Langenselbold. Der historische Wasserturm von Langenselbold ist derzeit kaum wiederzuerkennen. Ein grünes Sicherungsnetz verhüllt das markante Bauwerk auf dem Wingertskippel, Spanngurte halten die Konstruktion zusammen, ein Notdach schützt vor weiterer Witterung. Was zunächst nach einer überschaubaren Restaurierungsmaßnahme aussah, hat sich als deutlich größeres Problem entpuppt: Die Schäden am denkmalgeschützten Industriedenkmal sind umfangreicher als ursprünglich angenommen.
Risse, beschädigtes Dach und Probleme mit der Statik
Der Zustand des Wasserturms ist kritisch. Die Mauern weisen Risse auf, das Dach ist beschädigt und auch die Standsicherheit der Konstruktion ist betroffen. Um weitere Schäden zu verhindern, hat die Stadt Langenselbold das Bauwerk zunächst provisorisch sichern lassen. Netze, Spanngurte und ein Notdach sollen verhindern, dass sich der Zustand weiter verschärft. Eigentlich sollte bereits im Frühjahr 2025 ein Steinmetz mit Restaurierungsarbeiten beginnen. Bei der Vorbereitung zeigte sich jedoch, dass eine einfache Instandsetzung nicht ausreichen würde. Das tatsächliche Schadensbild erwies sich als wesentlich größer als zunächst angenommen. Daraufhin wurden zusätzlich ein Statiker und ein Restaurator eingeschaltet. Nun soll ein umfassendes Instandsetzungskonzept erarbeitet werden.
Wann die Sanierung beginnt, ist offen
Für das Baudenkmal bedeutet das zunächst: warten. Einen konkreten Termin für den Beginn der eigentlichen Sanierung nennt die Stadt bislang nicht. Auch wie lange das Umfeld des Wasserturms noch gesperrt bleiben muss, ist derzeit offen. Fest steht lediglich, dass der Turm dauerhaft erhalten werden soll. Eine Wiederöffnung des Inneren ist allerdings nicht vorgesehen. Das Gebäude bleibt damit auch nach einer Sanierung für die Öffentlichkeit geschlossen. Grund dafür ist unter anderem die bereits seit Jahrzehnten nicht mehr nutzbare Treppe im Inneren.
Ein Relikt der Wasserversorgung des Industriezeitalters
Der Wasserturm ist weit mehr als ein markantes Bauwerk auf einer Anhöhe. Seine Geschichte ist unmittelbar mit dem Ausbau der modernen Wasserversorgung verbunden. 1872 verkaufte die Gemeinde Langenselbold das Grundstück auf dem Wingertskippel an die Stadt Frankfurt. Dort entstand der Wasserturm als Bestandteil der damals neu gebauten Frankfurter Quellwasserleitung. Die Leitung führte Wasser aus dem Vogelsberg über die Abtshecke bis nach Frankfurt-Bornheim. Der Turm erfüllte dabei eine wichtige technische Funktion. Er diente zur Kontrolle und Entlüftung der Wasserleitung und ermöglichte über eine damals moderne Ventiltechnik den Druckausgleich. Im Fall eines Leitungsdefekts konnte die Wasserzufuhr zudem unterbrochen werden. Damit war der Turm Teil einer überregionalen Infrastruktur, die für die Versorgung der wachsenden Stadt Frankfurt von erheblicher Bedeutung war.
Vom technischen Bauwerk zum Industriedenkmal
Die ursprüngliche Funktion ist längst Geschichte. In den 1990er-Jahren ging der Wasserturm wieder in den Besitz der Stadt Langenselbold über. Heute erinnert er an eine Zeit, in der der Ausbau der Wasserversorgung zu den großen technischen Herausforderungen der Industrialisierung gehörte. Der örtliche Geschichtsverein bezeichnet das Gebäude deshalb als besonderes Industriedenkmal und setzt sich seit Jahren für seinen Erhalt ein. Bereits 2021 wurde eine Informationstafel zur Geschichte des Turms aufgestellt. Auch eine aktuelle Ausstellung zur Abtshecke thematisiert seine Bedeutung.
