Wismar. Nach dem verheerenden Großbrand in der denkmalgeschützten ehemaligen Getränke- und Malzfabrik Wismaria in Wismar gibt es neue Entwicklungen. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hat einen Tatverdächtigen im Visier. Zeugenaussagen sollen die Ermittler auf die Spur der Person gebracht haben. Der Verdacht bezieht sich auf das erste Feuer, das am 18. Oktober 2026 in dem historischen Industriegebäude ausbrach. Zur Identität des Verdächtigen und zu einem möglichen Motiv machen die Behörden bislang keine Angaben. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Der Ermittlungserfolg ist allerdings nur ein erster Schritt. Denn wenige Tage nach dem Großbrand brannte es erneut auf dem Gelände. Für dieses zweite Feuer gibt es nach Angaben der Staatsanwaltschaft bislang keinen Tatverdächtigen. Ob zwischen den beiden Bränden ein Zusammenhang besteht, ist weiterhin offen.
Flammen zerstörten Dach und Zwischendecken
Der erste Brand brach nach bisherigen Erkenntnissen vermutlich im zweiten Obergeschoss aus. Von dort griffen die Flammen auf das dritte Obergeschoss und das Dach über. Rund 150 Einsatzkräfte verschiedener Feuerwehren waren mit den Löscharbeiten beschäftigt. Das Gebäude wurde schwer beschädigt; Teile stürzten während des Einsatzes ein. Die Schäden waren so gravierend, dass die Stadt Wismar einen Teilabriss veranlasste.
Die Folgen gingen über den Verlust historischer Bausubstanz hinaus. Wegen der Einsturzgefahr mussten Bereiche rund um die Ruine abgesichert werden. Auch die Verkehrswege in der Nähe waren betroffen: Während der Löscharbeiten wurde die Wismarer Hochbrücke zeitweise für den Personen- und Fahrzeugverkehr gesperrt, der Bahnverkehr musste ebenfalls unterbrochen werden. Die genaue Höhe des Sachschadens war zunächst nicht bezifferbar.
Zweites Feuer verschärft die Lage
In der Nacht zum 22. Oktober mussten Feuerwehr und Polizei erneut zur Wismaria ausrücken. Das zweite Feuer brach nach bisherigen Erkenntnissen an einer anderen Stelle des Gebäudekomplexes aus. Die Ermittler prüfen auch in diesem Fall den Verdacht der Brandstiftung. Während sich beim ersten Brand ein Tatverdächtiger herauskristallisiert hat, richten sich die Ermittlungen zum zweiten Feuer weiterhin gegen Unbekannt.
Die zeitliche Nähe der beiden Brände wirft Fragen auf. Eine abschließende Bewertung wäre jedoch verfrüht: Weder ist geklärt, ob dieselbe Person für beide Feuer verantwortlich sein könnte, noch ist ein gemeinsames Motiv bekannt. Die Ermittlungsbehörden halten sich mit weiteren Angaben zurück, solange die Untersuchungen laufen.
Ein Industriedenkmal mit bewegter Geschichte
Die Wismaria ist ein prägender Teil der Wismarer Industriegeschichte. Die ehemalige Malzfabrik wurde später in der DDR als VEB Wismaria für die Getränkeproduktion genutzt. Seit Jahrzehnten stand das Gebäude leer und verfiel zunehmend. Trotz des schlechten Zustands blieb die Fabrikruine als Zeugnis der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte der Hansestadt erhalten und stand unter Denkmalschutz.
Solche leerstehenden Industrieanlagen sind häufig besonders gefährdet. Fehlende Nutzung, aufgeschobene Instandhaltung und unzureichende Sicherung lassen die Bausubstanz über Jahre hinweg leiden. Zugleich können verlassene Gebäude zum Ziel von Vandalismus und unerlaubtem Betreten werden. Der Brand in Wismar zeigt auf drastische Weise, wie schnell ein ohnehin gefährdeter Bestand unwiederbringlich beschädigt werden kann.
Wie geht es mit der Brandruine weiter?
Nach dem Feuer steht die Stadt vor einer schwierigen Situation. Der Teilabriss war eine Reaktion auf die akute Einsturzgefahr und diente der Gefahrenabwehr. Was langfristig mit den verbliebenen Gebäudeteilen geschieht, ist eine davon getrennte Frage. Die strafrechtliche Aufklärung der Brände und die bauliche Zukunft des Denkmals müssen dabei parallel betrachtet werden.
Der Schaden ist bereits erheblich. Mit dem Verlust von Dach und Zwischendecken wurden wesentliche Teile des historischen Gebäudes zerstört. Ob und in welchem Umfang noch erhaltenswerte Substanz gesichert werden kann, hängt auch vom Zustand der verbliebenen Konstruktion ab. Eine denkmalgerechte Zukunftsperspektive wird dadurch erheblich schwieriger.
Der Fall Wismaria ist damit mehr als eine Brandmeldung. Er steht für die Verletzlichkeit historischer Industriegebäude, wenn sie über lange Zeit leer stehen und keine tragfähige Nutzungsperspektive erhalten. Die Ermittlungen müssen nun klären, wer für die Feuer verantwortlich ist. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie viel von diesem Stück Wismarer Industriegeschichte noch bewahrt werden kann.
