Schaurige Attraktion: Die Mumien von Palermo

Foto: Gmihail/CC BY-SA 3.0
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Unter einem unscheinbaren Kapuzinerkloster in der sizilianischen Hauptstadt liegt eine der faszinierendsten und zugleich verstörendsten Begräbnisstätten Europas: die Catacombe dei Cappuccini. Über 2000 Mumien ruhen in dieser weit verzweigten unterirdischen Anlage – aufrecht stehend, in Nischen liegend, in Särgen gebettet. Die Kapuzinergruft gilt als größte Mumiensammlung Europas und zieht seit Jahrhunderten Besucher, Forscher und Schaulustige gleichermaßen in ihren Bann.

Die Geschichte der Gruft beginnt 1599. Als Mönche begannen, Verstorbene aus einer alten Klostergruft umzubetten, entdeckten sie zufällig, dass sich die Körper in dem trockenen Untergrund ungewöhnlich gut konservierten. So wurde die Anlage zunächst zur exklusiven Ruhestätte für die Brüder des Ordens. Doch bald wollten auch Adlige, Ärzte, Offiziere und wohlhabende Bürger Teil dieser makabren Gemeinschaft werden. Sie spendeten hohe Summen an das Kloster, um ihren Platz in den Katakomben zu sichern – sichtbar, dauerhaft und als Memento mori der Lebenden.

Ein System der Ordnung – und der sozialen Stände

Die Gruft ist in fünf Hauptkorridore unterteilt, je einer für Männer, Frauen, Priester, Kapuzinermönche und Angehörige der palermitanischen Oberschicht – genannt Professionisti. Zwei weitere Nischen sind Kindern und unverheirateten Frauen gewidmet. Die Anordnung spiegelt die sozialen und religiösen Strukturen ihrer Zeit wider.

Die Körper, sorgfältig präpariert, stehen in Nischen oder hängen an Haken – viele mit Habits, Uniformen oder Sonntagsanzügen bekleidet. Die Gesichter erzählen Geschichten – von Krankheit, Krieg, Reichtum oder tiefer Frömmigkeit. Besonders bis ins 19. Jahrhundert war es üblich, Verstorbene in der Gruft jedes Jahr von ihren Angehörigen neu einkleiden zu lassen – ein Ritual zwischen Gedenken und Traditionspflege.

Das Gesetz und der Verfall

1837 wurde die Praxis der offenen Bestattung gesetzlich untersagt, doch erst 1881 endeten die letzten Beisetzungen. Ab diesem Zeitpunkt mussten Verstorbene zumindest in Särgen untergebracht werden. Heute ist die Gruft nicht nur ein touristischer Magnet, sondern auch akut gefährdet. Baumängel, eindringendes Wasser und hohe Luftfeuchtigkeit setzen den konservierten Leichnamen zu. Eisenhalterungen korrodieren, Teile der Anlage sind beschädigt – besonders der Frauengang, der 1943 bei einem Bombenangriff getroffen wurde und 1966 teilweise ausbrannte.

Wie es mit der Kapuzinergruft weitergeht, ist ungewiss. Zwar ist sie eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Palermos, doch der Erhalt erfordert erhebliche Investitionen – und einen verantwortungsvollen Umgang mit den Grenzen zwischen pietätvollem Gedenken und Schauobjekt.

Rosalia Lombardo – das Kind, das nicht altert

Besonders bekannt ist die Katakombe durch ein kleines Mädchen: Rosalia Lombardo. Sie starb 1920 mit nur knapp zwei Jahren an der Spanischen Grippe. Ihr Vater, ein wohlhabender Bürger, ließ sie entgegen des damals geltenden Bestattungsverbots in der Gruft einbalsamieren. Ihr Anblick berührt bis heute: Mit geschlossenen Lidern, fast lebendig wirkender Haut und blonden Haaren liegt sie in einem Glassarg – oft als „schönste Mumie der Welt“ bezeichnet. 2009 wurde das Geheimnis ihrer makellosen Erhaltung gelüftet: Der einbalsamierende Chemiker verwendete eine Mischung aus Formalin, Glycerin und Zinksulfat, die Rosalias Körper nahezu perfekt konservierte.

Zwischen Kulturerbe und Tabu

Für manche ist der Besuch der Gruft ein unvergesslicher Blick in die Vergangenheit – für andere eine moralische Gratwanderung. Doch die Toten, so betonen Historiker, hatten sich bewusst für diesen Weg entschieden. Sie wollten gesehen werden. Was uns heute als morbide erscheint, war einst Ausdruck von Status, Frömmigkeit und Verbundenheit über den Tod hinaus.

Die Katakomben von Palermo bleiben ein einzigartiges Zeugnis europäischer Totenkultur – und ein Ort, der auch in seiner Stille laut von Geschichte erzählt.

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