Ein historischer Ort mit langer Geschichte
Der Standort selbst besitzt eine Geschichte, die noch wesentlich weiter zurückreicht als die des Wasserturms. Der Wingertskippel, ein ehemaliger Weinberg, war dem örtlichen Geschichtsverein zufolge bereits seit der Steinzeit für die Menschen in der Region von Bedeutung. Östlich der Anhöhe befand sich außerdem die frühere Hochgerichtsstätte Langenselbolds. Historische Quellen nennen Langenselbold bereits 1566 als Hochgerichtsstandort. Noch bis ins 19. Jahrhundert sollen dort Reste des Galgens sichtbar gewesen sein. Heute ist von dieser Vergangenheit kaum noch etwas zu erkennen. Der Wasserturm ist dagegen bis heute als weithin sichtbares Zeugnis einer anderen Epoche erhalten.
Grüner Vorhang statt freier Blick
Für Besucher präsentiert sich das Baudenkmal derzeit allerdings in einem ungewöhnlichen Zustand. Das Sicherungsnetz verhüllt große Teile des Turms wie ein grüner Vorhang. Die Maßnahme ist notwendig, macht aber zugleich sichtbar, wie ernst die Situation inzwischen ist. Der Wasserturm liegt an der kulturhistorischen Spessartspur und in einem Bereich, der von Kindergärten, Schulen und Jugendgruppen als Lernort genutzt wird. In unmittelbarer Nähe befindet sich außerdem eine Picknickstation des Naturparks Hessischer Spessart. Der historische Turm ist damit Bestandteil eines öffentlich genutzten Landschafts- und Kulturraums.
Erhalt ist beschlossen – doch die Arbeit beginnt erst
Positiv ist, dass die Stadt nicht über einen Abriss des Baudenkmals diskutiert, sondern seinen dauerhaften Erhalt anstrebt. Doch zwischen diesem Ziel und einer tatsächlich abgeschlossenen Sanierung liegen noch zahlreiche Arbeitsschritte. Zunächst müssen Statik und Bausubstanz umfassend untersucht, die Schäden bewertet und ein belastbares Sanierungskonzept entwickelt werden. Erst danach lässt sich seriös bestimmen, welche Maßnahmen notwendig sind und mit welchem finanziellen Aufwand gerechnet werden muss. Der Fall zeigt damit einmal mehr ein bekanntes Problem der Denkmalpflege: Je länger Schäden an historischer Bausubstanz unentdeckt bleiben oder notwendige Maßnahmen hinausgezögert werden, desto komplexer und teurer kann eine spätere Sanierung werden.
Ein kleines Bauwerk mit großer Infrastrukturgeschichte
Der Wasserturm von Langenselbold gehört nicht zu den spektakulärsten Industriedenkmalen Deutschlands. Gerade deshalb ist sein Erhalt bemerkenswert. Er steht für eine Infrastruktur, die heute selbstverständlich erscheint: sauberes Wasser aus der Leitung. Hinter dem unscheinbaren Turm verbirgt sich die Geschichte einer technischen Revolution. Die Versorgung der Städte mit Quellwasser erforderte kilometerlange Leitungen, Druckregelung, Entlüftung und ausgeklügelte technische Anlagen. Der Wasserturm auf dem Wingertskippel war ein Teil dieses Systems.
Nun muss genau dieses Zeugnis des Industriezeitalters selbst vor dem Verfall bewahrt werden. Noch steht der Turm – allerdings derzeit nur gesichert hinter Netzen und Spanngurten. Wann die eigentliche Sanierung beginnt und wann das Bauwerk wieder ohne provisorischen Schutz zu sehen sein wird, bleibt offen.
