Plaue. Die historische Plauer Brücke in Brandenburg an der Havel bekommt ihr charakteristisches Erscheinungsbild zurück. Nach der umfassenden Sanierung der denkmalgeschützten Stahlfachwerkbrücke geht es nun um ein Detail, das für ihren historischen Wert besonders prägend ist: Das Jugendstil-Geländer wird restauriert und Schritt für Schritt wieder montiert. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützt jetzt die Sanierung und Montage weiterer sechs Geländersegmente.
130 Meter Stahlgeschichte über der Havel
Die Plauer Brücke wurde 1903 und 1904 errichtet. Sie ersetzte eine ältere Holzbrücke, die dem zunehmenden Straßen- und Schiffsverkehr nicht mehr gewachsen war. Mit ihrer genieteten Stahlfachwerkkonstruktion gehört sie zu den großen historischen Stahlbrücken Brandenburgs. Das Bauwerk überspannt die Havel auf einer Länge von 130 Metern. Die drei Brückenöffnungen besitzen jeweils eine Stützweite von 42,40 Metern. Die Konstruktion ruht auf zwei uferseitigen Widerlagern und zwei Doppel-Strompfeilern. Charakteristisch sind die drei Oberbauten mit ihren markanten Halbparabel-Fachwerkträgern.
Das Jugendstil-Geländer ist ein Stück Baukunst
Technisch beeindruckend ist die Konstruktion ohnehin. Doch ihren besonderen architektonischen Reiz erhält die Plauer Brücke durch die Gestaltung der Geländer. Die genieteten Flachstähle wurden in Formen des Jugendstils ausgeführt und bilden einen deutlichen Kontrast zur streng konstruktiven Stahlfachwerkarchitektur. Insgesamt besteht das historische Geländer aus 60 Segmenten. Jedes einzelne Element muss aufwendig restauriert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert nun sechs weitere Segmente aus den Erträgen von Stifterdarlehen.
Dass ausgerechnet dieses Detail eine solche Bedeutung besitzt, zeigt, wie eng bei historischen Ingenieurbauten Konstruktion und Gestaltung miteinander verbunden sein können. Das Geländer ist nicht bloß Absturzsicherung, sondern Teil der denkmalprägenden Gestaltung des gesamten Bauwerks.
Vom Verkehrsweg zum Denkmal
Über Jahrzehnte war die Plauer Brücke ein wichtiger Verkehrsweg. Ihre ursprüngliche Funktion veränderte sich jedoch grundlegend. Mit dem Bau einer neuen Umgehungsstraße und der Westhavellandbrücke wurde der Straßenverkehr ab 2003 auf die neue Verbindung verlagert. Die historische Brücke verlor damit ihre zentrale Funktion für den motorisierten Verkehr. Gleichzeitig eröffnete sich eine neue Perspektive für ihren Erhalt. Heute dient sie Fußgängern und Radfahrern. Seit 2025 wird ihre Nutzung durch eine zusätzliche Stegkonstruktion ermöglicht.
Jahrelanger Sanierungsprozess
Der Weg bis dahin war allerdings alles andere als selbstverständlich. Die Brücke war über Jahre erheblich geschädigt und zeitweise nicht mehr nutzbar. Nach Angaben des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege war das Bauwerk seit 2006 gesperrt. Korrosion am Stahl führte wiederholt zu Diskussionen über die Zukunft der historischen Konstruktion. Seit 2020 beziehungsweise 2021 wurde die denkmalgeschützte Brücke umfassend instand gesetzt. Die Sanierung dauerte mehrere Jahre und erforderte erhebliche finanzielle Mittel. Insgesamt wurden nach Angaben des rbb rund fünf Millionen Euro in die Instandsetzung investiert.
Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren
Die Plauer Brücke ist nicht nur ein Zeugnis der Ingenieurbaukunst des frühen 20. Jahrhunderts. In ihrer Konstruktion haben sich auch die Spuren der deutschen Geschichte erhalten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der mittlere Bereich der Brücke zerstört. Nach dem Krieg wurde der beschädigte Abschnitt wieder aufgebaut. Damit erzählt das Bauwerk heute nicht nur von der Entwicklung des Brückenbaus, sondern auch von Zerstörung und Wiederaufbau. Am 30. März 2026 wurde die Plauer Brücke nach jahrelanger Sanierung offiziell wiedereröffnet. Damit erhielt das Baudenkmal seine Funktion als Verbindung für den nicht motorisierten Verkehr zurück.
