Berlin. Die Waldsiedlung Zehlendorf gehört ab sofort zum UNESCO-Welterbe. Das UNESCO-Welterbekomitee hat die Berliner Wohnsiedlung am 26. Juli 2026 bei seiner Sitzung im südkoreanischen Busan offiziell in die Welterbeliste aufgenommen. Damit wird die sogenannte Onkel-Tom-Siedlung als siebter Bestandteil in die bereits seit 2008 bestehende Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ integriert. Die Entscheidung würdigt eine Wohnanlage, die vor rund 100 Jahren mit einem damals ungewöhnlichen Anspruch entstand: bezahlbarer Wohnraum sollte nicht auf Kosten von Licht, Luft, Grünflächen und Lebensqualität gehen.
Ein Bauprojekt, das seiner Zeit voraus war
Die Waldsiedlung entstand zwischen 1926 und 1932 im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Maßgeblich beteiligt waren die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolph Salvisberg. Auftraggeber beziehungsweise Träger war die Wohnungsbaugesellschaft GEHAG. Das Quartier wurde rund um die heutige Argentinische Allee und den U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ angelegt. Insgesamt entstanden 1.917 Wohnungen. Davon entfielen 1.108 Einheiten auf Geschosswohnungsbau und 809 auf Einfamilienhäuser. Die Planer verfolgten dabei ein für die damalige Zeit modernes städtebauliches Konzept. Wohnungen, Gärten, Verkehrswege und gemeinschaftlich nutzbare Bereiche sollten nicht isoliert voneinander entstehen, sondern zu einem funktionierenden Wohnumfeld zusammenwachsen.
Licht, Luft und Sonne statt grauer Mietskasernen
Die Waldsiedlung steht exemplarisch für das Neue Bauen der 1920er Jahre. Anstelle enger Hinterhöfe und dicht bebauter Arbeiterviertel setzte die Planung auf Licht, Luft und Sonne. Die Gebäude verfügen über Flachdächer, klare Formen und eine bewusst eingesetzte Farbgestaltung. Die Freiflächen wurden ebenso sorgfältig geplant wie die Gebäude. Beteiligt waren unter anderem die Landschaftsplaner Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre. Gerade die intensive Farbgebung machte die Siedlung über Berlin hinaus bekannt. Wegen ihrer auffällig bunten Häuser wird sie bis heute häufig als „Papageiensiedlung“ bezeichnet.
Bruno Taut prägt das Erscheinungsbild
Besonders eng ist die Siedlung mit dem Namen Bruno Taut verbunden. Der Architekt gehörte zu den wichtigsten Vertretern des modernen sozialen Wohnungsbaus in Deutschland. Taut wollte Wohnraum nicht lediglich funktional und günstig errichten. Architektur sollte nach seinem Verständnis auch das alltägliche Leben verbessern. Farbe, Grün, Licht und eine durchdachte Anordnung der Gebäude wurden deshalb zu wichtigen Bestandteilen des Konzepts. Die Waldsiedlung Zehlendorf zeigt diesen Ansatz bis heute besonders deutlich. Die Gebäude sind modern und funktional gestaltet, gleichzeitig fügt sich das Quartier in die vorhandene Waldlandschaft ein.
Kein neuer Welterbe-Eintrag, sondern eine Erweiterung
Mit der Entscheidung in Busan erhält Berlin keine völlig neue, eigenständige UNESCO-Welterbestätte. Vielmehr wird die bereits bestehende Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ um die Waldsiedlung Zehlendorf erweitert. Zu dieser gehören nun insgesamt sieben Siedlungen. Darunter befinden sich unter anderem die Hufeisensiedlung in Neukölln, die Weiße Stadt in Reinickendorf und die Großsiedlung Siemensstadt. Damit wird die Bedeutung des Berliner sozialen Wohnungsbaus der 1920er Jahre noch umfassender international anerkannt.
Zweiter Anlauf führt zum Erfolg
Der Weg zum UNESCO-Status war allerdings lang. Bereits 2008 war versucht worden, die Waldsiedlung in die Welterbestätte aufzunehmen. Dieser erste Anlauf blieb ohne Erfolg. Seit 2021 arbeitete das Land Berlin erneut an der internationalen Nominierung. Oberste Denkmalschutzbehörde und Landesdenkmalamt führten den umfangreichen Prozess federführend durch. Die erneute Bewerbung mündete nun in der Entscheidung des UNESCO-Welterbekomitees.
Was sich für die Bewohner ändert
Für die Menschen, die heute in der Waldsiedlung leben, bedeutet der neue Status zunächst keinen grundlegenden Einschnitt im Alltag. Nach Angaben des Berliner Landesdenkmalamts hat die UNESCO-Anerkennung keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Wohnen. Vielmehr soll der Welterbestatus die historische und architektonische Bedeutung des Quartiers stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Ein eigens entwickelter Managementplan sieht außerdem vor, die Bewohnerschaft auch künftig in die Entwicklung und den Umgang mit dem Welterbe einzubeziehen.
100 Jahre Waldsiedlung – und jetzt Welterbe
Die UNESCO-Entscheidung fällt ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Siedlung. Vor 100 Jahren, 1926, wurde der Grundstein für das außergewöhnliche Wohnprojekt gelegt. Aus diesem Anlass plant das Berliner Landesdenkmalamt vom 27. bis 30. August 2026 ein Festival in der Waldsiedlung. Unter dem Titel „Architektur. Gemeinschaft. Erleben.“ sollen Geschichte, Architektur und heutige Bedeutung des Quartiers miteinander verbunden werden.
Ein Denkmal für sozialen Wohnungsbau
Die Aufnahme in das UNESCO-Welterbe ist deshalb mehr als eine Auszeichnung für farbenfrohe Häuser und moderne Architektur. Die Waldsiedlung steht für eine städtebauliche Idee, die auch ein Jahrhundert später aktuell wirkt: guter und bezahlbarer Wohnraum soll mit hoher Lebensqualität verbunden werden. Die UNESCO würdigt damit ein Berliner Experiment des 20. Jahrhunderts, das bis heute sichtbar geblieben ist. Zwischen Wald, Gärten und markanter Architektur ist in Zehlendorf ein Wohnquartier erhalten geblieben, das die Vorstellungen des modernen Städtebaus seiner Entstehungszeit außergewöhnlich anschaulich vermittelt.
Berlin besitzt damit eine weitere international bedeutende Stätte der Architekturgeschichte. Die Waldsiedlung Zehlendorf wird vom historischen Wohnungsbauprojekt endgültig zum Welterbe der Moderne.
