Hameln. Das Schicksal eines der markantesten Industrieareale Hamelns ist besiegelt. Die ehemaligen Wesermühlen, die seit mehr als einem Jahrzehnt leer stehen und das Hafenbild prägen, sollen abgerissen werden. Nachdem die Stadt Hameln den Komplex im Sommer 2024 erworben hatte, liegt nun ein entscheidender Zwischenschritt vor: Umfangreiche Schadstoffuntersuchungen sind abgeschlossen – mit einem überraschend positiven Ergebnis. Damit rückt der Abriss des lange verfallenen Wahrzeichens in greifbare Nähe.
Untersucht wurden sowohl das zwölfgeschossige Betriebsgebäude in der Ruthenstraße als auch die bis zu 61 Meter hohen Silotürme auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens. Vor allem die in den 1950er- und 1960er-Jahren häufig verwendeten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, die als gesundheitsgefährdend gelten, wurden nur in sehr geringen Konzentrationen nachgewiesen. Das vereinfacht die Entsorgung erheblich und senkt die Risiken für die geplanten Arbeiten deutlich.
Auf Grundlage dieser Ergebnisse bereitet die Stadt nun eine europaweite Ausschreibung für den Rückbau vor. Den Anfang soll das frühere Betriebsgebäude machen. Ab Spätsommer ist vorgesehen, das Bauwerk zunächst vollständig zu entkernen. Fenster, Leitungen, Elektrik, Dachmaterialien, Einbauten und verbliebene Schadstoffreste werden entfernt, bevor das Gebäude entweder mit schwerem Gerät abgetragen oder kontrolliert gesprengt wird. Parallel läuft derzeit noch eine faunistische Untersuchung. Sollten geschützte Tierarten wie Fledermäuse oder Turmfalken in dem Gebäude Quartier bezogen haben, sollen sie vor Beginn der Arbeiten in Ersatzlebensräume umgesiedelt werden.
Welche Abbruchmethode letztlich zum Einsatz kommt, entscheidet sich erst nach Eingang der Angebote spezialisierter Fachfirmen. Klar ist jedoch bereits jetzt: Der gesamte Prozess wird voraussichtlich rund ein Jahr dauern. Danach wird von Hamelns größtem Lost Place nichts mehr übrig sein.
Die Silobauten an der Wallbaumstraße sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Noch sind sie als Standorte für Mobilfunk- und Rundfunktechnik in Nutzung und damit unverzichtbar. Erst wenn hierfür Ersatz geschaffen ist, können auch diese markanten Türme weichen. Gedanklich spielt die Stadt bereits mit der Idee eines neuen Funkturms am Weserradweg, der zugleich touristisch genutzt werden könnte – etwa als Aussichtspunkt oder Rastplatz. Konkrete Planungen gibt es dafür bislang jedoch nicht.
Bevor die ersten Maschinen anrücken, steht noch eine weitere sicherheitsrelevante Prüfung an. Da Hafen- und Industrieflächen im Zweiten Weltkrieg häufig bombardiert wurden, wird das Landesamt für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen historische Luftbilder auswerten, um mögliche Blindgänger im Boden oder im Hafenbecken auszuschließen.
Die Geschichte der Wesermühlen ist geprägt von verpassten Chancen. Ein Schweizer Investor hatte das Areal 2016 übernommen und ambitionierte Nachnutzungskonzepte präsentiert, umgesetzt wurde davon jedoch nichts. Schon zuvor hatte die Vereinigte Kunstmühlen AG den Standort wirtschaftlich nicht mehr halten können. Seit 2011 schrieb der Betrieb Millionendefizite, 2015 wurden die Maschinen abtransportiert. Zurück blieb ein massiver Betonkomplex, der zunehmend verfiel und immer wieder Ziel von Vandalismus und Bränden wurde.
Mit dem Abriss soll nun ein Schlussstrich unter dieses Kapitel gezogen werden – und zugleich Raum für Neues entstehen. Die rund 15.000 Quadratmeter große Fläche gilt als Schlüsselareal für die Stadtentwicklung. Bereits seit Jahren denkt Hameln über ein Hafenquartier nach, das Wohnen, Arbeiten und Freizeit am Wasser verbindet. Oberbürgermeister Claudio Griese spricht von einem einmaligen Potenzial, wie es sonst nirgends im Stadtgebiet vorhanden sei. Nach dem Abriss der Wesermühlen könnte dieser Vision erstmals der Weg bereitet werden.