Die Wiedereröffnung markierte allerdings nicht das vollständige Ende der Arbeiten. Vor allem die historischen Jugendstilgeländer werden weiterhin restauriert. Bereits im Herbst 2025 konnten erste restaurierte Segmente wieder an der Brücke montiert werden. Die Arbeiten erfolgen dabei unter schwierigen Bedingungen über der Havel.
Bürger kämpfen weiter für das Original
Eine wichtige Rolle beim Erhalt der Brücke spielt das bürgerschaftliche Engagement. Der Unabhängige Bürgerverein Plaue und die Bürgerinitiative „Alte Plauer Brücke“ haben sich über Jahre für die Sanierung eingesetzt, für den Erhalt geworben und Spenden für die Restaurierung der historischen Geländerteile gesammelt. Dieses Engagement wurde im September 2026 mit dem Brandenburgischen Denkmalpflegepreis ausgezeichnet. Die beiden Initiativen erhielten den mit 4.000 Euro dotierten Preis für ihren langjährigen Einsatz. Auch nach der Wiedereröffnung setzen sie sich für die vollständige Restaurierung und Ergänzung der 60 historischen Geländersegmente ein.
Teil einer historischen Kulturlandschaft
Die Bedeutung der Plauer Brücke beschränkt sich nicht auf ihre technische Konstruktion. Zusammen mit dem Plauer Schloss und der sogenannten Wiesicke-Villa bildet sie auf der Brandenburger Uferseite ein prägendes Ensemble. Zudem liegt die Brücke am sogenannten Fontaneweg. Damit ist das Bauwerk Bestandteil einer Kulturlandschaft, in der Technikgeschichte, Architektur und literarische Erinnerung miteinander verbunden sind. Gerade diese Verbindung macht die Brücke für die Stadtentwicklung interessant. Sie ist nicht länger lediglich ein Verkehrsobjekt, sondern ein identitätsstiftender Bestandteil des Stadtbildes.
Denkmalpflege statt Abrissspirale
Die Geschichte der Plauer Brücke zeigt exemplarisch, wie gefährdet historische Infrastruktur sein kann, wenn ihre ursprüngliche Funktion entfällt. Eine alte Stahlbrücke lässt sich nicht einfach nach heutigen Maßstäben bewerten. Korrosion, eingeschränkte Tragfähigkeit und hohe Sanierungskosten stehen dem historischen Wert gegenüber. In Plaue wurde dennoch ein anderer Weg eingeschlagen. Die historische Konstruktion blieb erhalten, wurde technisch ertüchtigt und einer neuen Nutzung zugeführt. Die Rückkehr der Jugendstilgeländer macht nun sichtbar, dass Denkmalpflege nicht mit einer abgeschlossenen Sanierung endet.
Ein Stück Industriekultur bleibt erhalten
Die Plauer Brücke steht damit beispielhaft für eine Form von Industriekultur, die im Alltag häufig übersehen wird. Historische Fabriken und Kraftwerke sind als Industriedenkmale auf den ersten Blick erkennbar. Brücken dagegen werden oft lediglich als funktionale Infrastruktur wahrgenommen. Dabei erzählen sie ebenso viel über die technische Entwicklung einer Epoche. Die Plauer Brücke dokumentiert den Übergang zur modernen Stahlbauweise, die wachsenden Verkehrsanforderungen des Kaiserreichs und die Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur.
Dass heute wieder Menschen zu Fuß und mit dem Fahrrad über die mehr als 120 Jahre alte Konstruktion gehen können, ist deshalb mehr als eine praktische Lösung. Es ist das Ergebnis eines jahrelangen Ringens um den Erhalt eines technischen Denkmals – und ein Beispiel dafür, dass historische Infrastruktur auch nach dem Ende ihrer ursprünglichen Funktion eine Zukunft haben kann.
