Fotograf macht Kioske zu Kultobjekten

Was zunächst aus einer spontanen Idee während der Corona-Zeit entstand, ist inzwischen zu einem umfangreichen fotografischen Projekt geworden. Der Herner Journalist und Autor Peter Hesse dokumentiert seit mehreren Jahren Trinkhallen im Ruhrgebiet – allerdings nicht die besonders schönen oder aufwendig sanierten Exemplare. Sein Blick richtet sich auf kaputte, improvisierte, schmucklose oder schlicht eigenwillige Büdchen. Unter dem augenzwinkernden Titel „Die hässlichsten Trinkhallen im Pott“ hat Hesse mittlerweile rund 1.000 Kioske fotografiert. Seine Aufnahmen zeigen damit nicht nur kuriose Gebäude, sondern auch ein Stück Ruhrgebiet im Wandel.

Die Bude an der Ecke wird zum Fotomotiv

Hesse begann während der Corona-Pandemie, mit der Kamera durch das Ruhrgebiet zu fahren. Aus kleinen Ausflügen entwickelte sich eine systematische Dokumentation. Er war in Städten und Stadtteilen unterwegs, fotografierte Trinkhallen in unterschiedlichen Zuständen und machte die Aufnahmen anschließend einem größeren Publikum zugänglich. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Betreiber oder ihre Geschäfte lächerlich zu machen. Vielmehr interessiert Hesse die Ästhetik des Unperfekten: verblichene Reklame, improvisierte Anbauten, ungewöhnliche Fassaden und die Spuren jahrzehntelanger Nutzung. Gerade die Gegensätze machen den Reiz seiner Bilder aus.

Zwischen Nostalgie und Strukturwandel

Die Fotografien erzählen gleichzeitig von der besonderen Rolle der Trinkhallen im Ruhrgebiet. Das Büdchen war über Jahrzehnte mehr als eine Verkaufsstelle. Es war Treffpunkt, Nachbarschaftszentrum und sozialer Kommunikationsort. Die ursprüngliche Funktion der Trinkhallen reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Aus Einrichtungen zur Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser entwickelten sich im Zuge der Industrialisierung die bekannten Kioske, an denen später Getränke, Süßigkeiten, Tabakwaren und andere Waren des täglichen Bedarfs verkauft wurden. Seit 2020 zählt die Trinkhallenkultur in Nordrhein-Westfalen zum immateriellen Kulturerbe.

Viele Büdchen kämpfen ums Überleben

Hinter den humorvollen Motiven steckt deshalb ein ernstes Thema. Die Zahl der Trinkhallen im Ruhrgebiet ist seit Jahrzehnten rückläufig. Tankstellen, Discounter und Supermärkte mit langen Öffnungszeiten machen den kleinen Kiosken Konkurrenz. Hinzu kommen steigende Kosten und die Tatsache, dass sich der klassische Verkauf von Getränken, Süßigkeiten und Tabakwaren für viele Betreiber wirtschaftlich kaum noch rechnet. Manche Büdchen werden deshalb aufgegeben, andere versuchen mit Paketdiensten oder zusätzlichen Angeboten zu überleben.

Hässlich ist hier ausdrücklich ein Kompliment

Der Begriff „hässlich“ ist bei Hesse deshalb mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Gerade die vermeintlich unattraktiven Trinkhallen besitzen häufig einen hohen Wiedererkennungswert. Ein Kiosk mit verblichenen Werbeschildern, ein improvisierter Verkaufsraum oder eine Bude zwischen heruntergekommenen Häuserfassaden kann mehr über einen Stadtteil erzählen als ein perfekt gestaltetes Neubauprojekt. Hesses Fotografien halten diese oftmals übersehenen Orte fest, bevor sie verschwinden.

Vom Instagram-Projekt zur Ausstellung

Aus den zunächst online veröffentlichten Bildern entwickelte sich längst eine Wanderausstellung. Die Fotografien waren bereits an mehreren Orten im Ruhrgebiet zu sehen. Auch in Mülheim wurden Hesses Arbeiten präsentiert. Inzwischen ist das Projekt deutlich größer geworden und hat Stationen in mehreren Städten erreicht. Die Resonanz zeigt, dass die ungewöhnliche Perspektive einen Nerv trifft. Denn viele Menschen verbinden mit der Trinkhalle persönliche Erinnerungen – an die Kindheit, den Fußballplatz, die Nachbarschaft oder die klassische „gemischte Tüte“.

Ein fotografisches Archiv des Ruhrgebiets

Hesses Projekt ist damit mehr als eine Sammlung kurioser Kioske. Die Fotografien dokumentieren einen Teil der Alltagsarchitektur des Ruhrgebiets, der zunehmend verschwindet. Während Fördertürme, Zechen und Industrieanlagen längst als bedeutende Zeugnisse der regionalen Geschichte anerkannt sind, stehen unscheinbare Trinkhallen häufig weniger im Fokus. Dabei gehören auch sie zur kulturellen Identität des Reviers. Die vermeintlich hässlichen Büdchen werden so zu Zeitzeugen. Ihre verblichenen Fassaden und improvisierten Verkaufsräume erzählen von einer Epoche, in der an fast jeder Ecke ein Kiosk zum alltäglichen Leben gehörte.

Zwischen Kult und Aussterben

Peter Hesses fotografische Reise zeigt damit einen bemerkenswerten Widerspruch: Gerade jene Trinkhallen, die auf den ersten Blick wenig attraktiv erscheinen, können besonders charakteristisch für das Ruhrgebiet sein. Solange die Büdchen noch existieren, sind sie Teil des alltäglichen Stadtbildes. Verschwinden sie, bleiben häufig nur Erinnerungen – und Fotografien. Hesses Projekt hält genau diesen Moment fest: die Schönheit des Unperfekten und zugleich den schleichenden Verlust einer regionalen Institution.

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