Das Riverside Hospital, Typhus-Mary und die Havarie

Foto: reivax/CC BY-SA 2.0
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Mitten im East River, zwischen den Stadtteilen Bronx und Queens, liegt ein Ort, der kaum bekannter sein könnte – und gleichzeitig nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist: North Brother Island. Heute unzugänglich und vom dichten Grün überwuchert, war die kleine Insel über Jahrzehnte ein Ort der Abschottung, des Leids und der Tragödien. Die Ruinen des ehemaligen Riverside Hospital zeugen noch immer von der bewegten und oft düsteren Vergangenheit der Insel.

Ein Krankenhaus im Dienste der Isolation

1885 übernahm die Stadt New York die Insel und errichtete dort ein Quarantänekrankenhaus – eine Reaktion auf die zunehmende Bedrohung durch hochansteckende Krankheiten wie Pocken, Typhus und Tuberkulose. Die abgeschiedene Lage im Fluss schien ideal, um Infizierte von der Bevölkerung zu isolieren. Patienten, Personal und Versorgungsgüter gelangten ausschließlich per Boot auf die Insel. Überbelegung, schlechte hygienische Zustände und unzureichende medizinische Ausrüstung waren Alltag – insbesondere während großer Epidemien, wie jener im Jahr 1892, als über 1.300 Erkrankte auf der Insel untergebracht waren, viele von ihnen in Notzelten.

Mary Mallon – die „Typhus-Mary“

Eine der bekanntesten Patientinnen des Krankenhauses war Mary Mallon, besser bekannt als Typhus-Mary. Die aus Irland stammende Köchin war die erste identifizierte „Dauerausscheiderin“ von Typhus in den Vereinigten Staaten. Obwohl sie selbst nie Symptome zeigte, infizierte sie zahlreiche Menschen. Nach ihrer ersten Quarantäne auf North Brother Island wurde sie erneut freigelassen – doch eine weitere Ansteckungswelle führte dazu, dass sie auf Lebenszeit auf der Insel isoliert wurde. 1938 starb Mallon dort an einer Lungenentzündung.

Das Inferno der „General Slocum“

North Brother Island geriet 1904 erneut in den Fokus der Öffentlichkeit – diesmal aufgrund einer der schwersten zivilen Schiffskatastrophen der US-Geschichte. Der Ausflugsdampfer „General Slocum“ fing unweit der Insel Feuer. An Bord waren 1.388 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder deutsch-amerikanischer Herkunft, auf dem Weg zu einem Picknick. Marode Sicherheitseinrichtungen, unbrauchbare Löschschläuche und panikartige Zustände führten dazu, dass das Feuer nicht eingedämmt werden konnte. Der Kapitän, der zu spät informiert wurde, steuerte die Insel an – doch für viele Passagiere war es zu spät. Mehr als 1.000 Menschen kamen ums Leben. Die meisten ertranken im East River, weil sie nicht schwimmen konnten oder durch defekte Schwimmwesten ertranken. Trotz nachgewiesener Versäumnisse blieben die Reeder weitgehend straffrei. Der Kapitän wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, aber nach drei Jahren wieder entlassen.

Von der Lungenheilstätte zur Suchtklinik

1943 errichtete man auf der Insel einen Tuberkulosepavillon, der allerdings nie wie geplant genutzt wurde. Stattdessen diente er zunächst als Notunterkunft für Studenten, später, ab 1952, als Suchtklinik für Jugendliche. Mit eigenen Fähren wurden bis zu 150 junge Menschen für einen kontrollierten Drogenentzug auf die Insel gebracht – eine Art abgeschottete Reha, um sie vom Gefängnissystem fernzuhalten.

Ein Ort des Verfalls – unter Naturschutz

1963 wurde die Suchtklinik geschlossen. Seither ist North Brother Island verlassen. Die Natur hat sich das Areal zurückerobert, Pflanzen überwuchern die verfallenen Gebäude, seltene Vogelarten haben dort ein Rückzugsgebiet gefunden. Das Betreten der Insel ist heute verboten – nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch zum Schutz des empfindlichen Ökosystems.

North Brother Island ist ein Spiegelbild der öffentlichen Gesundheitsgeschichte New Yorks – und ein Mahnmal für den Umgang mit Isolation, Krankheit, menschlichem Versagen und Vergessen. Die Insel bleibt ein geisterhaftes Kapitel inmitten der pulsierenden Metropole.

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