Der Nebel kroch wie kalte Finger durch die Fichten, als Sarah und Tom das rostige Eisentor erreichten. Seit Monaten hatten sie in einschlägigen Lost Places-Foren nach den Koordinaten gesucht. Ein Magazin hatte vor Jahren einmal vage über die Anlage berichtet – eine Anlage, die auf keiner offiziellen Karte existierte. Ein Sanitätsbunker aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, tief verborgen im Wald von Sankt Valentin, Schauplatz von Experimenten, über die man im Dorf bis heute nur im Flüsterton sprach.
„Sicher, dass wir das tun wollen?“, fragte Tom und ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den von Moos überwucherten Betonklotz gleiten. Das Bauwerk wirkte wie ein gestrandetes Urzeitmonster, halb von der Erde verschlungen.
Sarah knipste ihre Kamera an. „Deshalb sind wir hier, Tom. Stell dir die Fotos vor.“
Sie zwängten sich durch eine schmale Lücke, wo das Mauerwerk nachgegeben hatte. Sofort schlug ihnen der Geruch von Moder, saurem Beton und einer unbestimmbaren, metallischen Süße entgegen. Die Kälte hier drinnen war anders als draußen – sie schien nicht von der Luft, sondern aus den Wänden selbst zu kommen.
Ihre Schritte hallten auf dem nassen Boden, während sie tiefer in das Labyrinth aus Gängen vordrangen. Überall hingen von der Decke verrostete Rohre wie herabgestürzte Gedärme. An den Wänden blätterte die grüne Farbe ab, legte alte, verblasste Warnschriften in Sütterlin frei. Gasschutz, Ruhe bewahren.
Tom blieb vor einer schweren Stahltür stehen. Sie war einen Spaltbreit geöffnet. Darüber war mit roter Farbe ein Kreuz gemalt worden – hastig, fast panisch. „Hier wurden die Infizierten isoliert“, murmelte er und erinnerte sich an die Foreneinträge. „Als die Rote Armee anrückte, haben die Ärzte die Türen von außen verschweißt. Mit den Patienten noch drin.“
„Das sind nur Legenden“, sagte Sarah, doch ihre Stimme zitterte leicht. Sie hob die Kamera und trat in den Raum.
Der Strahl ihrer Lampe erfasste ein umgestürztes eisernes Bettgestell, verrottete Lederriemen, die noch immer am Metall hingen, und verstaubte Glasampullen auf dem Boden. Ein stechender Geruch nach verbranntem Gummi stieg ihr in die Nase.
Plötzlich erstarb das Summen von Toms Taschenlampe. Dunkelheit schluckte sie, nur das kleine Display von Sarahs Kamera spendete noch ein schwaches, bläuliches Licht.
„Tom, mach keinen Scheiß“, flüsterte Sarah.
„Ich bin das nicht“, kam seine Stimme von links. „Die Batterien waren nagelneu.“
In der plötzlichen Stille des Bunkers begann das Holz zu arbeiten – oder so redeten sie es sich ein. Doch dann war da noch etwas anderes. Ein rhythmisches, leises Scharren. Wie Fingernägel, die über nackten Beton kratzen.
Sarahs Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie hob die Kamera und betätigte den Auslöser. Der Blitz erhellte den Raum für den Bruchteil einer Sekunde. Auf dem Display sah sie das Bild: Das Bett, die Ampullen – und im Hintergrund, in der dunkelsten Ecke des Raumes, die schemenhafte Silhouette einer Gestalt, deren Kopf unnatürlich zur Seite geneigt war.
„Tom“, hauchte sie, unfähig sich zu bewegen. „Wir müssen weg. Sofort.“
Ein metallisches Quietschen riss sie aus der Starre. Die schwere Stahltür, durch die sie gekommen waren, bewegte sich. Langsam, als würde sie von unsichtbarer Hand gezogen, fiel sie ins Schloss. Das dumpfe, endgültige Klack des Verriegelungsmechanismus hallte durch die Finsternis wie ein Todesurteil.
Und aus der Ecke des Raumes begann ein leises, heiseres Atmen.
Das heisere Atmen kam näher, zog eine Spur aus eiskalter Luft hinter sich her. Tom warf sich mit seinem gesamten Körpergewicht gegen die schwere Stahltür. Er rüttelte am verrosteten Griff, doch der Mechanismus saß bombenfest.
„Sarah, leuchte mir!“, schrie er, seine Stimme überschlug sich vor Panik.
Sarah hob mit zitternden Händen die Kamera. Der Autofokus surrte hilflos im Dunkeln, das rote Hilfslicht flackerte wie ein sterbender Stern. Wieder drückte sie den Auslöser. Der Blitz schnitt durch die Dunkelheit.
