durch einen Seitengang. Eine Tür führte in einen alten Aufenthaltsraum, eine weitere in ein Behandlungszimmer. Doch egal, welchen Weg er nahm, er landete immer wieder auf demselben Flur. Zimmer 201, 202, 203 – und schließlich 214.
Die Tür stand diesmal geschlossen vor ihm.
Jonas blieb stehen. Hinter ihr war jemand.
Er hörte deutlich einen Atemzug.
Dann ertönte die Klingel.
Kling.
Jonas wich zurück.
Kling.
Die Tür begann sich langsam zu öffnen.
Kling.
Aus dem dunklen Zimmer kam eine Stimme.
„Acht.“
Der Morgen
Am nächsten Morgen fand ein Förster Jonas‘ Rucksack am Waldrand. Seine Kamera lag wenige Meter daneben. Von Jonas selbst fehlte jede Spur. Die Polizei suchte mehrere Tage lang das Sanatorium und das umliegende Waldgebiet ab, doch sie fanden weder eine Leiche noch Kleidung oder Fußspuren. Nur die Kamera blieb zurück.
Auf der Speicherkarte befanden sich 126 Aufnahmen. Die ersten zeigten das verlassene Sanatorium, die verwitterten Flure und die alten Patientenzimmer. Danach änderten sich die Bilder. Auf einem Foto war die Tür von Zimmer 214 zu sehen. Auf dem nächsten stand eine Frau im weißen Nachthemd darin. Auf einem weiteren waren mehrere Menschen auf dem Flur zu erkennen.
Das letzte Foto zeigte Jonas selbst.
Er stand vor Zimmer 214 und blickte direkt in die Kamera. Hinter ihm war die Krankenschwester zu sehen, neben ihm der Arzt. Auf dem Bett saß Elisabeth Kramer. Auf der Rückseite des ausgedruckten Bildes stand später ein Satz, den niemand erklären konnte:
„Neuer Patient aufgenommen.“
Drei Klingeln
Das Sanatorium wurde einige Jahre später endgültig geschlossen. Die Fenster wurden zugemauert, der Zugang zum Gelände gesperrt und das Gebäude dem Verfall überlassen. Die Geschichte von Zimmer 214 geriet langsam in Vergessenheit.
Bis ein Bauarbeiter bei einer Begehung des Gebäudes eines Morgens die alte Patientenklingel entdeckte. Das Kabel war längst durchtrennt, die Leitung endete irgendwo in der Wand und die gesamte Anlage war seit Jahrzehnten ohne Strom. Trotzdem ertönte die Klingel, während der Mann davorstand.
Einmal.
Dann ein zweites Mal.
Und schließlich ein drittes Mal.
Der Bauarbeiter meldete den Vorfall seinem Kollegen, der ihm zunächst nicht glaubte. Bis auch er die drei Klingelzeichen hörte.
Seitdem geht niemand mehr allein in das Gebäude. Wer nachts durch den Wald unterhalb des Sanatoriums läuft, erzählt jedoch manchmal von einem Licht, das oben im zweiten Stock brennt. Hinter dem Fenster von Zimmer 214 steht dann eine Gestalt. Manchmal soll es eine Frau sein, manchmal ein Mann. Und manchmal ist nur ein Schatten zu erkennen.
Doch immer, kurz bevor der Nebel das Sanatorium vollständig verschluckt, sind drei Klingelzeichen zu hören.
Als würde irgendwo im Gebäude noch immer jemand auf den nächsten Patienten warten.
Harald Kissinger
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