Für das Auge war das Bild zu schnell weg, doch das Nachleuchten auf der Netzhaut brannte sich ein: Die Gestalt stand nun nicht mehr in der Ecke. Sie war nur noch zwei Meter von ihnen entfernt. Ein Kittel, der in fetzenartigen Streifen vom ausgezehrten Körper hing, das Gesicht unter vergilbten Mullbinden verborgen. Wo die Augen hätten sein sollen, gähnten zwei pechschwarze Löcher.
„Sie brennen“, flüsterte eine Stimme. Sie kam nicht von der Gestalt. Sie schien direkt aus den feuchten Betonwänden zu dringen, ein tausendfaches, ersticktes Flüstern. „Sie brennen uns weg.“
Der Geruch nach verbranntem Gummi schlug in den beißenden Gestank von verwestem Fleisch und Rauch um. Plötzlich verstand Sarah die historischen Fragmente, die sie in den alten Archiven von Sankt Valentin gefunden hatte. Es waren keine medizinischen Experimente gewesen, um zu heilen. Als die Front kollabierte und die Evakuierung fehlschlug, hatte die Führung des Bunkers beschlossen, keine Zeugen der geheimen Forschung zurückzulassen. Sie hatten die Krankenstation nicht nur verschweißt – sie hatten sie durch die Belüftungsschächte mit Flammenwerfern in ein Krematorium verwandelt.
Die Luft im Raum wurde schlagartig heiß. Trockene, sengende Hitze ließ Sarahs Haut spannen. Das Atmen fiel schwerer, als würde der Sauerstoff tatsächlich knapp.
Tom hämmerte verzweifelt mit einer weggeworfenen Eisenstange gegen das Schloss der Tür. Funken spritzten auf. „Es klemmt! Hilf mir lieber, anstatt zu starren!“
Die Bandagen-Gestalt hob den Arm. Knochen knackten laut in der Stille, als sie die Hand nach Sarah ausstreckte. An den Fingerspitzen schimmerten keine Nägel, sondern nackter, geschwärzter Knochen – abgewetzt vom jahrzehntelangen Kratzen an den Wänden.
„Tom!“, kreischte Sarah. Sie tat das Einzige, was ihr in ihrer Todesangst einfiel. Sie stellte die Kamera auf Dauerblitz.
Das Stroboskoplicht zerriss die Dunkelheit im Sekundentakt. Blitz. Die Gestalt weichte einen Schritt zurück, hielt den verbrannten Arm schützend vor die Augenhöhlen. Blitz. Sie stieß einen lautlosen, gequälten Schrei aus. Das Licht schien die jahrzehntealte Finsternis, in der das Wesen gefangen war, physisch zu verletzen.
„Ich hab’s!“, brüllte Tom. Mit einem metallischen Kreischen gab der Riegel nach. Er riss die Tür auf.
Sarah wartete nicht. Sie rannte los, schoss an Tom vorbei in den korridorartigen Gang des Bunkers. Hinter ihnen kollabierte das flüsternde Echo in ein wütendes, ohrenbetäubendes Kreischen, das den Beton zum Beben brachte.
Sie rannten, ohne nach links oder rechts zu blicken, vorbei an den verrosteten Rohren, den Sütterlin-Inschriften, blindlings dem schwachen, grauen Tageslicht entgegen, das durch die Einsturzstelle am Eingang drang.
Keuchend und von oben bis unten mit Schlamm und Ruß bedeckt, stürzten sie aus dem Betonklotz in den nebligen Wald von Sankt Valentin. Sie hielten nicht an, bis sie Toms Auto erreichten. Keiner von ihnen sagte ein Wort, als Tom den Motor aufheulen ließ und die Reifen auf dem Schotterweg durchdrehten.
Erst Stunden später, in der Sicherheit ihrer Wohnung, wagte Sarah es, die Speicherkarte der Kamera in den Laptop zu schieben. Sie musste wissen, ob die Angst ihre Sinne getäuscht hatte.
Sie klickte sich durch die Bilder. Das umgestürzte Bett. Die Ampullen. Der Blitz, der die Gestalt im Kittel traf. Auf dem letzten Foto, kurz vor der Flucht, war die Kammer leer. Doch auf der Innenseite der frisch geöffneten Stahltür, direkt neben Toms Handabdruck im Staub, waren frische, blutige Schleifspuren zu sehen.
Und ganz unten im Display des Laptops flackerte eine neue Textdatei auf, die Sarah nie angelegt hatte. Ihr Titel bestand aus nur einer einzigen Zeile: Danke für das Licht. Wir wissen jetzt, wo der Ausgang ist.
Harald Kissinger
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